Hintergrund Gemeinden werben mit Lockangeboten um Mediziner

Bremen. Es war ein bisschen so, als wäre die DDR zurückgekehrt - oder als hätte sich Popstar Robbie Williams zu einem Live-Konzert in der Ascherslebener Ballhaus Arena angekündigt. In langen Zweier- und Dreierreihen warteten die Menschen seit dem frühen Morgen darauf, dass sich endlich die Tür öffenete.
10.03.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Gemeinden werben mit Lockangeboten um Mediziner
Von Sabine Doll

Bremen. Es war ein bisschen so, als wäre die DDR zurückgekehrt - oder als hätte sich Popstar Robbie Williams zu einem Live-Konzert in der Ascherslebener Ballhaus Arena angekündigt. In langen Zweier- und Dreierreihen warteten die Menschen seit dem frühen Morgen darauf, dass sich endlich die Tür öffenete. Die Praxistür des neuen Augenarztes, auf den die rund 26000 Einwohner der Provinstadt in Sachsen-Anhalt fast zwei Jahre lang gewartet haben. Solange mussten sie bis nach Halle in die Augenklinik der Universität fahren. Knapp 70 Kilometer mit dem Auto, zwei Stunden hin und zurück.

Aschersleben ist ein Symptom. Symptom einer Krankheit, die sich seit einigen Jahren vor allem in ländlichen und strukturschwachen Regionen ausbreitet. Immer mehr Landstriche in Deutschland werden regelrecht zu arztfreien Zonen. Eine bizarre Situation, denn: Nie hat es in Deutschland so viele berufstätige Ärzte gegeben wie heute. Auch im internationalen Vergleich steht Deutschland bei der medizinischen Versorgung im ambulanten Bereich sehr komfortabel da: Laut Industrieländerorganisation OECD kommen hierzulande 370 Ärzte auf 100.000 Einwohner, das sind deutlich mehr als etwa in der Schweiz oder in Frankreich.

Dennoch droht ein Ärztemangel. Hauptproblem ist das Alter der niedergelassenen Mediziner, über die Hälfte von ihnen ist älter als 50. In den nächsten zehn Jahren, so die Statistik, werden mehr als 30.000 Ärzte aus Altersgründen in Pension gehen. Und so wie es derzeit aussieht, bleiben viele Praxentüren auf dem Land bis auf Weiteres geschlossen. Denn: Der Nachwuchs bleibt aus. Die Mediziner in spe zieht es lieber in die Großstädte und Ballungszentren.

Dorthin, wo die Infrastruktur ausgeprägter ist und ein gewisser Anteil lukrativer Privatpatienten garantiert ist. Oder sie packen ihre Koffer und gehen ins Ausland. In Kanada, England oder der Schweiz locken angenehmere Arbeitszeiten, eine üppigere Bezahlung, größere Wertschätzung durch die Patienten und eine höhere Arbeitszufriedenheit, ist in Umfragen unter auswanderungswilligen Medizinern zu lesen. Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) haben 2008 aus diesen Gründen rund 3100 Mediziner das Weite gesucht; knapp 20..000 deutsche Ärzte praktizieren bereits im Ausland. Und es werden immer mehr.

Niedersachsen sieht 'rot'

Der Mediziner-Nachwuchs ist gefragt. Allerdings hat der Beruf nur noch sehr wenig mit dem Mythos vom Halbgott in Weiß zu tun. Viele hängen deshalb bereits vor der Approbation das Stethoskop an den Nagel, 40 Prozent geben noch im Hörsaal auf. Kassenärztliche Vereinigungen, Kommunen und Ärzteverbände schlagen immer lauter Alarm: Wenn sich nicht schnell etwas ändert, der Arztberuf attraktiver wird, Anreize für Niederlassungen auf dem Land und in strukturschwachen Gebieten geschaffen würden, sei die medizinische Grundversorgung in Gefahr. 'Wir laufen in einen eklatanten Ärztemangel hinein. Das betrifft nicht nur den seit Jahren öffentlich beklagten Mangel an hausärztlichem Nachwuchs in den neuen Bundesländern, sondern vermehrt auch den Westen', warnt Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe.

Zum Beispiel in Niedersachsen: Blickt man in die Arztzahl-Prognose der Kassenärztlichen Vereinigung des Bundeslandes für das Jahr 2020, sind sämtliche 45 Planungsbereiche tiefrot eingefärbt. Rot, das bedeutet: Die Versorgung mit Hausärzten liegt unter 75 Prozent, damit handelt es sich um akute Unterversorgung. 'In einigen Bereichen deutet sich diese Entwicklung jetzt bereits an', sagt KVN-Sprecher Uwe Köster. Der Bezirk Verden beispielsweise, Soltau-Fallingbostel, Gifhorn, das Emsland und im Westen des Landes die Grafschaft Bentheim sind solche Sorgenkinder. '480 Hausärzte können sich in Niedersachsen sofort niederlassen. Viele der jungen Leute aber wollen nicht mehr um den Preis ihrer eigenen Gesundheit 60 oder mehr Stunden in der Woche arbeiten', benennt KVN-Chef Eberhard Gramsch das Dilemma. Um dies zu ändern, sei ein gemeinsamer Kraftakt aller Beteiligten im Gesundheitswesen dringend notwendig. 'Geschieht dies nicht, werden 2020 in Niedersachsen rund 1000 Hausärzte fehlen.'

Werben - bis der Landarzt kommt, nach diesem Motto buhlen inzwischen Kommunen, Kassenärztliche Vereinigungen und die Politik um den Mediziner-Nachwuchs. Die Lockangebote sind dabei in finanzieller Hinsicht durchaus lukrativ. In Niedersachsen beispielsweise können niederlassungswillige Ärzte mit einer sogenannten Umsatzgarantie rechnen. 'Einen solchen Fall haben wir derzeit in Gifhorn. Ein Augenarzt, der dort eine Praxis eröffnen will, bekommt für vier Quartale ein bestimmtes Mindesthonorar garantiert', so KVN-Sprecher Köster.

Die Palette der Finanzspritzen ist groß, so locken andere Bundesländer wie Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt mit Subventionen bei der Praxisgründung, günstigem Bauland und anderen Zuschüssen. Und auch die Politik hat sich inzwischen mit dem Vorschlag von Studien-Beihilfen für Medizinstudenten in die Diskussion um den drohenden Ärztemangel eingeschaltet. Finanzielle Anreize allein reichen aber nicht aus, um neue Ärzte zum Umzug aufs Land zu überzeugen. Köster: 'Die Arbeitsbedingungen wie geregelte Arbeitszeiten, aber auch die Lebensqualität vor Ort müssen stimmen. Schulen, Kindergärten und Freizeitangebote sind wichtige Kriterien bei der Entscheidung aufs Land zu gehen.'

Weniger Bereitschaftsdienste

In Niedersachsen wurde aus diesem Grund der Bereitschaftsdienst grundlegend reformiert. Statt einer Handvoll Ärzte, die sich den Notdienst teilten und dabei hunderte von Kilometern zu den Patienten zurücklegen mussten, gibt es nun einen Pool mit 80 bis 120 Teilnehmern. Diese sind in zentralen Bereitschaftspraxen an Kliniken stationiert, zu denen die Patienten selbst fahren müssen. Das erspart den Ärzten lange Strecken über Land. Köster: 'Bei echten Notfällen kommen natürlich nach wie vor der Rettungswagen', so Köster.

Eine andere Strategie nennt sich 'MoNi'; das Kürzel steht für 'Modell Niedersachsen' und verlagert bestimmte ärztliche Tätigkeiten wie Blutdruck und Blutzuckermessung oder die Wundversorgung in die Hände von medizinischen Fachangestellten. Auch Medizinische Versorgungszentren, die an Kliniken angedockt sind und in denen Ärzte mehrerer Fachrichtungen arbeiten, werden nach Kösters Einschätzung fester Bestandteil der Versorgung auf dem Land sein.

Um Mediziner-Nachwuchs zu rekrutieren geht die Kassenärztliche Vereinigung in Niedersachsen inzwischen neue Wege: Auf Jobmessen, wie sie in anderen Branchen längst etabliert sind, wird um die Ärzte in spe geworben. Und auch im Internet ist eine Praxisbörse mit allerlei lukrativen Werbeangeboten zu finden. 'Die Zeiten haben sich geändert' sagt Köster.

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