Auf der Suche nach Bremens ältesten Bäumen

Geliebte Riesen

Eine gewaltige Eiche in Oberneuland - der Riese wirkt, er spricht nicht. Mit Ralf Möller vom Umweltbetrieb Bremen hat sich der WESER-KURIER auf die Suche nach den ältesten Bäumen Bremens gemacht.
06.04.2015, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Geliebte Riesen
Von Lisa Boekhoff
Geliebte Riesen

Ralf Möllers Highlight unseres Ausflugs: Dieses Eiche in Oberneuland ist einer seiner Lieblingsbäume. Möller schätzt sie auf etwa 450 Jahre.

Lisa Boekhoff

Die Sonne scheint uns ins Gesicht, während wir mit Ehrfurcht hinauf- und hinunterschauen. Stille. Der Riese wirkt, er spricht nicht. Wir stehen vor einer gewaltigen Eiche in Oberneuland. Mit Ralf Möller vom Umweltbetrieb Bremen bin ich heute auf der Suche nach den ältesten Bäumen in der Stadt.

Als ich ihm von der Idee erzählte, war er sofort dabei: „Das ist so ein tolles Thema.“ Wir machen uns auf den Weg. Los geht es Richtung Horn. Wir fahren vorbei am Bürgerpark. Viele der Bäume dort sind um die 150 Jahre alt – wie der Park selbst. Doch eher jugendlich im Vergleich zu den Exemplaren, die wir suchen.

Angekommen in der Riensberger Straße am Friedhof. Für Möller ist die Gegend hier ein „Hot Spot“ für alte Bäume. Der 44-jährige Referatsleiter ist zuständig für alles Grün in öffentlicher Hand in Borgfeld, der Vahr, Schwachhausen, Oberneuland und Horn. Wenn er über Bäume spricht, strahlt er über das ganze Gesicht. „Ich hoffe, ich bin nicht zu begeistert“, überlegt er einen Moment während unseres Ausflugs.

Genaues Alter nur schwer zu sehen

Wir erreichen unser erstes Ziel, eine Eiche. Ihr exaktes Alter festzustellen ist schwer. Natürlich. Was sind schon ein paar Jahre, wenn man mehrere hundert auf dem Buckel hat? Im Alter wachsen Bäume zudem weniger und wie sie wachsen, eher hoch oder eher breit, hängt von ihrem Standort ab. Das macht die Altersbestimmung nicht leichter.

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Möller wendet eine schnelle Methode an, mit der ein Faustwert über das Alter eines Baumes errechnet werden kann: Dabei ist der Umfang in einer bestimmten Höhe entscheidend. Für unseren ersten Baum mit viereinhalb Metern Umfang ergeben sich stolze 243 Jahre.

Wir gehen ein Stückchen den Weg hoch. Ein noch älterer Zeitzeuge: Die Eiche muss nach Möllers Berechnung 320 Jahre alt sein. Vielleicht ist sie auch noch älter. Er weiß es nicht. Ein Holunder und ein Nadelbaum haben sich an den Stamm gesetzt. Die Wurzel der Eiche ist schon beschädigt, es gibt keine Baumkrone mehr, die benötigt wird, um Nährstoffe aufzunehmen: Ein Pilz hat die Eiche befallen. Sie gleiche mehr einer Litfaßsäule: Möller vermutet, dass nur noch wenige Zentimeter des Baums stabil sind. „Das ist Tod auf Raten.“ Bald müsse dieser Baum wohl gefällt werden.

Wehmut am Riensberger Friedhof

Eine ältere Dame kommt mit ihrem Hund vorbei. „Was haben sie mit dem Baum vor?“, fragt sie misstrauisch. Unser Herumschwirren um den Baum hat sie neugierig gemacht. Möllers signalrote Jacke verrät uns. Hier am Riensberger Friedhof seien schon viele Bäume gefällt worden weiß sie. Der Satz klingt wehmütig.

Wie ist es für den, den die Bäume faszinieren, wenn es lautstark Vorwürfe und Beschimpfungen gegen den Umweltbetrieb hagelt, nämlich dann, wenn die Säge angesetzt wird? Einige Behauptungen kann Möller nicht verstehen: Etwa dass er und seine Kollegen es nur auf das Holz abgesehen hätten und sich die Pflege sparen wollen. Dabei koste das Fällen Kraft und Geld. „Wir brauchen Genehmigungen, müssen die Polizei einschalten.“ Andererseits sei der Zustand des Baums eben für Außenstehende schwierig zu beurteilen: Teils wirkten die kranken Bäume kerngesund – etwa wenn der Brandkrustenpilz wütet: „Der Pilz ist heimtückisch. Weil er die Leitungsbahn nicht angreift, sieht der Baum ganz in Ordnung aus.“

Todesurteil fällt schwer

Möller fällt es schwer, quasi das Todesurteil für einen Baum zu schreiben, der nicht mehr stark genug ist. Als 2011 eine abgestorbene Eiche hinter dem Focke-Museum gefällt werden musste, sei das ein grauer Tag für ihn gewesen. „Da ging es mir gar nicht gut.“ Der Baum habe in seinen über 400 Jahren so viel gesehen, dann wird er an einem Tag gefällt. Während des Fällens habe er sich immer wieder zurückgezogen.

Wenn markante Bäume gefällt werden müssen, informierte seine Behörde vorher die Medien und die Beiräte, um über die Ursache aufzuklären. Und dann sagt er noch: „Eigentlich ist es schön, wenn die Menschen kritisch sind, weil sie damit zeigen, wie wichtig ihnen die Bäume sind. Bäume sind eine emotionale Sache.“

Ich verstehe was Möller meint, spätestens als eine zweite Passantin uns anspricht, mit ihrem Rad anhält, um sich zu erkundigen, was wir denn da machen. „Jeder Baum, der erhalten bleibt, ist ein Segen“, sagt sie noch und schwingt sich wieder auf den Drahtesel.

Wir kommen zum nächsten Baum in Horn. Möller schätzt ihn auf etwa 250 Jahre. „Heute freuen wir uns, wenn ein Straßenbaum 80 Jahre überlebt.“ Diese Mentalität findet er eigentlich nicht richtig. „Ich möchte nicht, dass Bäume wie Konsumgüter betrachtet werden, wie Schnittblumen, die man wegwirft.“

Linde ist 900 Jahre alt

Wir spazieren auf einem kleinen Weg zur Horner Kirche. Hier steht, prominent vor dem Gotteshaus, eine Linde, die um 900 Jahre alt sein soll. Für Möller spricht vieles dafür, dass die Linde der älteste Baum Bremens ist. „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch.“ Ein Relikt aus dem Mittelalter, mitten in Horn? Möller zuckt die Achseln: „Wir glauben das mal“. Liegt nahe, just vor diesem Gebäude. Tatsächlich gibt es auch Indizien, die dafür sprechen: Etwa eine Urkunde aus dem Jahre 1106, die zur Errichtung von Kirchen aufruft, was immer auch bedeutete einen Baum zu pflanzen. Außerdem, so erinnert sich ein Mitglied der Gemeinde, wurde das Holz nach dem Zweiten Weltkrieg untersucht. Die Splitter einer Luftmine, die die Linde getroffen hatte, mussten aus dem Baum quasi operiert werden. Heraus kam bei dieser Untersuchung ein Alter von 800 Jahren.

Wieder unterwegs. Möller stoppt kurz an einem Parkplatz, auf dem ein junger Baum steht. „Der wird nicht alt werden.“ Bordsteine und die dichtparkenden Autos machten ihm zu schaffen. „Es wird vergessen, dass Bäume Wurzeln haben.“ Und die entspreche etwa der Breite der Baumkrone. Dabei vergäßen die Bäume selbst nichts, sagt Möller: Verletzungen bauten sie nicht ab, sie blieben ewig. „Der Baum ist ein Archiv, man entdeckt all seine Entwicklungen wieder, die ganze Geschichte.“ Auch die deutsche Geschichte hat ihre Spuren hinterlassen: Ins Holz der Bäume haben sich im Zweiten Weltkrieg Granatsplitter verirrt. Sie oxidieren, färben das Holz bläulich.

Anwalt der Bäume

Verkehr, versiegelte Straßen, Klimawandel, unterirdische Arbeiten: Bäume haben es nicht leicht. Möller ist ihr Anwalt. Er ist überzeugt, dass die Riesen für die Menschen wichtig sind: „Ich mache den Job für die Allgemeinheit.“ Als 16-Jähriger kam er für seine Lehre im Garten- und Landschaftsbau nach Bremen. Ein toller Beruf, aber irgendwann habe er überlegt ob sein Körper den wirklich bis zur Rente machen sollte. Möller holte sein Abitur nach und studiert Landespflege in Osnabrück. Seit 1998 ist er im öffentlichen Dienst tätig. Mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern lebt er heute in Borgfeld.

Wir fahren nach Oberneuland. Hier steht die Eiche, die es Möller besonders angetan hat. „Ich kenne keinen größeren Baum.“ Auf 450 Jahre schätzt Möller ihn. 6,20 Meter beträgt sein Umfang. Einen großer Hohlraum öffnet sich an der Seite des Baums: Durch ein Stahlgitter gibt die Eiche Einblick in ihr Inneres. Ein älterer Herr im Geländewagen hält an. „Ist etwas mit unserem Baum?“, fragt er besorgt aus dem heruntergelassenen Fenster. Unter dem habe schon sein Vater gespielt, erzählt er. Als die Eiche noch auf einer Kuhwiese stand, gehörte sie seiner Familie. Sie sei bestimmt mehrere hundert Jahre alt, sagt er bedeutend mit Blick auf die Eiche. Sie gehört ihm irgendwie noch immer.

Zurück auf dem Weg bemerken wir erst, dass die Straße, in der der Baum steht, nach ihm benannt ist. Sie heißt „Eekenhöge“, plattdeutsch für Eichenhöhe.

Pilze machen Bäumen zu schaffen

Unser nächstes Ziel: Höpkes Ruh und Muhles Park. Hier steht eine Eiche, die Möller auf fast 300 Jahre schätzt. Doch Pilze haben auch diesen Baum befallen. In der Regel sind es viele Pilze gleichzeitig, die ihm zu schaffen machen. „Es ist eigentlich ein Wettrennen, das der Baum gegen die Pilze macht.“

Bäume wie diesen zu erhalten kostet. Regelmäßig wird kontrolliert, ob die beschädigte Eiche starkem Wind noch standhält. Gutachten sind nötig. Beim Jonglieren mit ihren Mitteln, ist es allererste Pflicht der Umweltbehörde, durch die Pflege der Pflanzen die Sicherheit für den Menschen zu gewährleisten. Ralf Möller hat diese Aufgabe so verinnerlicht, dass er sie sogar in den Korsika-Urlaub seiner Familie mitnimmt. Beim Besuch einer Platane, erzählt er, könne er nicht anders, als sich zu fragen, wie es um die Verkehrssicherheit des Baumes bestimmt ist. Erst an zweiter Stelle steht der Erhalt besonderer, alter Bäume in der Stadt, der geliebten Riesen.

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