Potenziale fördern

Gemeinsam Stärken finden

Flüchtlinge lernen im Bürgerzentrum Neue Vahr in Kreativkursen neue Perspektiven für eine berufliche und soziale Zukunft in Deutschland kennen.
17.02.2019, 22:18
Lesedauer: 4 Min
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Gemeinsam Stärken finden
Von Christian Hasemann
Gemeinsam Stärken finden

Die syrische Journalistin Roua Reshah möchte Tanzpädagogik studieren.

Petra Stubbe, Bürgerzentrum Berliner Freiheit

Das erste, was einem auffällt, wenn Roua Reshah den Raum betritt, ist das gewinnende Lächeln, das gut zu der offenen, zugewandten Art der jungen Frau passt. Es steckt viel Energie in der zierlichen Syrerin mit den langen dunklen Haaren – Energie, die sie ausleben möchte. Im Bürgerzentrum Berliner Freiheit in der Neuen Vahr hat sie dafür die passende Umgebung gefunden. Das Projekt „Face to Face“ (auf Deutsch: von Angesicht zu An­gesicht) möchte Stärken und Fähigkeiten von Migranten und Flüchtlingen finden und fördern.

Roua Reshah spricht sehr gutes Deutsch, dabei ist sie erst vor knapp drei Jahren nach Deutschland gekommen. Sie stammt aus Syrien, gehörte dort zu der Schicht der modernen, jungen und gebildeten Menschen der Großstädte. In Damaskus hat sie Journalismus studiert. Dann kam der Krieg, und sie ging zunächst nach Katar und später nach Deutschland. In Bremen möchte sie sich ihren anderen Stärken widmen. Stärken, die sie mit den Coaches um Projektkoordinatorin Saher Khanaqa-Kükelhahn herausgearbeitet hat. „Hier habe ich die richtige Unterstützung gefunden, ich mache regelmäßig beim Theater mit und komme regelmäßig zur Beratung“, sagt Roua Reshah.

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Denn neben der Teilnahme an unterschiedlichen Kreativangeboten verpflichten sich die Teilnehmer bei „Face to Face“ auch zu Einzelberatungen. „Diese individuelle Unterstützung, die war mir wichtig“, betont Roua Reshah, die deswegen auch den weiten Weg aus Rablinghausen in die Vahr auf sich nimmt. Sie schauspielere gerne, in Syrien habe sie bereits in einer Tanztheatergruppe mitgespielt. Zukünftig will sie diese Stärken ausbauen. „Ich möchte in den Bereich Theaterpädagogik“, erzählt sie. Vielleicht an der Hochschule Ottersberg. Vielleicht schon ab März. Was das Besondere am Theater ist? „Auf der Bühne zu stehen ist für mich ein Traum. Man kann Sachen probieren, die man im echten Leben nicht machen kann oder nicht sein kann.“

„Das erste Jahr war eine Katastrophe“

Es war kein leichter Weg für die junge Frau. „Ich habe mich verändert, musste mit der Situation umgehen“, sagt sie über das Ankommen in Deutschland. Inzwischen sei es besser. „Das erste Jahr war eine Katastrophe“, sagt sie. „Da habe ich mir nicht vorstellen können, mal auf Deutsch meinen Master zu machen.“ Diese irreale Vorstellung könnte nun bald Realität werden.

In der Berichterstattung über Migranten und Flüchtlinge herrscht oft ein defizit-orientiertes Bild vor. Das heißt, es wird vom Mangel geschrieben, gesendet und gesprochen: fehlende Sprachkenntnisse, fehlende Bildung, fehlende Fähigkeiten. In der Berliner Freiheit scheint ein anderer Geist zu wehen. „Es geht zum Beispiel beim Kurs ‚Logbuch’ darum, eigene Ressourcen kennenzulernen“, beschreibt Diplom-Psychotherapeutin Saher Khanaqa-Kükelhahn einen Baustein des Projekts.

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Die lange Flucht, die Zeit in den Heimen habe Spuren an den Menschen hinterlassen. „Viele wissen oft gar nicht mehr, was sie können. Das arbeiten wir in den Einzelcoachings heraus.“ Dabei gehe es auch darum, Praktika oder Arbeitsverhältnisse zu vermitteln. Ein anderer Aspekt ist der Spracherwerb. „Die Menschen sollen die Sprachangst verlieren“, so Saher Khanaqa-Kükelhahn. Ein Mittel dazu: Theater, Bewegungskurse. Letztere richten dabei nicht nur den Körper, sondern auch den Geist auf. „Die Flüchtlinge haben lange Jahre Krieg gespürt, haben sich geduckt.“ Diese Unterdrückung sehe man den Menschen an. „Aber durch die Bewegung merkt man richtig, wie sie sich aufrichten. Sie machen sich gerade.“ Dies sei ein wichtiger Punkt für eine gelungene Integration.

Von Angesicht zu Angesicht

Selbstbewusstsein heißt auch auf Augenhöhe zu sein. Und daher erklärt sich auch der Name des Projekts: „Face to Face“ – von Angesicht zu Angesicht. Erst im Januar angefangen, hat das Projekt schon 52 Teilnehmer, vornehmlich aus der Vahr. Interessierte können laufend teilnehmen und sich ihren Stundenplan aus dem Kursangebot selbst zusammensuchen. „Face to Face“ ist auf zwei Jahre angelegt und wird finanziell gefördert vom Europäischen Sozialfonds (ESF). Es kooperiert mit dem Kulturladen Huchting.

Omar Sawahar steht kurz davor einen C-1-Kurs in Deutsch zu machen. C 1 ist eine Stufe im Europäischen Referenzrahmen für Sprachenkenntnisse. Auf diesem Niveau sollen spontane längere und fließende Gespräche möglich sein. C 1 ist aber auch nötig, um ein Hochschulstudium in Deutschland aufzunehmen. Und das ist das Ziel von Omar Sawahar. Der 23-Jährige hat in Damaskus Politikwissenschaft studiert, konnte wegen des Bürgerkrieges sein Studium aber nicht beenden und ging nach Deutschland.

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Über den Libanon, die Türkei, Griechenland und den Balkan ist er nach Deutschland gekommen und musste seine Familie zurücklassen. Ein Verlust, der ihn zuweilen quält. „Ich bin eigentlich zufrieden, aber manchmal fühle ich mich schlecht, weil ich meine Familie vermisse.“ Per Videotelefonie halte er Kontakt zu Freunden in Syrien. Freunde hat er inzwischen auch in Deutschland gefunden. Mögliche Ziele hat er für sich bei „Face to Face“ herausgearbeitet. „Vielleicht Optiker oder Zahntechniker.“ Und es gibt eben auch die Option Studium.

Omar möchte der beste arabische Schauspieler werden

Dafür muss aber zunächst einmal Sawahars Abiturzeugnis aus Syrien in Deutschland anerkannt werden. Es gibt noch einen anderen Weg, den er gerne einschlagen würde: Schauspieler. „Ich würde gerne der beste arabische Schauspieler werden“, sagt Omar Sawahar, der in Gröpelingen wohnt. Gerne im komödiantischen Bereich. Deswegen nutze er die Gelegenheit im Bürgerzentrum, das deutsche Schauspiel kennenzulernen.

Für die Projektteilnehmer kann auch die Projektkoordinatorin Saher Khanaqa-Kükelhahn ein gutes Beispiel sein: Sie kam vor Jahrzehnten aus dem Iran nach Deutschland, ging direkt in die Oberstufe, begann ein Studium und arbeitet seither als Psychotherapeutin – und nun eben auch als Coach für Flüchtlinge und Migranten – von Angesicht zu Angesicht.

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