Vor 50 Jahren starben 46 Menschen beim Absturz einer Lufthansa-Maschine am Neuenlander Feld

Gedenken an die Opfer

Neuenland·Stuhr. Den „Caduti di Brema“, den „Opfern von Bremen“, ist im süditalienischen Neapel sogar ein Stadion gewidmet, und außer in Bremen wurden ihnen auch in mehreren italienischen Städten Gedenksteine gewidmet. Denn als am 28.
28.01.2016, 00:00
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Von Erika Thies

Den „Caduti di Brema“, den „Opfern von Bremen“, ist im süditalienischen Neapel sogar ein Stadion gewidmet, und außer in Bremen wurden ihnen auch in mehreren italienischen Städten Gedenksteine gewidmet. Denn als am 28. Januar 1966 beim Landeanflug auf den Bremer Flughafen eine zweimotorige Lufthansa-Convair abstürzte (siehe auch Hauptteil), da war unter den 46 Toten auch die Elite des italienischen Schwimmsports: sieben junge Männer und Frauen, Mitglieder der Nationalmannschaft ihres Landes.

Sie hatten tags darauf im Bremer Zentralbad am 10. Internationalen Schwimmfest des Bremer Schwimm-Clubs von 1885 teilnehmen sollen. Statt auf dessen Siegerlisten stehen ihre Namen nun auf einem Gedenkstein, der am 4. März 1967 nahe der Absturzstelle, aber schon nicht mehr auf Bremer, sondern auf Stuhrer Gebiet, feierlich eingeweiht wurde.

An der Enthüllung durch den Präsidenten des italienischen Schwimmverbandes, Aldo Parodi, nahm die gesamte italienische Schwimmer-Nationalmannschaft teil, darunter auch die 15-jährige Adele Longo aus Bologna, deren Schwester, die Brustschwimmerin Carmen Longo, zu den Opfern gehörte. Alle am Schwimmfest beteiligten Länder hatten Vertreter geschickt. Aus München war der Präsident des Deutschen Schwimmverbandes, Hermann Karg, gekommen, aus Blumenthal eine aus italienischen Gastarbeitern bestehende Fußballmannschaft. Propst August Sandtel, das Oberhaupt der Bremer Katholiken, weihte den Stein „zum Gedenken und als Mahnung“. Senatorin Annemarie Mevissen versprach in ihrer Rede, „die Namen der Toten über unsere Generation hinaus für die Lebenden zu bewahren“.

Der schlichte Stein aus Obernkirchener Sandstein steht inzwischen im Park Links der Weser, nicht weit von der Ochtum und der Norderländer Straße. Sicherheitsmaßnahmen für den Flughafen hatten 1991 seine Umsetzung erfordert. Schon zu diesem Zeitpunkt ist er in Bremen nicht mehr sehr bekannt gewesen und wurde wenig beachtet. Der Gedenkstein ist vorne italienisch und auf der Rückseite deutsch beschriftet. Errichten ließen ihn, so der deutsche Text, das Italienische Olympische Komitee und der Italienische Schwimmverband „zur Erinnerung an sieben italienische Schwimmer, ihren Trainer und einen Reporter, deren junges Leben am 28. 1. 1966 bei einem Flugzeugabsturz über Bremen zerbrach“.

Auf der italienischen Seite sind alle neun Namen genannt: Carmen Longo, Daniela Samuele, Luciana Massenzi, Amedeo Chimisso, Bruno Bianchi, Sergio De Gregorio und Chiaffredo Rora, drei Schwimmerinnen und vier Schwimmer, außerdem der Trainer Paolo Costoli und der Fernsehjournalist Nico Sapio. Die beiden Jüngsten – Daniela aus Genua und Carmen aus Bologna – waren 17 und 18 Jahre alt. Der Älteste, Bruno aus Triest, war erst 22. Genauso jung wie das Bremer Opfer Renate Radau.

Aus Bremen kamen 13 der 46 Toten. Es waren zumeist Geschäftsleute auf dem Weg nach Hause, darunter der 25-jährige Horst Bischof und der 30-jährige Jürgen Thews. Vermutlich die meisten wurden am Flughafen von ihren Angehörigen erwartet, die dann das furchtbare Geschehen miterleben mussten. Renate Radau war die einzige Bremerin und nach den italienischen Schwimmerinnen und Schwimmern wohl die Jüngste unter den Passagieren. Einem unserer Redakteure sagten ihre Eltern, wie sehr sie sich auf den Besuch der inzwischen in Italien, in Sorrent, lebenden Tochter gefreut und wie verzweifelt sie bis zuletzt gehofft hatten, sie möge das Flugzeug verpasst haben. Die italienische Sportlergruppe hatte sich am 28. Januar tragischerweise buchstäblich erst in letzter Minute auf den Lufthansa-Flug von Frankfurt nach Hamburg via Bremen umbuchen lassen.

Unter den Toten war auch die Schauspielerin Ada Tschechowa.

Gedenkfeier am Schwimmbecken

Im Zentralbad hatte „das größte und bedeutendste europäische Hallenschwimmfest“ am Freitagabend programmgemäß begonnen. Durfte die Veranstaltung weitergehen? Brach man sie nicht besser ab? Wie unsere Zeitung im Vorfeld gemeldet hatte, lagen für die 27 Wettkämpfe 341 Einzel- und 21 Staffelmeldungen vor. Die australischen Olympiasieger Kevin Berg und Robert Windle, der argentinische Weltrekordler Luis Nicolao – sie und andere Stars sollten am Start sein. Bei den vorangegangenen neun Bremer Schwimmfesten waren mehrere Weltrekorde übertroffen worden, die allerdings, da das Zentralbad nur über eine 25-Meter-Bahn verfügte, nicht offiziell anerkannt werden konnten.

Karl-Walter Fricke, als Vorsitzender des BSC von 1885 auch der Hauptorganisator, war zum Aufgeben bereit, ließ sich dann aber umstimmen. Erst in den frühen Morgenstunden des Sonnabend fiel die Entscheidung. Willi Daume, Präsident des Deutschen Sportbundes, und Karl-Wilhelm Leyerzapf, Vorsitzender des Deutschen Schwimmverbandes, hatten fürs Weitermachen plädiert, das sicherlich auch im Sinne der Verunglückten sei. So begann am Sonnabend der zweite Tag des 10. Internationalen Schwimmfestes mit einer Gedenkfeier am Beckenrand, rund 900 Zuschauer erlebten sie von den Rängen aus mit. Vor einer mit einem Trauerflor geschmückten italienischen Fahne verlas Karl-Walter Fricke die neun Namen, die dann im Jahr darauf auf dem Gedenkstein zu lesen waren.

Vor dem Erinnerungsmal wird an diesem Donnerstag, 50 Jahre nach dem Flugzeugabsturz, ein kleiner Kreis von unmittelbar Betroffenen zusammenkommen – zu einem Gedenken, das aber ausdrücklich nicht für die breite Öffentlichkeit bestimmt ist.

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