Fenna Reinecke und Silvia Friedrich arbeiten für die Menschen - im Auftrag des Evangelischen Diakonievereins Gemeindeschwestern pflegen mit Zeit

Rekum. Gebisse suchen, Frösche aus dem Keller holen, Überschwemmungen beseitigen, Äpfel pflücken und tote Vögel begraben - als Gemeindeschwester hat Fenna Reinecke schon die ungewöhnlichsten Situationen und Aufgaben bewältigt. "Langweilig wird mein Arbeitsalltag nie", sagt die 44-Jährige und lacht. Die examinierte Krankenschwester ist seit 2004 beim Evangelischen Diakonieverein Rekum als Gemeindeschwester tätig. Mit ihrer Kollegin Silvia Friedrich pflegt und betreut sie bis zu 25 Patienten.
24.09.2011, 05:00
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Gemeindeschwestern pflegen mit Zeit
Von Julia Ladebeck

Rekum. Gebisse suchen, Frösche aus dem Keller holen, Überschwemmungen beseitigen, Äpfel pflücken und tote Vögel begraben - als Gemeindeschwester hat Fenna Reinecke schon die ungewöhnlichsten Situationen und Aufgaben bewältigt. "Langweilig wird mein Arbeitsalltag nie", sagt die 44-Jährige und lacht. Die examinierte Krankenschwester ist seit 2004 beim Evangelischen Diakonieverein Rekum als Gemeindeschwester tätig. Mit ihrer Kollegin Silvia Friedrich pflegt und betreut sie bis zu 25 Patienten.

Der berufliche Alltag der Gemeindeschwester, so ist die Erfahrung von Fenna Reinecke, unterscheidet sich in vielen Punkten von dem des Pflegepersonals im Krankenhaus. "Ich habe immer das Gefühl, dass ich zu Menschen fahre statt zur Arbeit", erzählt sie . Das liege vor allem daran, dass sie mit etwas mehr Zeit pflege. "Eine Zeiterfassung für die einzelnen pflegerischen Tätigkeiten gibt es beim Diakonieverein nicht." Das weiß auch Hela Rohde zu schätzen. Die 69-Jährige lebt seit Ende 2005 im Haus der Diakonie auf dem Grundstück der Evangelischen Kirchengemeine in Rekum. Ein- bis zweimal in der Woche kommen die Gemeindeschwestern zu der Rentnerin, helfen ihr beim Duschen, messen ihren Blutdruck und unterstützen sie beispielsweise beim Ausfüllen von Formularen für den Antrag auf Pflegegeld. "Es ist wunderbar, wenn die Gemeindeschwestern kommen. Die nehmen sich Zeit und gucken nicht auf die Minute", sagt Hela Rohde. Historisch betrachtet begann mit den Gemeindeschwestern Anfang des 19.

Jahrhunderts die heutige ambulante Pflege. "Die Institution der Gemeindeschwester, wie es sie früher gab, existiert heute aber nicht mehr", erläutert Sabine Hatscher, Pressesprecherin bei der Bremischen Evangelischen Kirche.

Allein durch Spenden finanziert

Vor allem aufgrund der komplexen rechtlichen Vorgaben in der ambulanten Pflege und aufgrund des Kostendrucks in der Konkurrenzsituation mit gewerblichen Anbietern ambulanter Alten- und Krankenpflege hat sich die Zahl der Gemeindeschwestern stark reduziert. "In Bremen-Nord sind im Zuge der Gesundheitsreformen beispielsweise viele Schwestern in die Ambulante Pflege der Diakonischen Stiftung Friedehorst überführt worden", sagt Hatscher.

Eine Besonderheit des Gemeindeschwester-Dienstes des Rekumer Vereins ist die Möglichkeit, die Unterstützung nur ab und zu in Anspruch zu nehmen. "Patienten, die in keine Pflegestufe eingruppiert sind und die zum Beispiel nur einmal in der Woche Hilfe beim Duschen benötigen, fallen durch das Raster der Pflegeversicherung", erläutert Fenna Reinecke. "Da kommt die Mitgliedschaft im Diakonieverein den Leuten zu Gute." Die Kosten für die Dienste des Vereins, der auch Einkaufs- und Ausflugsfahrten organisiert, Begleitung bei Arzt- und Behördenbesuchen anbietet und zu dem ein Spielkreis unter pädagogischer Leitung gehört, werden von den Mitgliedern durch Beiträge und Spenden aufgebracht. Staatliche Zuschüsse oder Zuwendungen von Kranken- und Pflegekassen bekommt der Verein nicht. Beide Gemeindeschwestern des Diakonievereins Rekum arbeiten halbtags. Jeweils eine von ihnen ist am Vormittag, die andere am Nachmittag unterwegs. "Am Wochenende sind wir dafür nicht im Einsatz", sagt Fenna

Reinecke, die ihre Ausbildung im Kreiskrankenhaus Osterholz-Scharmbeck gemacht und dort anschließend sechs Jahre lang auf der Intensivstation gearbeitet hat.

Die Arbeit als Gemeindeschwester beinhaltet wie im Krankenhaus pflegerische Tätigkeiten wie das Waschen, Duschen und Baden der Patienten, das Verabreichen von Medikamenten und Injektionen, Verbandswechsel sowie hauswirtschaftliche Arbeiten wie Brote streichen, Kaffee kochen und Betten beziehen. Darüber hinaus leiten die Gemeindeschwestern die Angehörigen in der Pflege an, besorgen Rezepte beim Arzt und telefonieren mit Krankenkassen, Sanitätshäusern und Kliniken. "Wir gehen auch zu den Leuten, wenn ihre Kinder beispielsweise im Urlaub sind, und schauen nach dem Rechten. Wenn Patienten im Sterben liegen, pflegen wir sie ebenfalls - wenn möglich - zu Hause."

Lucinde Peeck ist bereits vor 29 Jahren - ein Jahr nach der Vereinsgründung - in den Diakonieverein Rekum eingetreten. "Da gab es ja noch keine Pflegedienste, so wie heute", erzählt die 77 Jahre alte Rekumerin. "Ich habe damals schon daran gedacht, dass ich später wahrscheinlich mal Hilfe brauche." Derzeit besuchen die Gemeindeschwestern die Rentnerin zweimal pro Woche, um einen Verband am Bein zu wechseln. "Als die Wunde noch schlimmer war, waren sie noch häufiger da." Auch als ihr inzwischen verstorbener Mann Pflege benötigte, war Fenna Reinecke an fünf Tagen in der Woche im Haus der Peecks. "Das ist eine gute Sache", findet die 77-Jährige. "Die Gemeindeschwestern waren immer da, wenn ich sie gebraucht habe."

Der Evangelische Diakonieverein Rekum bietet ambulante Pflege und Betreuung und kostenfreie Hilfsmittel. Zudem unterhält er ein Haus für betreutes Wohnen und einen Spielkreis. Weitere Informationen erhalten Interessierte donnerstags von 14 bis 17 Uhr im Pötjerweg 73 und unter der Telefonnummer 0421/683026.

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