Aggressivität nimmt zu

Gastronomen beklagen unhaltbare Zustände am Bahnhofsplatz

Die Lage am Bremer Hauptbahnhof hat sich in diesem Jahr extrem verschlechtert – sagen Gastronomen. Hoteliers berichten, dass Betrunkene und Bettler ihre Gäste belästigen.
24.11.2019, 08:04
Lesedauer: 4 Min
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Von Matthias Holthaus

"Die Situation eskaliert und wir sehen keine Möglichkeit, dass man uns hilft“, sagt Klaus Prinke-Vesecky vom Hotel Edelweiß am Bahnhofsplatz. Die Lage habe sich in den vergangenen Jahren erst verbessert und in diesem Jahr wieder extrem verschlechtert, fügt sein Geschäftspartner Heinz Vesecky hinzu.

Die Lage, so berichten es die Hoteliers: Betrunkene und Bettler, die ihre Gäste belästigen. Doch Klaus Prinke-Vesecky sagt auch: „Uns stören nicht die Leute, die drei bis vier Biere auf der Wiese am Bahnhofsplatz trinken, uns stören die aggressiven Menschen unter ihnen.“ Und diese Aggressivität habe zugenommen, sagt er. „Man wird beleidigt und bespuckt, es werden Flaschen geschmissen, wir haben Scherben auf unserer Terrasse.“ Das Problem bestehe aber nicht nur tagsüber, „nachts geht es weiter. Und morgens kommen die Gäste und beschweren sich wegen Ruhestörung.“

Zudem kämen die Menschen auch in das Restaurant und wollen die Toilette aufsuchen: „Bei uns auf der Toilette werden dann Drogen gehandelt und auch gespritzt, eine Kundin hat bereits blutige Spritzen gefunden.“

Aber nicht nur vorne am Bahnhofsplatz, auch der rückwärtige Teil des Hotels werde von Drogenabhängigen genutzt. „Dort werden Drogen gespritzt und auch das kleine und das große Geschäft verrichtet.“ Zudem gebe es dort Bunkerverstecke, also Depots, die von Dealern genutzt werden.

„Wir wünschen uns eine höhere Polizeipräsenz, vor allem abends“, sagt Heinz Vesecky. Generell wünsche er sich, dass etwas geschieht. „Seit langem fragt man sich, was mit der Wiese passiert. Die ganzen Verbesserungsvorschläge führen ja doch nur dazu, dass die Leute wieder dort verweilen. Alle machen dort Party, der Müll bleibt dort liegen, die Ratten tummeln sich.“

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„Gegen die Vermüllung am Bahnhof, das Verrichten der Notdurft in der Öffentlichkeit, Trinkgelage oder das Campieren auf öffentlichen Flächen soll konsequent vorgegangen werden“, heißt es im Programm „Neustart am Hauptbahnhof“, dass im September 2018 vom damaligen Bürgermeister Sieling und Innensenator Mäurer vorgestellt wurde. Bereits zu diesem Zeitpunkt gab es mehrere Treffen der Initiative „Partnerschaft attraktiver Bahnhof“, bestehend aus Anrainern, Initiativenvertretern und Vertretern der Ressorts Bau, Soziales und Wirtschaft sowie der Polizei und Bremer Straßenbahn AG (BSAG), „um Ideen für eine bessere Aufenthaltsqualität rund um den Bahnhof zu entwickeln“. Da hätten sie erwartet, dass nun etwas passiere, „nicht, dass wir uns nur zusammensetzen und reden“, meint Heinz Vesecky.

Seit ein paar Wochen gebe es nun den Verein „Attraktiver Bahnhof“, der aus der Initiative „Partnerschaft attraktiver Bahnhof“ hervorgegangen ist. „Wir sind erst ganz am Anfang und wollen zusammen mit Politik und Polizei etwas ändern.“ Doch es gehe ihnen nicht schnell genug: „Einige Gäste bleiben weg und wir wissen nicht mehr, was wir tun und wie wir uns wehren sollen. “

Eine Möglichkeit zur Verbesserung sei eine Umgestaltung des Platzes oder ein Alkoholverbot auf dem Bahnhofsplatz. Heinz Vesecky weiß aber auch: „Die Bettler selbst kriegen wir nicht weg.“ „Alle Bahnhöfe in Deutschland ziehen Menschen an, auch Menschen in prekären Lebenslagen“, sagt dazu Jens Körber, beim Senator für Inneres als Projektkoordinator „Sichere und saubere Stadt“ tätig. Gleichzeitig sei der Bahnhof auch ein Ort, wo Menschen ankommen. „Und wir wollen das so gestalten, dass Menschen gerne ankommen“, sagt Körber. Beim Konzept „Attraktiver Bahnhof“ gehe es auch darum, etwas für das Sicherheitsgefühl zu tun und das mangelnde Sicherheitsgefühl gehe einher mit Verwahrlosung und Unordnungserscheinungen – die Aufenthaltsqualität sinkt. „Doch es geht nicht darum, die Menschen zu vertreiben“, sagt er, „wir wollen Angebote schaffen und ausbauen. Das heißt nicht, dass sich die Leute nicht am Bahnhof aufhalten dürfen, doch sie sollen sich anständig verhalten.“

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Eines dieser Angebote ist der in Höhe des Intercity-Hotels eingerichtete Szenetreff: Die Menschen können sich dort treffen, Bier trinken, sie haben eine qualifizierte Betreuung und eine Toilette. „Wir wünschen uns eine Ausweitung des Angebots, aber das ist eine Kostenfrage“, sagt Jens Körber. „Momentan haben wir keine Anlaufstelle für Drogenkonsumenten. Das ist aber kein ordnungspolitisches Problem, sondern ein gesundheitliches Problem. Daher ist es wichtig, Hilfsangebote zu schaffen.“ Ein solches Hilfsangebot könnte in der Einrichtung eines Drogenkonsumraums bestehen. Solche Räume hätten den Vorteil, dass den Menschen geholfen werden könnte und sie in Ruhe konsumieren könnten.

Wo sind also die Grenzen, was ist erlaubt, was verboten? „Übernachtungslager aufbauen oder zum Betteln mitten auf dem Weg sitzen, das darf nicht sein“, sagt Jens Körber. Wenn ein Obdachloser einen Schlafsack habe, an einem Platz schlafe und morgens gehe, dann sei das keine Arbeit für die Polizei. „Große und dauerhafte Lagerplätze in der Innenstadt dulden wir aber nicht, da gibt es umfangreiche Hilfsangebote.“ Ein weiteres ungelöstes Problem sei neben dem fehlenden Druckraum die Zuwanderung von Obdachlosen aus Osteuropa ohne Perspektive, die keine Sozialleistungen beanspruchen können und auf der Straße leben.

„Nicht geduldet wird dauerhafter Alko­holkonsum mit einhergehender Belästigung anderer Leute“, fährt Körber fort. „Insbe­sondere an Bushaltestellen wird dieses Verhalten eng ausgelegt. Der Platz soll Fahrgästen vorbehalten sein.“ Doch dieser Einsatz hat Grenzen: „Wir haben derzeit 22 Personen im Ordnungsdienst, es sollen 100 werden. Man merkt aber, dass wir auch bei der Polizei noch nicht die Kapazitäten haben, die wir brauchen.“

Ein Alkoholverbot, wie von den Betreibern des Edelweiß vorgeschlagen, werde derzeit geprüft, meint Jens Körber: Er schaue dabei auf die Erfahrungen, die München macht, wo seit kurzem ein Alkoholverbot rund um den Bahnhof herrscht. Er stellt aber auch klar: „Wir wollen nicht die Menschen vertreiben, sondern das rechtswidrige Verhalten der Menschen unterbinden. Wir wollen die Konflikte reduzieren.“ Die Beschwerden der Edelweiß-Betreiber kann Jens Körber nachvollziehen, bittet aber um etwas Geduld. „Der Druckraum wurde in einer Studie der Uni Bremen empfohlen. Die Vorbereitung für eine politische Entscheidung und die Suche nach einem geeigneten Standort werden von den beteiligten Ressorts aktiv betrieben.“ Dann müsse eine Rechtsverordnung für Bremen her. „Doch das dauert ein halbes Jahr.“

++ Der Text wurde um 17.25 Uhr aktualisiert ++

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