Mein erstes Mal

Geboren, um zu helfen

Morteza Eshghparas hat „Help Dunya e.V.“ 2018 gegründet und ist Vorstandsvorsitzender des Vereins. Der Bremer hilft gemeinsam mit anderen Aktiven in Ländern wie Somalia, Bangladesch, Togo oder dem Iran.
29.06.2019, 19:36
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Geboren, um zu helfen
Von Aljoscha-Marcello Dohme
Geboren, um zu helfen

Morteza Eshghparast (Vorstandsvorsitzender Help Dunya e.V.)

Christina Kuhaupt

Dass ich mich für Menschen in Krisengebieten einsetze und schließlich auch die Hilfsorganisation „Help Dunya e.V.“ gegründet habe, ist eng mit meiner eigenen Lebensgeschichte verknüpft. Als Kind habe ich den Iran-Irak-Krieg miterlebt. Die Bombenangriffe seitens der irakischen Armee werde ich nie vergessen. Noch heute weiß ich, wie wir weinend eine Treppe herunterliefen und Angst hatten, dass uns eine Bombe trifft. Nach sieben Jahren Krieg hat mein Vater beschlossen, seinen Kindern eine Zukunft ohne Krieg zu ermöglichen. Er hat uns unter den Arm genommen und ist mit uns nach Deutschland geflüchtet.

Hier angekommen dachte ich, die schrecklichen Erinnerungen aus meiner Kindheit irgendwann dauerhaft verdrängen zu können. Doch dem war nicht so. Ich kam aus dem Urlaub in der Türkei und war auf dem Rückweg mit dem Auto. Da habe ich die Masse von Menschen gesehen, die vor dem Krieg aus Syrien nach Europa geflüchtet sind. Das waren tausende von Menschen, die da über die Autobahnen liefen. Ich dachte nur, dass kann doch nicht wahr sein. So kamen auch die Erinnerungen an den Krieg in meiner Heimat wieder hoch.

Auch nachts Temperaturen über 40 Grad

Deshalb wollte ich hier nicht nur sitzen und zuschauen. Das geht einfach nicht. Ich muss was tun. Zu der Zeit habe ich auch angefangen, den Koran vernünftig von Anfang bis Ende zu lesen. Dort steht mehrfach geschrieben, dass wir gute Taten verrichten sollen und dass es wichtig ist, anderen Menschen zu helfen. Und das habe ich schließlich auch in die Tat umgesetzt.

Einige Monate nachdem ich von meinem Urlaub zurückgekehrt war, habe ich mich allein auf den Weg nach Griechenland gemacht, um den Menschen in einem Flüchtlingslager zu helfen. Vor Ort bin ich dann wieder auf die Massen von Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak gestoßen. Frauen, Männer und Kinder, die sich zuvor gar nicht kannten, mussten sich zusammen ein kleines Zelt teilen. Das zu sehen, war für mich absolut heftig. Als ich die Sanitäranlagen dort entdeckt habe, kam ich mir vor wie in einem Kuh- oder Schweinestall. Ich konnte meinen Augen kaum trauen.

Was mich in dem griechischen Flüchtlingslager erwarten wird, wusste ich im Vorfeld nicht. Deshalb habe ich vor Ort zunächst einmal die Lage analysiert, um festzustellen, was die Menschen eigentlich brauchen. Ein Problem waren zum Beispiel Mückenstiche. Auch herrschten in der Nacht noch immer Temperaturen über 40 Grad. Die Menschen haben richtig gelitten. Deshalb habe ich Ventilatoren für sie besorgt. Ich habe intuitiv gearbeitet und das hat funktioniert.

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Eigentlich wollte ich den Einsatz mit einem Urlaub in der Türkei verbinden. Mein Plan war, erst ein bisschen zu helfen und mich dann zu erholen. Doch ich musste schnell feststellen, dass die Hilfe nicht ausreichend war. Deshalb habe ich über Facebook Werbung gemacht. Zwischenzeitlich bin ich für drei, vier Tage in die Türkei gefahren. Durch meinen Aufruf kamen insgesamt gut 3000 Euro zusammen.

Dann stellte sich für mich die Frage, weiter Urlaub zu machen oder 700 Kilometer mit dem Auto zurück nach Griechenland zu fahren und die Menschen dort sofort unterstützen. Ich habe mich für Letzteres entschieden und habe zum Beispiel Lebensmittel oder Hygieneartikel gekauft und an die Flüchtlinge verteilt. Als das Geld komplett ausgegeben war, war ich so ausgepowert, dass ich direkt zurück nach Bremen gefahren bin und meinen Urlaub nicht mehr fortgesetzt habe. Dazu kam auch, dass der Aufenthalt in Griechenland mich seelisch und körperlich mitgenommen hat.

Trotzdem war ich überglücklich. Es gibt kein schöneres Gefühl als Menschen helfen zu können. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich, das kann man mit keinem Geld der Welt kaufen und bleibt ein Leben lang.

Den Ärmsten der Armen helfen

Ganz ungefährlich war die Arbeit in Griechenland aber nicht. Immer wieder gab es brenzlige Situationen. Manche Menschen hatten etwa Angst, nichts abzubekommen, was beinahe zu Schlägereien um die Güter geführt hat. Mittlerweile bin ich aber an viel risikoreicheren Orten aktiv, zum Beispiel in Mogadishu, einer der gefährlichsten Städte der Welt. Dort gibt es jeden Tag Bombenangriffe. Gefahren sind aber auch Krankheiten wie Malaria oder Gelbfieber. Angst habe ich aber trotzdem nicht. Gott verspricht, wer hilft, bekommt zehn Mal so viel Kraft. Und genauso fühle ich mich auch.

Zu Beginn habe ich das ganz alleine gemacht. Ich musste aber schnell feststellen, dass ich ohne die Hilfe anderer Ehrenamtlicher nicht viel bewirken kann. Deshalb habe ich über die sozialen Netzwerke nach Mitstreitern gesucht. So wurden wir immer mehr. Mittlerweile sind wir gut 80 Aktive bundesweit.

Den Einsatz in Griechenland haben wir mittlerweile beendet. Bei meinen Reisen musste ich feststellen, dass es den Menschen in Afrika oder Bangladesch noch viel schlechter geht. Deshalb helfen wir nun in diesen Regionen den Ärmsten der Armen.

Aufgezeichnet von Aljoscha-Marcello Dohme.

Info

Zur Person

Morteza Eshghparast hat „Help Dunya e.V.“ 2018 gegründet und ist Vorstandsvorsitzender des Vereins. Der Bremer hilft gemeinsam mit anderen Aktiven in Ländern wie Somalia, Bangladesch, Togo oder dem Iran. Daneben kümmert sich Help Dunya auch um Menschen in Bremen, etwa um Obdachlose. Seinen ersten Hilfseinsatz hatte er bereits 2016 vor der offiziellen Gründung des Vereins. Eshghparast ist selbstständig und führt in Walle eine Werbeagentur.

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