Große Anerkennung für den scheidenden BSAG-Chef Georg Drechsler steigt aus der Bahn

Bremen. Georg Drechsler geht. Mehr mit weinendem als lachendem Auge. Der Ex- BSAG-Chef hält auf der Straßenbahn "Molly" (anno 1900) seine Abschiedsrede und klammert sich an die Kurbel des musealen Wagens, als wollte er den Job nicht mehr loslassen.
29.01.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Rainer Kabbert

Bremen. Georg Drechsler geht. Mehr mit weinendem als lachendem Auge. Der Ex- BSAG-Chef hält auf der Straßenbahn "Molly" (anno 1900) seine Abschiedsrede und klammert sich an die Kurbel des musealen Wagens, als wollte er den Job nicht mehr loslassen. Zuvor sind andere dran und skizzieren das Bild eines Managers, der große Fußstapfen hinterlässt.

Bevor der Vorstandsvorsitzende der Bremer Straßenbahn AG zu Wort kommt, liefern Politiker und BSAG-Mitarbeiter Teile für ein buntes Psycho-Puzzle. Drechsler ist eine "Kämpfernatur" (Verkehrssenator Reinhard Loske), ein "Überzeugungstäter im Amt" (Herbert König, Chef der Münchener Verkehrsgesellschaft), einer, der mit "Feuer an seine Aufgaben herangeht" (Hajo Müller, Vorstand Finanzen & Controlling) und dabei auch eine "liebenswürdige Penetranz" entwickeln kann (Jörg Mielke, Osterholzer Landrat) - und einfach nur ein "feiner Kerl" (König). Langanhaltender Beifall in der Hauptwerkstatt am Flughafendamm signalisiert, wie gerade die letzte Beschreibung vielen der rund 250 Gäste aus der Seele gesprochen hat.

Zuallererst aber wird er als einer in Erinnerung bleiben, der einiges bei der BSAG und im Öffentlichen Personennahverkehr bewegt hat. Und als hätten sich die Laudatoren abgesprochen, zitieren sie Drechsler mit den gleichen Worten: "Die Bahn muss zu den Menschen kommen, nicht die Menschen zur Bahn." Senator Loske erwähnt die Restrukturierung der BSAG; den zentralen Gedanken Drechslers, den Umstieg vom Auto auf die Bahn zu erleichtern; die Erneuerung und Erweiterung des Schienennetzes; die Modernisierung des Fuhrparks...

Seit 1997 in Bremen

Der Bauingenieur (Jahrgang 1949) kam 1997 nach Bremen, aus seiner Geburtsstadt Karlsruhe. Er wurde BSAG-Vorstand, drei Jahre später deren Vorsitzender. In den 14 Jahren bis zu seiner Verabschiedung am Freitag wird aber nicht alles eitel Sonnenschein gewesen sein. Allein die Charakterisierung "Kämpfernatur" lässt erahnen, dass in manchen Jahren Konflikte an die Substanz gegangen waren. Betriebsrat Axel Stolz erwähnt gravierende Änderungen in der Ära Drechsler, die Restrukturierung des Betriebs mit Arbeitsplatzabbau und Arbeitsverdichtung. "Das hat sich nicht positiv auf das Betriebsklima ausgewirkt", sagt er auf der "Molly", die zu einer Plattform für improvisierte Talkshows umfunktioniert wurde. Albert Schmitt, Geschäftsführer der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, hat sie einfühlsam moderiert. Doch die Interessenkonflikte mit der Geschäftsführung haben offenbar keine nachhaltigen Blessuren hinterlassen: "Wir waren mit Drechsler in guter Spur", sagt Stolz, "er hat viel für uns getan."

Und was sagt die Politik? "Es hat schon die eine oder andere Situation gegeben, als die Gemüter in Wallung geraten sind", etwa beim Streit um die Direktvergabe der Streckennetze, meint BSAG-Aufsichtsratsvorsitzender und Staatsrat Wolfgang Golasowski. "Doch die Restrukturierung der BSAG kann man nur im Konsens machen. Bei Abstimmungen gilt das Prinzip: einstimmig oder gar nicht." Und Landrat Mielke beteuert: "Die Erfahrungen mit Drechsler sind grundsätzlich gut."

So hat er sich denn wohl auch das Präsent der Mitarbeiter verdient, einen vergoldeten Straßenbahnschlüssel und eine Spiekeroog-Reise. Und die BSAG-Auszubildenden präsentieren eine fetzige Tanzperformance und schenken ihm ein Gemälde mit bunten Handabdrücken sowie sich kreuzenden Linien: Drechsler hat Spuren hinterlassen und vieles auf "die Spur" gebracht.

Dankesworte

Als endlich Georg Drechsler ans Mikrophon tritt, bleiben ihm vor allem nur noch Dankesworte, hier und da mit tränenerstickter Stimme. Wobei er auf ihn gemünzte lobende Worte an die Beschäftigten weitergibt: "Das ist unser gemeinsames Werk, das Lob gilt Ihnen allen." Und er begründet noch einmal seinen Ausstieg aus dem Job, erzählt von seiner Herztransplantation, ohne die "im September 2009 meine Beerdigung gewesen wäre". Auch deshalb plädiert er für den Organspendeausweis.

Seine junge Frau hält indes ihre gemeinsame Paula im Arm und freut sich auf den Ruhestand Drechlers - auch wenn er dann, wie sie sagt, nun nicht mehr über 2000 Mitarbeiter verfüge und den Müll selber heruntertragen müsse.

Doch wer folgt nach Georg Drechsler? Noch wird gesucht. Drechsler zitiert George Bernhard Shaw: "Der Vernünftige passt sich der Welt an; der Unvernünftige besteht auf dem Versuch, die Welt sich anzupassen. Deshalb hängt aller Fortschritt von unvernünftigen Menschen ab." Der BSAG wünscht Drechsler einen Unvernünftigen. Jetzt konnte die Abschieds-Party beginnen, mit dem Trio Swingrays.

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