Tanklager: Antworten auf zentrale Fragen Gefährliches Relikt in Farge

Vor fast 80 Jahren begannen die Nationalsozialisten, in Bremen-Nord ein unterirdisches Tanklager zu bauen. Heute ist das Gelände stillgelegt: Boden und Grundwasser im Umfeld sind verseucht.
01.07.2016, 00:00
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Gefährliches Relikt in Farge
Von Lisa Schröder

Vor fast 80 Jahren begannen die Nationalsozialisten, in Bremen-Nord ein unterirdisches Tanklager zu bauen. Heute ist das Gelände stillgelegt: Boden und Grundwasser im Umfeld sind verseucht.

Vor fast 80 Jahren begannen die Nationalsozialisten, in Bremen-Nord ein riesiges unterirdisches Tanklager zu bauen. Es entstanden 78 Treibstofftanks und mehr als 125 Kilometer Leitungen. Heute ist das über Jahrzehnte militärisch genutzte Gelände in Farge und Schwanewede stillgelegt: Boden und Grundwasser im Umfeld des Tanklagers sind verseucht. Wir beantworten zehn Fragen zum gefährlichen Relikt.

Wie ist das Tanklager entstanden?

Erbaut wurde es in den Jahren 1938 bis 1943. Damit traf das Dritte Reich Kriegsvorbereitungen im großen Stil: Vom Lager an der Weser aus sollten Treibstoffe an die Front geliefert werden. Das Projekt trug den Namen „Wasserberg“. Wie beim Bunker Valentin setzten die Nazis auch beim Bau des Tanklagers Farge Zwangsarbeiter ein. Spätestens seit Beginn des Kriegs sei die Zahl ausländischer Zwangsarbeiter gestiegen, sagt Marcus Meyer, Leiter der Gedenkstätte Bunker Valentin. Im Jahr 1942 seien vermutlich zwischen 1500 und 2000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene auf der Baustelle beschäftigt gewesen. Im März 1945 seien der Bunker und das Tanklager angegriffen worden. Dabei sollen angeblich zwei Tanks beschädigt worden sein.

Was passierte nach der Befreiung?

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die Amerikaner das Tanklager. Sie lagerten dort Treibstoff, der überwiegend für die Berliner Luftbrücke genutzt wurde. Der Treibstoff diente vermutlich besonders der Versorgung der Stadt und weniger der Betankung von Flugzeugen, so Marcus Meyer. Als die Amerikaner sich zurückzogen, übernahm 1960 die Bundeswehr das Tanklager.

Wie groß ist das Gelände?

Das Tanklager erstreckt sich über eine Fläche von etwa 330 Hektar. Das entspricht mehr als 450 Fußballfeldern. Der größte Teil davon, etwa zwei Drittel, liegt in Farge, der andere Teil in Schwanewede. Auf dem Gelände befinden sich 16 Behälterblöcke mit insgesamt 78 unterirdischen Tanks. Sie können 326.000 Kubikmeter Treibstoff fassen.

Wann wurde die Verseuchung bekannt?

Im Jahr 2006 stellte die Bremer Umweltbehörde nach eigenen Angaben eine erhebliche Belastung des Bodens und Grundwassers auf dem Gelände am Verladebahnhof II fest. Die aromatisierten Kohlenwasserstoffe Benzol, Toluol, Ethylbenzol und Xylol (BTEX) waren in Boden und Grundwasser eingedrungen. Diese Chemikalien können aus Lösungsmitteln, Abgasen von Kraftfahrzeugen oder durch das Versickern von Treibstoffen ins das Grundwasser gelangen. Sie lösen beim Menschen Leber- und Nervenschäden aus. Benzol ist krebserregend. Auch Methyl-Butylether (MTBE) war in den Boden gelangt.

Wer hat die Verschmutzung verursacht?

Diese Frage bleibt wahrscheinlich unbeantwortet. Die heute für die Sanierung zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) schreibt dazu: „Beim Umschlag von Kraft- und Schmierstoffen kam es zum Eintrag von Mineralölprodukten in den Boden, die zur Verunreinigung geführt haben.“ Wann das passiert ist, sei jedoch unklar.

Die Bremer Staatsanwaltschaft stellte ihr Verfahren im Mai 2014 ein. Ein Gutachten sei zu dem Ergebnis gekommen, dass es nachträglich nicht möglich sei, festzustellen, wann die Substanzen ins Grundwasser gelangten. Deshalb muss sich niemand für die Verseuchung gerichtlich verantworten. Zugunsten der Täter müsse angenommen werden, dass die strafbaren Vorgänge inzwischen verjährt sind, sagte damals Silke Noltensmeier, Sprecherin der Staatsanwaltschaft. In besonders schweren Fälle von Umweltstraftaten liegt die Verjährungsfrist bei zehn, ansonsten bei fünf Jahren.

Welche Auswirkungen hat die Verseuchung?

Die sogenannte Schadstofffahne, die vom Tanklager ausgeht, ist laut Bima heute rund 850 Meter lang und liegt in einer Tiefe von zehn bis 15 Metern. Nach den vorliegenden Daten sei die Fahne stabil, breite sich also nicht weiter aus. Mehr als 119 Verdachtsflächen werden auf kontaminieren Boden untersucht. Schwerpunkt der Verseuchung soll unter anderem der Verladebahnhof II sein. Auch vom Verladebahnhof I und vom Hafen gehen laut Umweltressort aktuell erhebliche und sanierungsbedürftige Belastungen aus.

Im Jahr 2009 verschickte das Umweltressort an die Bewohner mehrerer Straßen Warnungen, das Grundwasser nicht zu benutzen. Bis heute gibt es keine Entwarnung. Anwohner gaben an, dass ihr Garten wie eine Tankstelle gerochen habe.

Die Bürgerinitiative Tanklager Farge befürchtet, dass die Kontaminationsfahne irgendwann den Blumenthaler Trinkwasserbrunnen erreichen könnte, in dessen Richtung sie sich bewege. Laut Experten besteht dafür aber in den nächsten zehn Jahren keine Gefahr.

Das Bremer Krebsregister hat bisher zwei Analysen zu Krebsneuerkrankungen in der Region des Tanklagers durchgeführt. Für den Untersuchungszeitraum 2005 bis 2010 stellte es geringfügig erhöhte Erkrankungsraten im Vergleich zum Stadtgebiet fest. Dies könne jedoch auch Zufall sein. Die Wissenschaftler gingen nicht von einem Zusammenhang zur Grund- und Bodenverseuchung aus. Durch eine solche Analyse könne jedoch generell kein kausaler Zusammenhang zwischen Erkrankungen und Risikofaktoren hergestellt werden, so Wissenschaftlerin Andrea Eberle. In diesem Jahr ist eine weitere Auswertung geplant.

Wie sieht die Sanierung aus?

Im Juli 2010 begann die Altlastensanierung des Bodens und Grundwassers. Über Brunnen sollen die Schadstoffe hydraulisch entsorgt werden. 27,7 Tonnen Schadstoffe sind auf diesem Weg bereits entsorgt worden (Stand März 2016). Es gibt Annahmen, dass die Sanierung 30 Jahre dauern könne – oder länger. „Genaue Prognosen sind aktuell noch nicht möglich“, erklärt dagegen die Bima auf Anfrage. Sie spricht allein von mehreren Jahren.

Und weiter: „Die Bima möchte keine Grundlage für Spekulationen liefern.“ Die Sanierung in ihrer derzeitigen Form funktioniere aber nachweislich. Anfragen der NORDDEUTSCHEN, ein Gespräch mit einem der für die Sanierung zuständigen Mitarbeiter zu führen, lehnen Verteidigungsministerium und Bima derzeit ab. Eine gemeinsame Begehung des Geländes sei ebenfalls nicht möglich. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hat zum 1. Januar 2016 die Altlastensanierung und Kontaminationsbearbeitung von der Bundeswehr auf eigene Kosten übernommen.

Wem gehört das Tanklager heute?

Das Tanklager befindet sich laut Bima im Vermögen des Bundesministeriums für Verteidigung. Das Gelände ist bis heute als militärischer Sicherheits- und Explosionsbereich eingestuft und für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Auch Journalisten bekommen keinen Zutritt. Das Gelände wird bewacht. Die Bima übernimmt das Eigentum an den Liegenschaften samt Anlagen, wenn alle Bereiche gesichert sind, die Stilllegung abgeschlossen und die Betriebserlaubnis zurückgegeben wurde. Die Bundesanstalt mit Sitz in Bonn ist bereits seit dem 1. Januar 2016 verantwortlich für die Altlastensanierung. Zuständigkeiten für das Tanklager klären die beiden Häuser, Bundeswehr und Bima, derzeit miteinander. Deshalb lässt sich durchaus von einem Schwebezustand sprechen, was die Zuständigkeit betrifft.

Wird das Tanklager wieder in Betrieb genommen?

Lange Zeit war unklar, ob das passiert. Im Frühjahr 2014 stand dann jedoch endgültig fest, dass das Tanklager geschlossen wird. Schon seit dem Sommer 2013 war es ­faktisch stillgelegt. Doch der Bund versuchte ­zunächst, das Tanklager zu verkaufen. Das Unternehmen Bestoil aus Nienburg zeigte Interesse an der Anlage und versuchte, die Stilllegung rückgängig zu machen – ohne Erfolg. Seit 2015 befindet sich das Tanklager laut Bima im sogenannten Still­legungsbetrieb. Es ist bereits nicht mehr ­betriebsfähig.

Wie schreitet die Stilllegung voran?

Alle Anlagen werden entleert und gereinigt, außerdem werde Explosionssicherheit hergestellt, schreibt die Bima. Alle 78 Tankbehälter seien entleert, 60 von ihnen auch gereinigt. Die Verbindungsrohrleitungen seien geleert, aber größtenteils noch nicht gereinigt. Ihre Länge beträgt unterirdisch 125 Kilometer. Oberirdisch sind es nochmal 7,5 Kilometer. Die Bundeswehr geht laut Bima davon aus, die Stilllegung in zwei bis drei Jahren abzuschließen.

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