Mahnmal für Fluchtopfer Gedenkstein ist fast fertig

In Bremen entsteht einer der ersten Gedenkorte in Deutschland, die an Menschen erinnern, die auf der Flucht vor den Grenzen Europas ihr Leben ließen. Am 3. Juni wird der Gedenkstein eingeweiht.
12.05.2018, 07:48
Lesedauer: 3 Min
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Gedenkstein ist fast fertig
Von Karin Mörtel

Hell schimmert die Bronze unter dem Tuch hervor, das die Skulptur einhüllt, als wolle es ein frierendes Kind wärmen. Nur zögernd schlägt Klaus Effern den Stoff ein Stück zurück. Schließlich ist erst Anfang Juni die Einweihung des Mahnmals für Flüchtlinge, die vor Europas Grenzen ihr Leben ließen.

Der Bildhauer aus der Bremer Neustadt hatte den Wettbewerb um die beste Gestaltungsidee gewonnen, den die Kirchengemeinde Arsten-Habenhausen ausgelobt hatte (wir berichteten). Inzwischen fehlt nur noch das Fundament auf dem beschaulichen Friedhof neben der mittelalterlichen St.-Johannes-Kirche in Arsten, dann ist die Auftragsarbeit fertig. Dank der Hilfe von zahlreichen Einzelspendern und mehreren Großspendern können die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer der Gemeinde somit endlich einen der ersten Gedenkorte in Deutschland für die Opfer der Tragödie einrichten, die sich bis heute auf dem Mittelmeer und im Wüstensand Afrikas abspielt: Menschen sterben, die sich vor Krieg, Verfolgung und Elend nach Europa retten wollen.

"Gott wird abwischen alle Tränen" ist in großen Buchstaben der Anfang eines Bibelzitats auf dem Bronzerelief zu erkennen. Der Rest verschwindet unter dem Tuch. Es sieht so aus, als würde der trost spendende Text auf stilisierten Wellen schwimmen. "Es können auch Falten eines Teppichs sein, das kommt ganz auf den Betrachter an", erklärt Effern die Idee, mit der er sich gegen sieben Mitbewerber durchgesetzt hat.

Wie kann ein Künstler der unermeßlichess Trauer und dem großen Leid gerecht werden, für das das Werk sinnbildlich stehen soll? Diese Frage beantwortet Effern mit der Form des Teppichs, der in vielen Kulturen und Religionen in den Herkunftsländern der Flüchtlinge eine bedeutende Rolle spielt. "Das Relief weckt mit seinen Falten aber auch Assoziationen an die Wellen des Meeres oder an Sanddünen der Wüsten", so der Künstler. Genau an die Orte also, wo jedes Jahr auf neue viele Flüchtlinge ihr Leben lassen.

Wellen schlagen höher

Es war dieser poetische Ansatz, mit dem er überzeugte, sagte die Jury bei ihrer Entscheidung. Während der Arbeit an dem Holzmodell, das in einer Gießerei als Maßstab für sein Abbild aus Bronze genutzt wurde, spürte Effern, dass der Anspruch an sein Werk diesmal ein anderer ist als sonst. "Es war eine große Verantwortung für mich, dass wahrscheinlich tatsächlich Menschen an diesen Ort kommen, um endlich Abschied nehmen zu können oder an jemanden denken, den sie verloren haben." Keine Kunstkritiker oder sein eigener künstlerischer Anspruch seien diesmal der Maßstab gewesen, sondern die Hoffnung, Trauernden einen würdigen Gedenkort zu erschaffen.

Die Wellen, die er zusammen mit seiner Bewerbung in einem kleinen Modell erarbeitet hatte, erschienen ihm zu Beginn der Arbeit daher plötzlich nicht mehr aussagekräftig genug. "Ich habe sie jetzt viel intensiver und höher herausgearbeitet, das erschien mir wichtig", sagt der Bildhauer. Um ihn herum stehen stumme Zeugen dieses intensiven Schaffensprozesses: Meist Abbilder von Menschen aus früheren Auftragsarbeiten und Ausstellungen. Aufgereiht unter milchigen Plastikfolien stehen Männer, Frauen und ein Kind aus Holz, in kantigen Bewegungen erstarrt.

Die Bronzeskulptur liegt zu ihren Füßen, sie ist erst vor wenigen Tagen aus einer italienischen Gießerei zurück. Aus dem Land, dessen rettende Küste so viele Flüchtlinge niemals erreicht haben. Diese Toten dürfen nicht dem Vergessen preisgegeben werden, das ist die Absicht der Initiatoren, die das Mahnmal nun bald einweihen werden.

Auch die Trauernden, die die Flucht überlebt haben, sollen endlich Abschied nehmen können. Und damit die Chance erhalten, den Blick möglicherweise etwas unbeschwerter auf ihre Zukunft in Deutschland zu richten. Vielleicht leistet dieser künftige Ort für Mitgefühl und Trauer auch einen Beitrag zur Integration. Das ist eine weitere Hoffnung, die die Kirchengemeinde hegt.

Weitere Informationen

Die Einweihung des Gedenksteins auf dem Kirchhof der St.-Johannes- Kirche in Arsten findet am Sonntag, 3. Juni statt. Der Gottesdienst beginnt um 10 Uhr. Die Predigt hält Pastor Jürgen Micksch, Gründungsmitglied der Hilfsorganisation "Pro Asyl". Außerdem spricht der Afghane Mohammadi Naiem, der seit 15 Jahren ertrunkene Flüchtlinge auf der Insel Lesbos beerdigt. Weitere Redner werden der Künstler Klaus Effern sowie Vertreter der muslimischen sowie katholischen Gemeinde sein. Nach der Feierstunde sind alle Gäste zu einem Mittagessen im Gemeindegarten eingeladen.

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