Medizinerin Angela von Beesten klärt Landfrauen in Aschwarden über die Hintergründe auf Gentechnik ist nicht sofort erkennbar

Aschwarden. In mehr als 30000 unserer Lebensmittel könnten Spuren gentechnisch veränderter Substanzen sein. Dies ist keine Angabe von Gegnern, sondern Beführwortern der Gentechnik. "Uns soll dies suggerieren, dass wir um gentechnisch veränderte Produkte gar nicht mehr herumkommen." Medizinerin Angela von Beesten sieht dies anders. Ihr friedlicher Kampf gegen Gentechnik dauert schon zehn Jahre und heißt: Aufklärung - auch bei den Landfrauen Rade und Umgebung.
09.04.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von IRIS MESSERSCHMIDT

Aschwarden. In mehr als 30000 unserer Lebensmittel könnten Spuren gentechnisch veränderter Substanzen sein. Dies ist keine Angabe von Gegnern, sondern Beführwortern der Gentechnik. "Uns soll dies suggerieren, dass wir um gentechnisch veränderte Produkte gar nicht mehr herumkommen." Medizinerin Angela von Beesten sieht dies anders. Ihr friedlicher Kampf gegen Gentechnik dauert schon zehn Jahre und heißt: Aufklärung - auch bei den Landfrauen Rade und Umgebung.

Angela von Beestens Ehemann betreibt einen Bioland-Hof im Landkreis Rotenburg/Wümme. Vor zehn Jahren kam plötzlich ein Anruf: "Wissen Sie eigentlich, dass in ihrer Nachbarschaft ein Freisetzungsversuch von gentechnisch verändertem Mais geplant ist?" Angela von Beesten und ihre Mann wussten das nicht. "Bis dato hatte ich mich auch noch nicht wirklich um Informationen zur Gentechnik bemüht, schien mir die Angelegenheit weit entfernt", gesteht die Medizinerin. Das sollte sich ändern - Greenpeace schaltete sich in den Freisetzungsversuch vor Ort ein und Angela von Beesten sammelte national und international Hintergrundinfos und referiert jetzt zum Thema. "Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig die Aufmerksamkeit von Bürgern zur ,Gentechnik' ist."

"Thema geht uns alle an"

Zwei Stunden erzählte Angela von Beesten von einem Thema, "von dem ich ihnen das ganze Wochenende berichten könnte". Dabei erwähnte sie Aspekte wie "rote Gentechnik" (Medizin, Diagnostik), "graue und weiße" (genetisch veränderte Pflanzen oder Bakterien zur Sanierung von Umweltschäden), "braune" (Methoden zur Abwasserreinigung) und "blaue Gentechnik" (verändertes Erbgut von Fischen zur Wachstumbeschleunigung - wird in 2011 auf Zulassung vorbereitet) nur am Rande.

Ihr Hauptaugenmerk galt der "grünen Gentechnik", auch als "Agrogentechnik" bezeichnet. Von Beesten machte deutlich: "Ein Thema, das uns alle angeht." Denn: Mit natürlicher, weiterführender Züchtung hat Gentechnik nichts zu tun. Ein gentechnisch veränderter Organismus hat Erbmaterial von Bakterien, Viren, Pflanzen, Tieren oder Menschen in sich, der so unter natürlichen Bedingungen wie Kreuzungen oder Rekombination erst gar nicht vorkommt. "Mit Folgen, die wir bislang noch gar nicht absehen können", erklärte die Ärztin für Homöopathie, Naturheilverfahren und Psychotherapie.

Sie gab Beispiele: Gene des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis werden in Mais-, Soja- oder Baumwollpflanzen eingebracht, damit diese in jeder ihrer Zellen das tödliche Gift des Bakteriums gegen Fraßinsekten selbst herstellen können. Artfremde Wachstumsgene werden in Karpfen oder Lachse eingebracht, damit sie schneller wachsen. Menschliche Gene werden in Nutzpflanzen eingebracht, damit diese menschliche Proteine (Eiweiße) für die Pharmaindustrie erzeugen.

Doch: Die Gentechnik selbst ist noch gar nicht so alt (1983 gelang die erste gentechnische Übertragung von Antibiotikaresistenzgenen von Tabak- auf Petunienpflanzen, seit 1996 gibt es den kommerziellen Anbau in den USA), die Folgen können also in Langzeitstudien noch gar nicht richtig erforscht werden, fasste sie zusammen.

In den Ländern der Europäischen Union gilt zwar seit April 2004 eine Rechtsvorschrift zur Kennzeichnung von genveränderten Organismen (GVO). Demnach müssen alle Lebensmittel gekennzeichnet werden, die selbst ein GVO sind, beispielsweise Maiskolben, Soja, Tomate, Kartoffel. Gleiches gilt auch für Zutaten oder Zusatzstoffe, die aus GVO hergestellt sind, beispielsweise Öle aus gentechnisch veränderten (gv) Sojabohnen oder Raps.

Aber: Derzeit müssen Stoffe, die mit Hilfe von gv Bakterien oder Hefen hergestellt werden - beispielsweise Geschmacksverstärker wie Glutamat, Süßstoff oder Vitamine - nicht gekennzeichnet werden. Diese Zusatzstoffe werden nämlich in Fabriken von Bakterien hergestellt, die nicht in die Umwelt freigesetzt werden, sagte sie.

Ebenso wenig gekennzeichnet werden müssen Produkte von Tieren (beispielsweise Milch, Eier und Fleisch), die mit Gen-Pflanzen gefüttert werden. "Was ist mit dem so hoch gepriesenen argentinischen Rindersteak?", kam prompt die Nachfrage einer Landfrau. "Würde ich nicht essen wollen", gesteht die Medizinerin vor dem Hintergrund, dass Argentinien mit 22,9 Hektar drittgrößter Erzeuger von gentechnisch veränderten Pflanzen, hier Soja, ist, das auch als Tierfutter genutzt wird. Im Übrigen: Die Flut an Informationen, die Angela von Beesten den Landfrauen - und einigen anwesenden Herren - präsentierte, brachte anfangs noch erstaunte Ausrufe, später dann eher erschüttertes Schweigen.

Öl aus Soja, Mais, Raps, Honig, Enzyme, Vitamine wie C, B oder E, Nahrungsergänzungsmittel Schokolade, Saucen, Brot, Gebäck, Käse, Fertiggerichte, Obstsäfte - die Aufzählungen wollten gar nicht mehr aufhören. "Produkte, die in irgendeiner Art und Weise industriell gefertigt werden, können gentechnisch veränderte Substanzen enthalten." Da setzt die Medizinerin auch auf den 2007 herausgegebenen "Ökologischen Ärztebrief" unter dem Titel "Agrogentechnik", der zehn wichtige Fragen zur Gentechnik in Landwirtschaft und Ernährung erklärt.

"Das Wissen über die Auswirkungen der Gentechnikanwendung ist noch sehr lückenhaft, eine Berechnung der Folgen für Mensch und Natur nicht möglich. Durch Gentechnik werden neue Genkombinationen in die Nahrung eingeführt, die der Mensch vorher niemals im Essen hatte. Die Auswirkungen sind noch unbekannt."

Mittlerweile gebe es weltweit zwar immer mehr Kritik, doch hinter gentechnisch veränderten Organismen stehe eine enorme Wirtschaftskraft. "Das ist wie bei der Atomenergie. Erst wird uns erzählt, alles ist gut. Dann kommt die Katastrophe in Japan und plötzlich ist doch nicht alles so gut. Was muss das für eine Lobby sein", äußerte eine Landfrau laut ihre Gedanken.

Als Fazit für die Landfrauen hatte Angela von Beesten den Tipp: "Nehmen sie die Nahrung so naturbelassen wie möglich auf. Dann leben sie nicht nur gesünder, sondern bieten der Gentechnik erst gar keinen Markt. Treffen sie sich beispielsweise zum gentechnikfreien Kochen." Für Landfrauen-Vorsitzende Ann-Katrin Bullwinkel das Stichwort: "Ein Thema, über das ich schon seit Jahren rede. Schon Kindern in der Grundschule muss etwas über gesunde Ernährung und Kochen mit regionalen Produkten beigebracht werden, dann erledigen sich manche Probleme von allein."

Weitere Infos rund um das Thema unter: www.bantam-mais.de oder www.bund.net. Einen Ratgeber "Essen ohne Gentechnik" gibt es auch unter www.greenpeace.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+