Bremer Klinikkonzern

Geno will Infizierte arbeiten lassen

Ist ein Einsatz Corona-infizierter Mitarbeiter am Krankenbett denkbar? Der Bremer Klinikkonzern Gesundheit Nord bejaht das grundsätzlich. Ein entsprechendes Rundschreiben an die Mitarbeiter sorgt für Wirbel.
19.03.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jürgen Theiner und Carolin Henkenberens
Geno will Infizierte arbeiten lassen

Der Bremer Klinikverbund Gesundheit Nord erklärt in einem Rundschreiben, dass Mitarbeiter mit einer Coronavirus-Infektion weiter arbeiten können.

Frank Thomas Koch

Im Zeichen der Corona-Krise zeigt das Bremer Gesundheitswesen erste Stresssymptome. In der Belegschaft des städtischen Klinikverbundes Gesundheit Nord (Geno) sorgt seit Dienstag ein Rundschreiben der Konzernspitze für große Irritationen.

In der Mitarbeiterinformation geht es unter anderem um das Verhalten des Personals bei eigener Covid-19-Ansteckung. Dabei werden mehrere Szenarien beschrieben. Eines davon: „Ich bin selbst mit dem Corona-Virus infiziert, fühle mich aber gut. Auch in diesem Fall kann ich grundsätzlich weiter arbeiten“, heißt es in dem Schreiben wörtlich. Vorher sei aber mit den Hygiene-Experten der Geno Rücksprache zu halten.

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Diese Ansage der Geno-Spitze hat viele Beschäftigte aufgebracht. „Das ist in dieser Form nicht tragbar“, sagte ein Arzt, der an einer der beiden Corona-Ambulanzen der Geno beschäftigt ist, dem WESER-KURIER. Selbst wenn infizierte Kollegen mit einem Mund-Nasen-Schutz ausgestattet seien und alle Hygiene-Regeln befolgten, könne es nicht sein, dass sie Nicht-Corona-Patienten behandeln. So sieht das auch Bremens führender Experte, Andreas Dotzauer, Leiter des Laboratoriums für Virusforschung an der Universität Bremen: „Das irritiert mich.“ Für denkbar hält Dotzauer einen Einsatz infizierten Personals erst zwei bis drei Wochen nach Symptombeginn, wenn keine Ansteckungsgefahr mehr besteht. „Vorher geht das nicht, selbst wenn ein Arzt oder Pfleger eine Maske trägt.“

Empfehlung war abgestimmt

Nach Darstellung von Geno-Sprecherin Karen Matiszick war die Empfehlung in der Mitarbeiter-Information mit den Infektiologen des Klinikverbundes abgestimmt. Natürlich sei es weder wünschenswert noch angestrebt, dass Corona-infizierte Mitarbeiter im Krankenhausalltag eingesetzt werden. „Es könnten aber im weiteren Verlauf der Pandemie Situationen entstehen, in denen wir jede ­helfende Hand gebrauchen können“, sagt ­Matiszick.

Unterdessen richten sich nicht nur die Geno-Häuser, sondern auch die übrigen Bremer Kliniken auf steigende Corona-Patientenzahlen ein. Noch sind nur wenige Infizierte auf eine Behandlung im Krankenhaus angewiesen. „Wir rechnen damit, dass sich das rasant ändern wird“, sagt Karen Matiszick. Im Land Bremen gibt es laut Gesundheitsressort 314 Intensivbetten und 31 Betten in der Intensivüberwachungspflege, einer Zwischenstufe zwischen Normal- und Intensivstation. Die Zahl der Intensivbetten sei im Bundesvergleich ein guter Wert, so Matiszick. Sie werde aber weiter aufgestockt.

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Um dem Personalengpass zu begegnen, würden Ruheständler oder Angestellte aus den Krankenpflegeschulen angeschrieben. Man habe auch Mitarbeiter der Verwaltung mit entsprechender Qualifikation aufgerufen, wieder in den Dienst am Patienten einzusteigen. „Es ist eine ernste Lage, wir merken aber auch eine unglaubliche Bereitschaft der Mitarbeiter, diese Herausforderung zu stemmen“, sagt Matiszick. Ärzte und Pfleger verschöben etwa bereitwillig ihren Urlaub.

Schutzkleidung und Masken

Auch das Rotes-Kreuz-Krankenhaus in Bremen versucht, möglichst viele Betten auf der Intensivstation freizuhalten. Operationen, die sich verschieben lassen, werden abgesagt, sagt Sprecherin Dorothee Weihe. Auch das Personal rotiere: Wer die entsprechende Qualifikation habe, wechsele von einer Normal- auf eine Intensivstation. Bei einigen werde mittels Schulungen das entsprechende Wissen aufgefrischt. Ein täglicher Krisenstab beratschlage über die Schritte. Eine der drängendsten Fragen des Krankenhauspersonals ist der Sprecherin zufolge, ob die vom Gesundheitsministerium georderte Ausrüstung wie Schutzkleidung und Masken rechtzeitig ankommt.

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer hält es nicht für ­vertretbar, dass infiziertes Medizinpersonal nicht-infizierte Patienten behandelt.

Der Bremer Virologe Andreas Dotzauer hält es nicht für ­vertretbar, dass infiziertes Medizinpersonal nicht-infizierte Patienten behandelt.

Foto: Louis Kellner

Klarheit besteht seit Mittwoch darüber, wann genesene Corona-Patienten ihre häusliche Quarantäne beenden können. Zu dieser Frage hatten Betroffene in den vergangenen Tagen zum Teil sich widersprechende Informationen vom Bremer Gesundheitsamt erhalten. Das Robert-Koch-Institut hat hierzu jetzt eindeutige Vorgaben gemacht. Demnach gelten Corona-Infizierte, die bei leichtem Krankheitsverlauf häuslich interniert waren, als aus der Quarantäne entlassen, sofern der Symptombeginn mindestens 14 Tage zurückliegt und seit 48 Stunden keine Symptome mehr erkennbar waren. Voraussetzung für die Beendigung der Quarantäne ist zudem eine vorherige Rücksprache mit dem Hausarzt. Für Patienten mit schweren Verläufen, die zeitweilig im Krankenhaus behandelt wurden, gilt: Ende der häuslichen Isolierung frühestens 14 Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhaus.

Wie lange hält sich das Coronavirus auf ­Oberflächen? Können Kinder noch mit den Nachbarskindern spielen? Diese und andere ­Fragen von WESER-KURIER-Lesern beantwortet ­Professor Andreas Dotzauer, Virologe an der Uni Bremen, im Podcast unter www.weser-­kurier.de/virologe.

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