Nikolai Fritzsche zum Weltfrauentag Gemischte Gefühle

Kinder sind die größten Geschenke – und eine Gefahr für die Gleichberechtigung, meint Nikolai Fritzsche in seinem Kommentar zum Weltfrauentag.
08.03.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Gemischte Gefühle
Von Nikolai Fritzsche

Der 8. März war für mich schon als Kind ein besonderer Tag. Meine Gedanken und Bemühungen kreisten um die Frau: Was wünschte sie sich wohl? Auf die Idee, dass sie sich nach Gleichberechtigung sehnen könnte, kam ich nicht. Denn bei uns zuhause durfte nur einer zu wenig mitbestimmen: ich. Deshalb fertigte ich zum 8. März ab der Pubertät keine Gemälde mehr an, sondern eigennützige Gutscheine: „5x Müll runterbringen“ oder „3x Spülmaschine ausräumen“. Meine Mutter war über diese Geschenke zu ihrem Geburtstag, dem 8. März, nicht begeistert – beides war ihrer Meinung nach ohnehin meine Aufgabe.

Ich verstand lange nicht, warum meine Mutter stolz war, am Weltfrauentag Geburtstag zu haben. Irgendwann konnte ich dann nachvollziehen, dass sie sich als alleinerziehende Mutter wie der Depp vom Dienst vorkam. Dienst, weil ein Kind, eine Zwei-Drittel-Stelle und ein Haushalt so viel Arbeit machen, dass es zum Luxus wird, Zeit für sich zu haben. Und Depp, weil dieser Haufen Arbeit oft gering geschätzt wird. In finanzieller Hinsicht gleich doppelt: erst beim Gehalt, dann bei der Pension. Daran hat sich in den vergangenen Jahren nicht viel verändert.

Wenn der Leiter des Schulchors uns mit den Worten „Liebe Herrlichkeiten und Dämlichkeiten“ begrüßte, musste ich nicht lachen. Als zwei Klassenkameraden ein Referat zum Thema „Frauengewalt gegen Männer“ anmoderierten, fiel mir genauso die Kinnlade herunter wie unserer pikierten Klassenlehrerin. Gewalttäter sind Männer, Opfer sind Frauen – auch das gehört zu dem Bild, das wir vom Verhältnis der Geschlechter haben. Als aber in einer WG, die ich mir am Anfang des Studiums anschaute, einer dieser „Lieber gleich-berechtigt als später“-Aufkleber an der Tür prangte, wusste ich: Hier bin ich richtig.

Neben dem Spruch hing noch ein zweiter Aufkleber: „Atomkraft? Nein danke!“ Ohne dass es jemals einen Welttag gegen Nuklear-Energie gegeben hat, wird der Aufkleber hierzulande im Jahr 2022 zu einem Relikt aus schlechteren Tagen werden. Der Spruch zur Gleichberechtigung wird noch lange mit gutem Grund an der Tür kleben, obwohl er schon aktuell war, bevor die Kernspaltung überhaupt entdeckt wurde. Warum die Benachteiligung von Frauen so hartnäckig ist? Weil sie sich über lange Zeit in allen Lebensbereichen einnisten konnte. Und weil sie – noch – sehr viel mit dem Kinderkriegen zu tun hat.

Die Großmutter einer Bekannten durfte seit der Geburt ihres ersten Kindes nicht mehr arbeiten. Ihr Mann hatte es verboten. In den 50er Jahren hatten Frauen zwar die Wahl, wenn es um den Bundestag ging – oft aber nicht bei der eigenen Biografie. Sie brachte drei Kinder zur Welt, darunter zwei Mädchen. Diese entschieden sich später, in den 70er Jahren, gegen eigenen Nachwuchs. Ihre Mutter hatte es ihnen ausgeredet, denn sie hatte aus ihrem eigenen Leben gelernt: Frauen mit Kindern sind von Männern abhängig. Und als ihre einzige Enkeltochter – meine Bekannte – vor einigen Jahren schwanger wurde, war die erste Reaktion der Großmutter ein trauriges Gesicht und die Frage: „Dann kannst du ja jetzt nicht mehr arbeiten, oder?“

Gewiss entlassen heute deutlich weniger Familien ihre erwachsenen Kinder mit einer solch traurigen Botschaft in die Welt. Frauen und Männer können gemeinsam darüber lachen, wenn Evelyn Hamann sagt: „Ich finde, gerade eine Hausfrau mit Familie sollte eine abgeschlossene Berufsausbildung haben. (...) Da hab’ ich mein Jodel-Diplom!“ Trotzdem sind Kinder weiterhin die größte Gefahr für die Gleichberechtigung, ist ihre Geburt der Einschnitt im Leben von Frauen, durch den viele in eine Abhängigkeit geraten. Nicht nur finanziell, und nicht nur dann, wenn Mutter und Vater sich trennen.

Während ich diesen Text schreibe, kümmert sich meine Freundin um unsere vier Monate alte Tochter. Vor der Geburt trafen wir eine Abmachung: Wir wollten beide weiter in Vollzeit arbeiten – ich in der Redaktion, sie zuhause an ihrer Promotion. Meine Hälfte der Abmachung funktioniert. Weil ich 40 Stunden pro Woche schlicht nicht greifbar bin, wenn Hunger, eine volle Windel oder Langeweile beseitigt werden müssen.

In dem „Papa-Handbuch“, das ich geschenkt bekommen habe, steht: „Die meisten Elternpaare wünschen sich dieses berufliche, familiäre und finanzielle Ungleichgewicht nicht. Sie geraten quasi hinein.“ Als Retraditionalisierungsfalle bezeichnen Soziologen dieses Phänomen. Für die meisten Menschen in Deutschland gehört es unabhängig vom Geschlecht längst zu ihrem Selbstverständnis, eine gleichberechtigte Beziehung führen zu wollen. Wenn das erste Kind kommt, wird das schwierig.

Dabei empfinden viele Frauen es als Privileg, Kinder zur Welt bringen und stillen zu können. Mancher Mann beneidet sie darum, diese unvergesslichen Erfahrungen machen zu können. Dass aber die Konservierung von Eizellen, die für Krebspatientinnen entwickelt wurde, unter dem Namen Social Freezing stellenweise als Revolution für die Selbstbestimmung der Frau gefeiert wird, zeigt: Die Wertschätzung für dieses Privileg konkurriert mit dem Bedauern darüber, dass es die Berufsbiografie beeinflusst. Auch, weil die Arbeit als die wesentliche Ausdrucksform der eigenen Fähigkeiten gilt.

Der Staat hat die Möglichkeit und die Pflicht, dafür zu sorgen, dass für Frauen mit Kindern die positiven Aspekte des „natürlichen Unterschieds“ zwischen den Geschlechtern im Vordergrund stehen. Es gibt aber immer noch viele Regelungen, die das Gegenteil tun. Etwa, dass das Elterngeld sinkt, wenn man während der Elternzeit in Teilzeit arbeitet. Das bedeutet: Die Arbeit lohnt sich unter Umständen nach der Geburt eines Kindes weniger als vorher. Das ist eine traurige Botschaft.

Bei den Männern, die meist überhaupt nicht mehr bevorteilt sein wollen, sind viele gesellschaftliche Tabus gefallen. Männer sind beim Babyschwimmen und im Still-Café willkommen, und manche werden von Arbeitskollegen nicht mehr dafür ausgelacht, dass sie dort hingehen. Studien zufolge würden die meisten Väter gerne nur 30 Stunden pro Woche arbeiten, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben. Damit Gleichberechtigung aber keine Frage des Geldbeutels ist, müssen vor allem Männer mit niedrigen Einkommen ihre Arbeitszeit zugunsten ihrer Kinder reduzieren können, ohne weniger zu verdienen.

Wenn die Zeit um die Geburt eines Kindes herum als einzige Phase übrig bleibt, in der Frauen im Vergleich zu Männern in ihren Möglichkeiten eingeschränkt sind, dann ist der Tag gekommen, den alten Aufkleber wegzuwerfen. Solange das nicht so ist, müssen beide Geschlechter die Voraussetzungen dafür einfordern. Jeden Tag, nicht nur am 8. März.

nikolai.fritzsche@weser-kurier.de

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+