Gifteinsatz sorgt für Diskussionen und Warnungen / Behörde sieht keine Alternative

Gefahr durch Rattenköder?

Bremen-Nord. Die länglichen Metallkästen liegen zwischen Gräsern oder Sträuchern auf der Erde – unter anderem am Grambker See, im Vegesacker Stadtgarten und am Wietingsgang in Rönnebeck. Wer genau hinschaut, kann auf den Behältnissen einen Warnhinweis entdecken.
07.03.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von KATJA BETTINA WILD
Gefahr durch Rattenköder?

Ratten können Krankheiten auf den Menschen übertragen. Sie werden deshalb mit Gift bekämpft. Nicht alle – vor allem Tierschutzverbände – sind glücklich mit dieser Herangehensweise.

Zoologische Staatssammlung, dpa

Die länglichen Metallkästen liegen zwischen Gräsern oder Sträuchern auf der Erde – unter anderem am Grambker See, im Vegesacker Stadtgarten und am Wietingsgang in Rönnebeck. Wer genau hinschaut, kann auf den Behältnissen einen Warnhinweis entdecken. „Vorsicht! Ratten- und Mäuseköder“ und „Missbrauch verursacht Gesundheitsschäden! Kinder, Haus- und Nutztiere fernhalten“, ist darauf zu lesen. Es handelt sich um ganzjährige Köderstationen, die im Auftrag der städtischen Liegenschaftsverwaltung Immobilien Bremen aufgestellt werden.

Insbesondere bei Hunde- und Katzenbesitzern, aber auch bei Eltern sorgen die Köderstationen immer wieder für Beunruhigung: Stellt das Rattengift ein Risiko dar? Das Thema beschäftigt auch Agnes Müller-Lang. Sie ist Kreisvorsitzende der FDP Bremen-Nord und Mitglied im Burglesumer Umweltausschuss. „Besteht eine Gefahr für Kinder, wenn sie die Köderstationen in die Hand nehmen? Demnächst findet wieder die Aktion „Bremen räumt auf“ statt, da kann es leicht passieren, dass jemand die Metallkästen für Abfall hält und versehentlich versucht, sie aufzuheben.“ Müller-Lang befürchtet zudem, dass der deutsch- und englischsprachige Warnhinweis auf den Köderboxen nicht von jedem verstanden wird – zum Beispiel von jugendlichen Flüchtlingen.

Auch um die Sicherheit von Haustieren macht sich die Politikerin Gedanken. „Die Bekämpfung mit Rattengift führte im Sommer 2012 am Grambker See zu einem traurigen Unfall, wobei eine Hündin ihr Leben lassen musste“, schildert sie. Damals habe ein Anwohner auf seinem Grundstück einen Rattenbefall festgestellt und die Dienste eines gewerblichen Schädlingsbekämpfers in Anspruch genommen. Dieser habe Köder ausgelegt und ausdrücklich gesagt, dass für Haustiere keine Gefahr bestehe. Dennoch sei die erst wenige Monate alte Nachbarhündin an dem Gift gestorben.

„Der Vorfall steht zwar nicht mit den Köderstationen auf öffentlichen Flächen in Verbindung“, weiß Agnes Müller-Lang, „aber ich habe Sorge, dass so etwas wieder geschieht.“

Immobilien Bremen lässt die Rattenbekämpfung auf öffentlichen Flächen von einer Vertragsfirma durchführen. Die Köderstationen enthalten einen Wirkstoff, der die Blutgerinnung der Tiere hemmt und dazu führt, dass sie innerlich verbluten. Die Ausbringung des Gifts in Köderstationen soll verhindern, dass andere Tiere oder Menschen mit dem Gift in Kontakt kommen. Ein Mitarbeiter der Firma teilt mit: „Wir verwenden feste Blockköder, die nicht aus den Köderboxen herausgeschüttelt werden können. In der Nähe von Spielplätzen setzen wir Hochsicherheitsboxen ein. Sie sind so konstruiert, dass sich der Köder nicht herausschieben lässt – zum Beispiel, wenn Kinder mit Stöcken darin herumstochern.“

Blutgerinnungshemmende Wirkstoffe werden als Antikoagulanzien bezeichnet. Dass diese Stoffe für die Bekämpfung von Nagetieren trotz der hohen Risiken zugelassen sind, begründet das Bundesumweltamt mit dem Fehlen geeigneter Alternativen. Die Rattenbekämpfung wird als unverzichtbar für den Infektionsschutz erachtet. Denn die Nager gelten als Gesundheitsschädlinge, weil sie Krankheiten auf den Menschen übertragen können.

Laut Bundesumweltamt wurden sehr hohe Risiken für Wildtiere sowie erhebliche Umweltrisiken durch die Anwendung von Nagerbekämpfungsmitteln mit Antikoagulanzien festgestellt. In einer Informationsbroschüre weist die Behörde auf die Gefahr hin, dass nicht nur Ratten und Mäuse, sondern beispielsweise Mäusebussarde, Eulen, Füchse oder Wiesel unabsichtlich vergiftet werden, wenn sie die Köder oder vergiftete Nager fressen.

Antikoagulanzien seien nicht nur für Vögel und Säugetiere, sondern auch für Menschen giftig. Die Studienlage zeige, dass überall dort, wo Antikoagulanzien zur Nagetierbekämpfung eingesetzt würden, davon auszugehen sei, dass dieses Gift auch von Nicht-Zieltieren aufgenommen werde, heißt es in dem Papier. Das Risiko einer indirekten Vergiftung durch das Fressen vergifteter Tiere lasse sich nicht vollkommen vermeiden, sondern nur minimieren.

In einer 2013 in Kraft getretenen Biozid-Verordnung ist festgelegt, welche Wirkstoffe für die Bekämpfung von Nagetieren zugelassen sind, wer sie unter welchen Voraussetzungen verwenden darf und welche Schritte zur Risiko-Minderung eingehalten werden müssen. Von der für Immobilien Bremen tätigen Fachfirma ist zu erfahren, dass sie für die Köderstationen ausschließlich Wirkstoffe der 2. Generation verwende. Die Antikoagulanzien dieser Gruppe sind besonders wirksam. Sie wurden laut Umweltbundesamt aber auch als potenzielle PBT-Stoffe identifiziert: Damit sind Stoffe gemeint, die schlecht in der Umwelt abgebaut werden, die sich in Lebewesen anreichern, in die Nahrungskette gelangen und die giftig für Menschen oder Organismen in der Umwelt sind.

„Ratten übertragen Keime in erster Linie durch ihre Ausscheidungen, die Lebensmittel und Badegewässer kontaminieren oder in Form feiner Stäube eingeatmet werden können“, erläutert Christina Selzer, Sprecherin der Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz. Die Bekämpfung von Ratten in Bremen erfolge auf Basis des Infektionsschutzgesetzes. Auf privatem Grund müsse der jeweilige Eigentümer gegen die Ratten tätig werden. „Auf öffentlichem Grund ist das Gesundheitsamt zuständig, das sich bei einem Befall an Immobilien Bremen wendet. Die Bekämpfung von Ratten im Kanalnetz erfolgt eigenständig von Hansewasser. Das Aufkommen von Ratten steht in direktem Zusammenhang mit dem Abfallverhalten der Bevölkerung: Je mehr biologischer Müll unsachgemäß über die häusliche Toilette in die Kanalisation „entsorgt“ wird, desto mehr Ratten werden dadurch ernährt“, erklärt die Sprecherin.

Ist die Sorge berechtigt, dass Kinder und Haustiere durch das Rattengift oder vergiftete Nagetiere Schaden nehmen können? „Fachkundige Schädlingsbekämpfungsunternehmen bringen die Köder so aus, dass sie nur den Zielorganismus, die Ratte, nicht aber Kinder oder Hunde schädigen können“, versichert Christina Selzer. „Wenn Rattengift von Privatpersonen zur Rattenbekämpfung angewendet wird, ist nicht sicher, dass dies fachgerecht geschieht. Hier kann tatsächlich eine Gefahr durch direkte Köderaufnahme für Hunde bestehen.“

Die Neuenkirchener Tierärztin Tina Kanitz hält Vergiftungen indes auch für möglich wenn die Köder fachgerecht ausgebracht werden. „Ein Risiko für Hunde, Katzen oder auch andere Tiere besteht, wenn sie verschleppte Köder oder eine noch lebende Ratte fressen, die das Gift frisch aufgenommen hat. Antikoagulanzien sind auch in geringer Konzentration gesundheitsschädlich. Bei einer Vergiftung mit diesen Wirkstoffen besteht für das Tier Lebensgefahr und es muss schnellstmöglich tierärztlich behandelt werden.“

Sönke Hofmann vom Nabu rät im Umgang mit Ratten zu Gelassenheit – dies auch im Hinblick auf die Vermeidung von Sekundärvergiftungen. „Ratten dienen anderen Tieren als Futter. Daher sollten Privatpersonen keine Giftorgien veranstalten, wenn in ihrem Garten mal eine Ratte herumläuft.“ Zudem verweist er darauf, dass auch Ratten eine Aufgabe erfüllen: als Aasfresser und Abfallverwerter.

Der Bremer Tierschutzverein fordert, den Fokus auf die Prävention zu legen. „Aus der Sicht des Tierschutzes sollten Bekämpfungsmaßnahmen, die die Tiere schädigen, Leiden oder Schmerzen verursachen oder zum Tod führen, nicht gegen leidensfähige Tiere eingesetzt werden“, erklärt die Sprecherin des Vereins, Gaby Schwab. Der Tierschutzverein befürwortet daher eine Lösung, bei der eine Schädlingsproblematik gar nicht erst auftrete. „Eine Verbesserungen der Hygienestandards, Abfallentsorgung und Lagerungsbedingungen würden zur Vermeidung von Schädlingsbefall beitragen“, so die Sprecherin. Sie stellt klar: „Den Einsatz von Fraßködern, die die Blutgerinnung hemmen, lehnen wir grundsätzlich ab. Die Tiere machen einen mehrere Tage währenden Todeskampf durch.“

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