Aktionsplan des Landes

Gegen Homophobie

Menschen in Bremen sollen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben führen können. Dies ist das Ziel eines Aktionsplans.
05.04.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Gegen Homophobie
Von Sabine Doll
Gegen Homophobie

Bremen gehört zu den ersten Bundesländern, das eine Landesinitiative gegen Homo-, Trans- und Interphobie startet.

dpa

Menschen in Bremen sollen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Leben führen können. Dies ist das Ziel des Aktionsplans „gegen Homo-, Trans- und Interphobie“, wie das 36-seitige Dokument überschrieben ist.

Vor über einem Jahr ist der Aktionsplan des Landes präsentiert worden – jetzt soll es an die Umsetzung gehen. Denn: Was bisher fehlte, war die Finanzierung der konkreten Maßnahmen, die in dem Plan aufgelistet sind.

Am Mittwoch stellt Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) in einer Sondersitzung der Sozialdeputation den Haushaltsentwurf ihres Ressorts vor, dazu gehört die Finanzierung des Aktionsplans. „Für die Haushaltsjahre 2016 und 2017 ist dafür ein Eckwert von rund 100 000 Euro eingeplant“, sagt Behördensprecher David Lukaßen. Damit soll ein erster Teil der Projekte auf den Weg gebracht werden. „Mit dem Haushaltsentwurf sehen wir jetzt die Mittel vor, um den Aktionsplan mit Leben zu füllen. Nach und nach werden wir damit Beiträge zur Anerkennung von vielfältigen sexuellen und geschlechtlichen Identitäten leisten. Wir wollen einerseits einen respektvollen Umgang fördern, und andererseits Menschen in all ihren sexuellen und geschlechtlichen Identitäten stärken“, sagt Stahmann dem WESER-KURIER.

Bremen gehört zu den ersten Bundesländern, die eine solche Landesinitiative gegen Homo-, Trans- und Interphobie starten: In Nordrhein-Westfalen, Berlin und Rheinland-Pfalz gibt es sie ebenfalls – in weiteren Ländern, darunter Hamburg, sind Aktionspläne in Arbeit. Verfasst wurde das Dokument vom Rat & Tat-Zentrum, eine der Autorinnen ist Annette Mattfeldt. „Es muss noch viel Aufbauarbeit mit konkreten und verpflichtenden Maßnahmen geleistet werden. Vor allem auch im Bereich Schule“, sagt die Psychologin und verweist auf eine Online-Befragung der Beratungsstelle aus dem Jahr 2008.

Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) stellt kommenden Mittwoch den Haushaltsentwurf ihres Ressorts vor, darunter die Finanzierung des Aktionsplans.

Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) stellt kommenden Mittwoch den Haushaltsentwurf ihres Ressorts vor, darunter die Finanzierung des Aktionsplans.

Foto: Christina Kuhaupt

Diskriminierung im Alltag

Danach gaben 64 Prozent der homosexuellen Jugendlichen an, täglich homophobe Äußerungen gegen Lesben und Schwule in der Schule zu hören. Und: Aus Angst vor Gewalt halte fast jeder Zweite seine sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität geheim. Nach einer Hannoveraner Studie aus dem Jahr 2012 lacht sogar gut ein Drittel der Lehrkräfte, wenn Witze über Schwule und Lesben gemacht werden. Oft sei die Diskriminierung Anlass für psychosoziale Probleme, Schulwechsel oder -abbruch. „Und solange Begriffe wie schwul, Schwuchtel oder lesbisch auf Schulhöfen als Schimpfwörter genutzt werden, zeigt dies, dass dringend Handlungsbedarf besteht“, betont Mattfeld.

Zur Realität gehöre, dass es dem Zufall überlassen sei, ob lesbische, schwule, bisexuelle sowie trans- und intergeschlechtliche (kurz: LSBTI) Schüler qualifizierte Ansprechpartner fänden. Das Lehrpersonal sei zudem weder für die Vermittlung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt noch für den Umgang mit Homo- und Transphobie ausgebildet. „In der Grundausbildung sowie im Referendariat gibt es keine verpflichtenden Module“, kritisiert die Psychologin. Auch in den Schulmedien würden die Lebensrealitäten von LSBTI-Jugendlichen nicht berücksichtigt. Im Aktionsplan fordern Mattfeld und ihre Mitautoren unter anderem feste, qualifizierte Ansprechpartner für Betroffene sowie Infomaterial für sie und Angehörige. Außerdem müssten in verpflichtenden Schulungen „die Kompetenzen des Fachpersonals im Umgang mit LSBTI und dem Thema geschlechtliche und sexuelle Vielfalt“ gestärkt werden.

Angebote für homosexuelle Reisende

Schule ist eines von zehn Handlungsfeldern, für die der Aktionsplan konkrete Maßnahmen empfiehlt. Weitere sind Kinder, Jugend und Familie, Arbeitswelt, Alter und Pflege, Migration, Behinderung, Kultur, Sport und Tourismus. Letztgenannter berge auch ein wirtschaftliches Potenzial: Viele Großstädte würden mit speziellen Angeboten gezielt um schwule und lesbische Reisende werben. Berlin biete Infopakete an, vermittele schwulen- und lesbenfreundliche Unterkünfte, in München gebe es einen entsprechenden Stadtführer. Es brauche ganz gezielt LSBTI-Reisematerial, Attraktionen wie Festivals und „eine weithin sichtbare Offenheit des Landes Bremen für Vielfalt und ein klares Statement gegen Homo-, Trans- und Interphobie“, heißt es in dem Dossier. Auch rechtliche Fragen wie das Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare sowie die Gleichstellung von Ehe und eingetragenen Lebenspartnerschaften sind Themen.

Für die Umsetzung des Aktionsplans soll das Rat & Tat-Zentrum eine koordinierende Aufgabe übernehmen, sagt Behördensprecher Lukaßen. „Erste Gespräche gibt es im April, um so schnell wie möglich loszulegen, wenn der Doppelhaushalt im Sommer verabschiedet ist.“ Mit Ende des Haushaltsjahres 2017 soll es dann einen Bericht zum Stand der Umsetzung geben.

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