Urban Gardening Gemeinschaftsgarten geht an den Start

"Ab geht die Lucie": Unter diesem Motto haben über 250 Menschen am Sonntag den Neustädter Lucie-Flechtmann-Platz mit Blumen, Obst und Gemüse bepflanzt.
06.06.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel

Die Idee zu diesem "Urban Gardening"-Projekt kommt von Anwohnern, die gemeinsam mit den benachbarten Seniorenwohnheimen und einer Kita einen Mehrgenerationen-Treffpunkt entwickeln möchten. Die Saat für einen Gemeinschaftsgarten ist mit der Aktion gelegt. Ob der Plan langfristig gedeiht, ist aber noch unklar.

Neustadt. "Eigentlich müsste man erst einmal die Betonplatten herausreißen, bevor alle mit dem Gärtnern anfangen können", sagt Helga Geis. Die Rollstuhlfahrerin aus dem Seniorenwohnheim "Alfred Horn Haus" sitzt am Rande des Lucie-Flechtmann-Platzes und betrachtet skeptisch den kleinen Garten, der Stück für Stück auf dem grauen Untergrund entsteht: Männer und Frauen, Studenten, Senioren und junge Eltern mit ihren Kindern – über 250 Menschen sind am Sonntagnachmittag zusammengekommen, um Tomaten- und Erdbeerpflanzen sowie Hibiskus und Nelken in die Erde zu setzen. In den Hochbeeten, die aus Holzpaletten zusammengezimmert sind, ist nach wenigen Stunden bereits der Platz vergeben.

Juditha Friehe und Eva Kirschenmann sind zwei der Anwohnerinnen, die die Idee zu diesem "Urban Gardening"-Projekt hatten (wir berichteten). Nun stehen sie inmitten des Gewusels und organisieren gemeinsam mit anderen Aktiven Zukunfts-Workshops, den Auftritt einer Samba-Truppe und haben ein Auge darauf, dass der Nachschub an Gartenerde nicht ins Stocken gerät. "Wir wollen diesen trostlosen Betonplatz beleben und die Anwohner dazu ermuntern, sich hier gemeinsam in Zukunft mit einzubringen", sagt Friehe vom eigens für das "Urban-Gardening"-Projekt gegründeten Verein "Kulturpflanzen". Finanzielle Unterstützung gab es dafür vom Neustädter Beirat und der Bürgerstiftung Bremen. Ob das Grün langfristig bleiben darf, ist noch völlig unklar. Das Stadtamt hat zunächst eine Genehmigung für einen Monat erteilt. Erst nach dieser Testphase wird entschieden, ob das Projekt weiterlaufen darf.

"Ich bin froh, dass auch so viele Senioren aus den benachbarten Heimen den Weg auf den Platz gefunden haben", freut sich Friehe. Immerhin seien die Wohnheime sowie eine Kita Kooperationspartner der Nachbarschafts-Initiative. Für die Kinder hat der Verein "SpielLandschaftStadt" ein Bewegungsmobil mitgebracht. Das Ziel auf dem Platz ist für alle Beteiligten: ein grüner Treffpunkt für alle Generationen anstatt der üblicherweise menschenleeren und trostlosen Betonwüste. Die Heimbewohner, die neugierig begutachten, was da vor ihrer Haustür passiert, sind überrascht davon, dass so viele junge Leute sich für Gartenarbeit interessieren. "Endlich passiert hier etwas, damit der Platz nicht mehr so platt ist", sagt eine ältere Dame. Sie kann sich auch vorstellen, später beim Gießen mitzuhelfen.

Zwischen den Blumenkübeln, Gartenschläuchen und einem Bewegungsmobil für Kinder steuert Altenpfleger Rüdiger Schütte vorsichtig mit Ilse Frödrich ein Zweisitzer-Fahrrad hindurch. Eine Aktion, die der Seniorin sichtlich Spaß bereitet. "Wir vom Haus kleine Weser erhoffen uns, dass das nicht nur eine kurzfristige Aktion bleibt, sondern auch in Zukunft etwas Lebendiges auf dem Platz stattfindet, an dem unsere Bewohner teilnehmen können", sagt Schütte. Waldemar Fiegert, Heimleiter vom Alfred-Horn-Haus, weist auf die Bereitschaft der Senioren hin, auch langfristig Beetpatenschaften zu übernehmen. "Natürlich alles in Begleitung unseres Personals, wenn das erforderlich ist", so Fiegert. Die richtige Höhe für Senioren, die auch im Rollstuhl sitzen, hätten die Hochbeete jedenfalls schon. Wenn das Projekt weitergeführt werde, könne er sich auf dem Platz auch Liedernachmittage und Sommerfeste sowie Ergotherapie vorstellen.

Wünsche für die Zukunft

"Ich sehe es als positives Signal, dass die Bremer Politik so etwas einmal ausprobiert", sagt Daniel Schnier, der mit der "Zwischenzeitzentrale" das Projekt unterstützt. Es gebe zwar bereits eine "Urban-Gardening"-Szene in Bremen, deren Aktionen im öffentlichen Raum bislang jedoch eher geduldet als offiziell anerkannt worden seien. "Nun wird es natürlich spannend, ob auch nach diesem sonnigen Nachmittag genug Leute dabei bleiben, um den Garten am Laufen zu halten", so Schnier.

Wie der erste Aktionsmonat, aber auch die Zeit danach auf dem Platz gestaltet werden kann, darüber haben am Sonntag über 30 Besucher gemeinsam mit Eva Kirschenmann diskutiert. "Das Ganze kann nur funktionieren, wenn wir alle auf unseren täglichen Wegen ein Auge auf die Beete haben und regelmäßig Gießen", sagt die Aktivistin. Und nur, wenn der Platz einen ordentlichen Eindruck mache, bestünde die Chance, dass das Stadtamt das Projekt weiterhin unterstütze.

Und was kommt danach? Die Wunschliste ist lang: Zunächst den Platz entsiegeln, dauerhafte Beete und eine Wiese anlegen. Eine Spielgelegenheit für Kinder, eine Tischtennisplatte, ein Bücher-Tausch-Schrank und Flohmärkte. "Für uns spielt die Barrierefreiheit eine große Rolle", betont Kirschenmann. Schließlich sollen sich Alt und Jung gleichermaßen auf dem Platz bewegen können.

Ob einige dieser Wünsche auch Realität werden können, müssen nun die kommenden Wochen zeigen. Ein Nachtreffen für Menschen, die sich auf dem Platz engagieren möchten, findet am heutigen Donnerstag ab 19 Uhr in der Grünenstraße 17 statt. Anwohnerin Mechthild Klare sieht die Zukunft von "Lucie" äußerst optimistisch. Sie hat Olivenkerne in ein Hochbeet gesteckt. Olivenbäume wachsen sehr langsam, können dafür aber mehrere hundert Jahre alt werden. Klare sagt mit einem Lächeln: "Ich glaube, die sind hier nachhaltig angelegt."

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