Kommentar

Latzels nächster Eklat – eine Blaupause für Hassreden

Olaf Latzel, Pastor der St.-Martini-Gemeinde, sorgt mit seinen Äußerungen zur Homosexualität über Bremens Grenzen hinweg für Aufsehen. Nicht das erste Mal, wie sich Ralf Michel erinnert.
19.05.2020, 05:54
Lesedauer: 3 Min
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Latzels nächster Eklat – eine Blaupause für Hassreden
Von Ralf Michel

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen Olaf Latzel wegen des Verdachts auf Volksverhetzung und Beleidigung? War da nicht was? Richtig. Ziemlich genau fünf Jahre ist es her, da ermittelte die Bremer Anklagebehörde schon einmal gegen den Pastor der Bremer St.-Martini-Gemeinde. Der hatte in einer Predigt über andere Religionen vom Leder gezogen. Das islamische Zuckerfest? "Blödsinn!" Die Verehrung von Gegenständen in der katholischen Kirche? "Reliquien-Dreck!" Und Buddha? "Ein dicker, alter, fetter Herr!“

Nun also der nächste Eklat: Diesmal wetterte der Pastor gegen Homosexualität, sprach von „Gender-Dreck“ und „teuflischer Homo-Lobby“, bezeichnete Teilnehmer am Christopher-Street-Day als Verbrecher und stellte Homosexuelle auf eine Stufe mit Sodomisten.

Doch nicht allein diese Äußerungen erinnern an 2015. Eigentlich ist so gut wie alles wie vor fünf Jahren: der empörte Kirchenausschuss der Bremischen Evangelischen Landeskirche (BEK), der Latzels Äußerungen aufs Schärfste verurteilt, letztlich aber doch wieder hinter der Kirchenverfassung und den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Deckung geht. Immerhin, diesmal hat der Ausschuss ein Disziplinarverfahren gegen den Pastor eingeleitet. Vor fünf Jahren hatte es nicht einmal dafür gereicht.

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Auch außerhalb des offiziellen Kirchengremiums ist alles wie gehabt: Auf der einen Seite Pastoren, Mitarbeiter, Gemeinden und kirchliche Einrichtungen Bremens, die vehement Position beziehen gegen ihren Kollegen. Auf der anderen Seite seine bibeltreue Gemeinde, die wie ein Fels hinter ihrem Pastor steht.

Und dann ist da natürlich Olaf Latzel selbst. Alles nur ein Missverständnis, beteuert er und bastelt geschickt an seiner Verteidigung. Seine Erklärung für die „Verbrecher“-Aussage mag man für konstruiert halten und seine Verweise auf die göttliche Schöpfungsordnung für aus der Zeit gefallen – doch die Staatsanwaltschaft wird bei der Prüfung seiner Aussagen an dieser Argumentation nicht vorbeikommen.

2015 räumte Latzel ein, den Bogen wohl überspannt zu haben. Seine Sprache sei halt manchmal derb. Dass er damit andere Gläubige verletzen könnte, habe er gar nicht bemerkt. Und natürlich nicht gewollt. So wie er sich diesmal dafür entschuldigt, falls der Eindruck entstanden sein sollte, dass er alle Homosexuellen für Verbrecher halte. Denn natürlich sei auch das nicht so. Für Begriffe wie „Gender-Dreck“ oder „teuflische Homo-Lobby“ hat er sich nicht entschuldigt und dass gelebte Homosexualität todeswürdig sei, stehe nun einmal so in der Bibel.

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Damit macht es sich der Mann Gottes schön einfach, aber das ist zu billig. Denn so sehr sich seine Gemeinde auch an der „klaren Sprache“ ihres Pastors erfreuen mag und so gerne sich Latzel selbst als standhafter Vermittler biblischer Wahrheiten inszeniert – die Diskussionen über die Verrohung von Sprache und ihre gefährlichen Folgen für das gesellschaftliche Miteinander können auch an ihnen nicht vorbeigegangen sein. Die abfälligen Äußerungen des Pastors wirken wie eine Blaupause für Hassreden. Und es sind nicht nur seine Aussagen zur Homosexualität. An anderer Stelle betont Latzel zum Beispiel auch, dass gegen Ehebruch „mit aller Brutalität“ vorgegangen werden könne. Denn nichts daran sei richtig. „Das muss sofort vernichtet werden.“

Mit Glaubens-, Gewissens- und Lehrfreiheit hat das nichts zu tun. Wer so redet und im gleichen Atemzug homosexuelle Menschen verächtlich macht, schürt verantwortungslos Hass und Gewalt und kann sich hinterher nicht missverstanden fühlen oder hinter „biblischem Realismus“ verstecken. Und glaube keiner, dass Olaf Latzel nur im kleinen Kreise seiner Gottesdienstbesucher spricht. Nein, was die Verbreitung seiner Gedankenwelt angeht, ist der Pastor durchaus auf der Höhe der Zeit. Seine Predigten können als Livestream verfolgt werden, sind via Facebook und Twitter zugänglich, im Radio zu hören oder auf seinem Youtube-Kanal als Videos abrufbar. Meist stehen dort für seine Predigten 5000 bis 10 000 Abrufe zu Buche. Gelegentlich aber durchaus auch mal 30 000, 50 000 oder wie zuletzt sogar 64 000.

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Umso mehr drängt die entscheidende Frage im Fall Latzel: Wie kann seiner verbalen Zündelei Einhalt geboten werden? 2015 bescheinigte die Staatsanwaltschaft ihm zwar eine „gewaltsame und polarisierende Sprache“. Und ja, er habe andere Religionen beleidigt. Aber tatsächliche Anhaltspunkte für eine Straftat sah die Anklagebehörde nicht, die Vorermittlungen gegen den Pastor wurden eingestellt.

Schon damals profitierte Latzel von der verfassungsrechtlich geschützten Meinungs- und Religionsfreiheit und innerkirchlich von so grundsätzlichen Werten wie der Freiheit der Rede von der Kanzel oder dem breiten Raum für unterschiedliche Bekenntnisse, die die Bremische Evangelische Kirche ihren Gemeinden aus gutem Grund lässt. Trotzdem ist es an der BEK, den Latzels dieser (Kirchen-)Welt einen Riegel vorzuschieben. Sicher kein leichtes Unterfangen. Doch was ist eine Kirchenverfassung wert, die keinerlei Handhabe gegen derartige verbale Entgleisungen aus den eigenen Reihen hat? Die BEK muss Lösungen finden, um für künftige Fälle dieser Art gewappnet zu sein. Schön, wenn sie dafür nicht weitere fünf Jahre bräuchte.

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