Neele Buchholz wirbt für Aktion Mensch Geht nicht - gibt's für sie nicht

Neele Buchholz hat Trisomie 21. Macht das einen Unterschied? Für sie nicht. Sie will am liebsten andauernd tanzen, sucht eine WG im Viertel - und wirbt im Video "Das erste Mal" für die Aktion Mensch.
05.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Meyer

Neele Buchholz ist verliebt. Seit zwei Jahren schon, doch ihre blauen Augen strahlen, als wäre sie es ganz frisch. Gleich wird sie ihren Adrian wiedersehen, beim Freizeittreff in der Friese, wie immer am Mittwoch. Ihre Wangen röten sich, während sie davon erzählt, und sie klimpert mit den Augen und lacht so herzlich, dass man mitlachen muss. „Ich bin mir sicher, also, ganz sicher, dass es ewig halten wird“, sagt die 23-Jährige, und bei dem Wort ewig fahren ihre Hände auseinander, so weit, wie es ihre Arme zulassen. Das ist Liebe. Nicht ihre erste, aber die erste richtige.

Ihre Mutter Daniela Buchholz grinst und rollt mit den Augen. „Das ist ihr Lieblingsthema“, sagt die 45-jährige Fotografin und versucht, ihre Tochter etwas zu bremsen. Sie und ihr Freund sehen sich fast täglich, gehen ins Kino oder Eis essen „und Liebe machen“, fährt Neele unbeeindruckt fort. Neele ist Neele, sie kann fröhlich sein (meistens) und traurig (selten), vor allem aber hat sie keine Hemmungen zu sagen, was sie fühlt und denkt, zumindest soweit sie es ausdrücken kann. Wenn sie etwas will, dann macht sie es. Und wenn sie etwas nicht will, versucht sie, es nicht zu tun.

So wie kurz nach ihrem Schulabschluss 2010. Ihre Freunde fangen wie alle in der Werkstatt an. Neele macht Praktika, probiert sich aus, im Theater und in der Kita-Küche, im Café, und ja: auch in der Werkstatt. Dort muss sie Kabel schneiden und Magneten aufkleben. „Das ist überhaupt nicht mein Ding“, sagt Neele Buchholz. „Ich will tanzen, einfach nur tanzen.“ Sie sagt es mit ernstem Blick und schlägt dabei ihren linken Handballen immer wieder auf die Handfläche ihrer rechten. Seit einem Jahr lernt sie Gebärdensprache. Wo Worte fehlen, helfen Bewegung und Gestik.

Ihr Kalender ist immer voll

Seit sie drei Jahre alt ist, tanzt sie bereits. Mitte 2013 bekommt sie eine Anstellung bei dem Verein „tanzbar_bremen“. Fünf Mal die Woche ist sie dort, überlegt sich Choreografien leitet andere an. Zeitgenössischer Tanz, Theater, Schul-Workshops; und am Wochenende Auftritte, oft auch in anderen Städten. Sie macht beim Blaumeier-Atelier mit, steht bei Musicals, Opern sowie mit ihrem eigenen Duett „Rosa sieht rot“ auf der Bühne und für Fotoshootings regelmäßig vor der Linse. Neeles Kalender ist immer voll.

Neulich war dort in einer der vielen Spalten ein Casting-Termin eingetragen. Was sie dieses Mal erwartete, wusste sie nicht, es schien aber ein großes Geheimnis zu sein: Sie und ihre Mutter wurden vom Bahnhof abgeholt, über eine abgesperrte Straße in einen Raum gelotst, durften sogar nur in Begleitung zur Toilette gehen. Dann war es soweit, und Neele sollte ins Aufnahmestudio. Kameras überall, dahinter Menschen, die sie nicht kannte – nur der Regisseur fehlte in den ersten drei Minuten. Dafür kam Maike.

Was dann passiert, haben sich mittlerweile mehr als 352.000 Menschen im Internet angesehen. „Das erste Mal“, heißt das Video von „Aktion Mensch“, bei dem sich Menschen mit und ohne Behinderung begegnen, immer paarweise. Neele ist dort zu sehen, wie sie sich Maike vorstellt; wie die beiden erst unschlüssig nebeneinander stehen, anfangen zu kichern und dann tanzen, und wie sich anfängliche Berührungsängste und Distanz langsam auflösen.

Spürt Neele Buchholz diese Berührungsängste auch im Alltag? „Eigentlich nicht“, sagt sie. „Klar, also … manchmal sind da schon diese Blicke.“ Aber als unangenehm empfinde sie das Verhalten der anderen selten. Außer, wenn Werder spielt. „Das kann ich überhaupt nicht ab, wenn diese besoffenen Leute mich in der Bahn, also wenn die mich anmachen“, sagt sie. Doch um von ihrem Lieblingsort, dem „Nahbei“-Treff vom Martinsclub in Findorff, nach Hause zu kommen, muss sie die Bahn nehmen. „Das finde ich ätzend.“

Haus für große WG gesucht

Eigentlich will sie längst nicht mehr zu Hause wohnen. Seit sie 18 ist. Seit knapp einem Jahr sucht sie nun konkret ein Haus, in dem Platz ist für acht Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, eine große Küche, circa 300 Quadratmeter insgesamt. Dort will sie mit drei behinderten und vier nicht-behinderten Menschen einziehen. „Wir wollen nicht an den Stadtrand!“ steht auf den Flyern, die sie verteilt hat. „Ich will am liebsten ins Viertel.“ Es wäre die erste inklusive Wohngemeinschaft dieser Art in Norddeutschland, und Neele Buchholz weiß schon genau, wie ihr Raum aussehen soll: „Meine Wände streich ich weiß-rosa.“ Fehlt nur noch das passende Angebot.

Aber sie wird es schaffen, so wie sie vieles bereits geschafft hat. Auf ihrer Internetseite steht: „Alle sagten, das geht nicht. Dann kam Neele, die wusste das nicht, und hat´s einfach gemacht.“ Es ist ein Foto zum Welt-Downsyndrom-Tag, auf dem sie lachend im Konfettiregen tanzt. Neele hat Trisomie 21. Macht das einen Unterschied? Für sie nicht.

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