Klimafreundliches Wohnen

Zweifel am Effekt von Gebäudesanierungen

Bremer Wohnungskonzerne investierten hunderte Millionen Euro, um ihre Gebäude energieeffizient und damit klimafreundlich zu machen. Nun gibt es Zweifel am Effekt und an der Aussagekraft von Messmethoden.
30.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Zweifel am Effekt von Gebäudesanierungen
Von Joerg Helge Wagner
Zweifel am Effekt von Gebäudesanierungen

Seit 2010 wurden bereits 342 Milliarden Euro investiert, um Gebäude klimafreundlicher zu machen. Doch die Statistiken zeigen, dass es kaum Veränderungen gab.

Schoening

Um den Energieverbrauch in Wohngebäuden zu senken, wurden in Deutschland seit 2010 mehr als 342 Milliarden Euro investiert – das entspricht beinahe dem kompletten Bundeshaushalt des vorigen Jahres. Entsprechende Daten hat der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) veröffentlicht. Doch offenbar geht der Energieverbrauch kaum zurück, zwischen 2010 und 2018 blieb der sogenannte Raumwärmeverbrauch pro Quadratmeter etwa gleich hoch. Der Spareffekt verpufft demnach. Bringt die Milliardeninvestition somit auch für den Klimaschutz zu wenig?

In Bremen ist die Wohnfläche von Anfang 2010 bis Ende 2016 um 3,6 Prozent oder fast eine Million Quadratmeter gestiegen. Im gleichen Zeitraum sanken die CO2-Emissionen im Gebäudebereich um 10,4 Prozent oder 163 000 Tonnen. Diese Zahlen des Umwelt- und Bauressorts schließen allerdings „Nichtwohngebäude“ ein, zudem sind sie „nicht witterungsbereinigt“. Bundesweit darf der gesamte Gebäudesektor im Jahr 2030 noch höchstens 72 Millionen Tonnen CO2 emittieren, aber 2018 waren es rund 120 Millionen Tonnen. Und zwei Drittel der Wohngebäude wurden vor der ersten Wärmeschutzverordnung 1979 errichtet. Sie verbrauchen deutlich mehr Energie als neuere Gebäude und stoßen mehr CO2 aus.

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Große Wohnungskonzerne setzen deshalb auf Energieeffizienz: „Seit 2013 haben wir insgesamt rund 115 Millionen Euro in unsere Bremer Bestände investiert – davon 51 Millionen Euro für die energetische Modernisierung“, sagt Vonovia-Sprecherin Panagiota-Johanna Alexiou. Das betrifft Fenster, Heizungen, Dacharbeiten, doch die Hälfte dieser Mittel fließt in Wärmedämmverbundsysteme. Mit rund 42 000 Wohnungen ist die landeseigene Gewoba die größte Vermieterin in Bremen.

Nach Auskunft von Unternehmenssprecherin Christine Dose hat sie seit 2010 mehr als 216 Millionen Euro für Maßnahmen zur Energieeffizienz in den bestehenden Wohnungen ausgegeben. „Der Großteil entfällt auf die energetische Sanierung bei Fassaden und Dächern“, erläutert Dose. Ab 2014 wurden dafür öffentliche Tilgungszuschüsse von fast 9,6 Millionen Euro beantragt. Von den 1331 Neubau-Wohnungen der Gewoba erfüllen mehr als die Hälfte die KfW-Standards 50 und 40, ihr Wärmeenergieverbrauch ist um 50 oder sogar 60 Prozent geringer als bei einem vergleichbaren Neubau.

Die Stadtwerke Bremen (SWB) können zwar Zahlen zum Gas- und Fernwärmeverbrauch liefern, aber auch die sind nicht „witterungsbereinigt“: Lange, strenge Winter oder Frühjahrswochen mit sommerlichen Temperaturen werden also nicht aus dem Durchschnitt herausgerechnet. SWB-Sprecher Friedhelm Behrens verweist auf sogenannte Rebound-Effekte: Die Effizienzsteigerung mache die Verbraucher sorgloser im Umgang mit Energie.

„Nun gibt man sich nicht mehr mit 19 Grad Raumtemperatur zufrieden, es müssen schon 22 Grad sein. Oder beim Lüften wird die Heizung gar nicht mehr abgedreht.“ Behrens will das aber nicht als Votum gegen Gebäudesanierungen verstanden wissen: „Bei der Energiewende ist Wärmeeinsparung eindeutig der Treiber. Hier geht es um große Werte, während beim Stromverbrauch nicht mehr so viel rauszuholen ist.“

GdW-Präsident Axel Gedaschko würde allerdings lieber mehr in dezentrale CO2-arme Energieerzeugung mit Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnik investieren und „weg von immer teureren energetischen Sanierungen“, wie er vor Kurzem in der Zeitung „Die Welt“ betonte. Der Eigentümerverband Haus & Grund rät seinen Mitgliedern eher zu „kleineren Maßnahmen, die zu keiner nennenswerten Mieterhöhung oder Wohnkostensteigerung führen.“

Corinna Kodim, Geschäftsführerin für den Bereich Energie/Umwelt/Technik, nennt zum Beispiel den Austausch eines alten Heizge­rätes, die Dämmung der obersten Ge­schossdecke oder die Zwischensparrendämmung beim Dach sowie den Austausch von Fenstern. „Sehr effizient ist es auch, die Heizung richtig einzustellen und eine vernünftige Steuerung oder gar eine Gebäudeautomation zu in­stallieren.

Dabei können Fensterkontakte im Winter dafür sorgen, dass die Heizung ­während des Lüftens ausgeschaltet wird.“ Wie Gedaschko kritisiert auch Haus & Grund die Beurteilung von Gebäuden anhand eines theoretisch ermittelten Energiekennwerts. So sei die Qualität der deutschen Häuser in Wirklichkeit besser, denn es würden „weder die Annahmen zu den Außen- und Innentemperaturen noch der Zustand und die Nutzung eines Gebäudes realistisch beurteilt“.

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Nach einer Studie der FH Bielefeld lägen die theoretischen Bedarfswerte um bis zu 173 Prozent höher als die tatsächlich gemessenen Energieverbrauchswerte. „Eigentümer investieren dadurch viel Geld in Modernisierungen, die am Ende den Klimaschutz nicht voranbringen und das Wohnen teurer machen“, beklagt Verbandspräsident Kai Warnecke. Deshalb wollen die Eigentümer und Wohnungsunternehmen lieber eine direkte CO2-Messung und -Bepreisung.

Bremen setzt vorerst weiter auf die Förderung von Wärmeschutzmaßnahmen und den Ersatz alter Heizungsanlagen. Zuschüsse gibt es ausschließlich für Privatpersonen, deren Immobilien sich im Land Bremen befinden, vor 1995 erbaut wurden, ganz oder teilweise zu Wohnzwecken dienen und höchstens zwölf Wohneinheiten haben. „Ein Rechtsanspruch auf Bewilligung eines Zuschusses besteht nicht“, betont die Behörde. Man entscheide „im Rahmen der verfügbaren Haushalts­mittel“.

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