Corona-Zeiten

Wie Bremer Kliniken auf Geburten vorbereitet sind

Werdende Eltern stehen wegen der Corona-Pandemie vor besonderen Herausforderungen. Die Geburtskliniken in Bremen haben sich unterschiedlich darauf eingestellt. Zwei Bremerinnen berichten.
26.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Helke Diers
Wie Bremer Kliniken auf Geburten vorbereitet sind

Auch die Bedingungen in den Kreißsälen und auf den Geburtsstationen haben sich durch die Corona-Pandemie verändert.

Franziska Gabbert/dpa

Das eigene Kind auf die Welt zu bringen, ohne Unterstützung des Partners. Lediglich das Klinikpersonal, wie Hebammen und Ärzte, begleiten die Geburt. Diese Sorge treibt seit mehreren Wochen viele werdende Mütter in Bremen um. „Als die Schwangerschaft Richtung Endspurt ging, kamen die ganzen Sorgen. Da war noch nicht klar, ob mein Mann mit in den Kreißsaal kann“, erzählt Anne-Kathrin Laufmann.

Ende April hat sie im Klinikum Links der Weser (LDW) eine Tochter zur Welt gebracht und erlebt jetzt das Wochenbett unter Corona-Bedingungen. Die Regelungen in den vier Bremer Geburtskliniken hinsichtlich Begleitung und Infektionstests unterscheiden sich. „Am meisten beschäftigt die Frauen die Besuchsregelung“, sagt Heike Schiffling, Vorsitzende des Hebammenlandesverbands Bremen. „Es ist weniger die Angst um die Erkrankung. Eher die Angst darum, was sich als Familie im Miteinander verändert.“

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Die werdenden Väter oder Partner dürfen derzeit in allen Bremer Geburtskliniken bei der Geburt dabei sein. Im St.-Joseph-Stift kann die Begleitperson Mutter und Baby auch auf der Wochenstation besuchen, sofern sie keine Symptome oder Risikofaktoren für eine Infektion aufweist. Im LDW und im Klinikum Bremen-Nord ist das nicht möglich. Im Krankenhaus Diako im Bremer Westen darf der Partner, sofern ausreichend Kapazitäten vorhanden sind, für eine Nacht im Familienzimmer bleiben, heißt es auf Anfrage.

Anders kam es für Anne-Kathrin Laufmann, ihr zweites Kind – Tochter Tilla – ist per Kaiserschnitt zur Welt gekommen. Ihr Mann konnte, anders als zuvor im Kreißsaal, nicht dabei sein. „Ich musste alleine runter in den OP. Das war für uns beide komisch“, sagt sie. Eine Krankenschwester habe ihr die Hand gehalten; eine Hebamme habe ihrem Mann das Baby nach der Geburt gebracht, während sie selbst zunächst in einem anderen Stockwerk bleiben musste.

Die Begleitung durch den Vater ist auch für Lina Kettler das entscheidende Kriterium für die Wahl der Geburtsklinik. Die Grundschullehrerin wird im Sommer ihr erstes Kind bekommen. Nach der Geburt möchte sie für ein paar Tage im Krankenhaus bleiben. Ob das aber auch noch gilt, wenn der Vater sie nicht besuchen kann, weiß sie noch nicht. „Wahrscheinlich eher nicht“, sagt sie.

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Die Nachfrage nach ambulanten Geburten sei seit der Corona-Pandemie gestiegen, berichtet Hebammen-Vorsitzende Schiffling. Bei einer ambulanten Geburt verlassen Mutter und Kind das Krankenhaus wenige Stunden, nachdem das Kind zur Welt gekommen ist. Das Klinikum Bremen-Nord teilt mit, dass sich die Zahl der ambulanten Geburten mindestens verdoppelt habe.

Im Diako in Gröpelingen und im St.-Joseph-Stift in Schwachhausen gibt es diese Entwicklung nicht, wie es aus den Häusern heißt. Laufmann hat sich nach zwei Nächten selbst aus dem Krankenhaus entlassen. Das Wochenbett ohne familiäre Unterstützung sei für sie körperlich anstrengend und bedrückend gewesen, berichtet sie über die ersten Tage nach dem Kaiserschnitt.

Die Bremer Kliniken sind auf Geburten positiv getesteter Frauen vorbereitet, wie es auf Anfrage heißt. Es gebe besonders ausgestattete Kreißsäle in Isolierbereichen. Routinemäßige Tests auf das Coronavirus bei den gebärenden Frauen werden nach Angaben der Klinken in Bremen-Nord und im LDW vorgenommen, im St.-Joseph-Stift und im Diako nicht.

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Im Klinikum Bremen-Nord habe es bereits „jede Menge“ Geburten positiv getesteter Frauen gegeben, sagt Stefanie Beckröge vom Klinikverbund Gesundheit Nord, zu dem das Krankenhaus im Bremer Norden und das LDW gehören. Das Klinikum Nord liege in der Nähe der Lindenstraße, dort befindet sich die Landeserstaufnahmestelle für Asylbewerber und Flüchtlinge, wo seit Mitte April die Zahl der bestätigten Corona-Infektionen gestiegen ist.

„Das ist momentan der Hotspot unter den schwangeren und positiven Frauen“, sagt auch Hebammen-Vorsitzende Schiffling. Mehr als 20 Frauen seien dort momentan nahe am Geburtstermin und in Quarantäne. „Es ist sowieso schon schwer, unter diesen Verhältnissen eine normale Betreuung zu gewährleisten“, sagt sie. „Das beschäftigt uns.“

Das Robert-Koch-Institut in Berlin kann laut Mitteilungen kein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe bei schwangeren Frauen belegen, und auch die Mehrzahl der Kinder zeigt nach bisherigen Studien einen eher milden und unspezifischen Krankheitsverlauf. Gedanken machen sich sowohl Laufmann als auch Kettler um den Kontakt zur Risikogruppe Großeltern.

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Die Großeltern der kleinen Tilla haben ihre Enkelin erst nach ein paar Wochen zum ersten Mal auf den Arm genommen. Davor hätten alle Abstand zueinander gehalten, wie Laufmann berichtet. „Innerhalb der Familie werden wir entspannter, auch wenn immer ein komisches Bauchgefühl dabei ist.“ Kettler weiß noch nicht, wie sie den Kontakt zu den entfernt wohnenden Großeltern risikoarm gestalten kann. Mit anderen Schwangeren die Geburt besprechen und später zum Babyschwimmen und in die Krabbelgruppe gehen – momentan ist auch das schwer bis gar nicht möglich.

Fast alle Angebote, bei denen junge Familien Beziehungen knüpfen können, sind in den vergangenen zwei Monaten ausgefallen oder wurden zu Online-Angeboten umfunktioniert. Dazu zählen auch Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse, Spielgruppen und Schwangerschaftssport. Kettler wünscht sich mehr Kontakte, gerade für die erste Zeit mit ihrem Baby. Der lockere Plausch sei digital nicht so einfach. „Nur weil man sieben Schwangere im Video sieht, läuft man hinterher nicht gemeinsam mit dem Kinderwagen rum“, sagt sie.

Schon die vergangenen Monate seien einsamer als zuvor gewesen. Rücksichtsvolle Freunde hätten sich aus Sorge, unwissentlich zu Infektionsüberträgern zu werden, nicht mit ihr treffen wollen. Auch Laufmann sieht mit gemischten Gefühlen ihrer zweiten Elternzeit entgegen. „Ich versuche, das Beste daraus zu machen.“ Mit wenig Kontakten und Angeboten könne einem schnell die Decke auf den Kopf fallen. „Es wird eine Herausforderung“, sagt die Mutter.

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