Vakanz in Bremer Bereitschaft Gerichtsmediziner gesucht

Bremen. Bremen gilt als Stadt mit vorbildlicher Gerichtsmedizin. Doch nun blieb erstmals ein Bereitschaftsdienst unbesetzt. Nach dem Abbau von zwei Stellen will niemand ausschließen, dass sich solche Fälle wiederholen.
07.04.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Sander

Bremen gilt als Stadt mit vorbildlicher Gerichtsmedizin. Doch nun blieb erstmals ein Bereitschaftsdienst unbesetzt: In der Nacht vom 8. auf den 9. März hatte das Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin keinen Arzt, um gegebenenfalls etwa die Verletzungen eines Gewaltopfers gerichtsfest zu dokumentieren. Nach dem Abbau von zwei Stellen will niemand ausschließen, dass sich solche Fälle wiederholen.

Gerichtsmediziner kennt jeder aus dem "Tatort": Dort untersuchen sie, wie Mordopfer gestorben sind. Doch im Alltag haben Gerichtsmediziner viel mehr Aufgaben: Sie testen Blut von alkoholisierten Autofahrern und Straftätern. Sie begutachten Wunden und Würgemale von Gewaltopfern – und dokumentieren die Verletzungen "gerichtsfest", damit sie in einer Verhandlung als Beweise taugen.

Die Bremer Gerichtsmedizin sieht sich deutschlandweit als führend: Etwa 80 Prozent aller Verstorbenen würden von einem Gerichtsmediziner gesehen, rühmt sich das Institut für Rechts- und Verkehrsmedizin auf seiner Internetseite. Zudem würden jährlich mehr als 50 zunächst unerkannte unnatürliche Todesfälle bei Kontrollen aufgedeckt. "Damit dürfte Bremen die größte gerichtsmedizinische Kontroll- und Betreuungsdichte aller deutschen Großstädte haben", so die Eigendarstellung des Instituts.

Doch so gut scheint es um die Bremer Gerichtsmedizin nicht mehr zu stehen. Wie der WESER-KURIER erfuhr, konnte das Institut offenbar erstmals im vergangenen März eine Nachtschicht nicht mit einem Arzt besetzen. Weder mit einem der vier Gerichtsmediziner des Instituts, noch mit einem der zehn Honorarärzte, die regelmäßig im Institut aushelfen. Es fehlte schlicht das Personal in der Nacht vom 8. auf den 9. März.

Das brachte die Bremer Polizei in Not. Sie hat mit dem Institut einen Vertrag, wonach sie jederzeit die Rechtsmediziner anfordern kann, um etwa Verletzungen dokumentieren zu lassen. Doch nun brauchte die Polizei Ersatz-Ärzte. Sie habe deshalb "mehrere niedergelassene Ärzte, die auch für die Polizei Niedersachsen tätig sind, vorab um Unterstützung ersucht und bei Bedarf telefonisch angefordert", teilt der Sprecher der Bremer Innenbehörde, Rainer Gausepohl, auf Anfrage mit. Die Mediziner kamen laut der Innenbehörde, um in mehreren Fällen Blut zu entnehmen und festzustellen, ob eine Person "haftfähig" ist oder wegen ihres Zustandes in ein Krankenhaus eingeliefert werden muss. Wie viele derartige Einsätze es genau gab, sei nicht erfasst worden, so Gausepohl.

Fotos allein ersetzen kein Gutachten

Ein unbesetzter Nachtdienst in der Rechtsmedizin – das "sollte es in einem Rechtsstaat nicht geben", sagt Uwe Old, der stellvertretende Landesvorsitzende der Opferschutzorganisation "Weisser Ring". Allerdings gebe nun mal dort Fehler, wo Menschen arbeiteten, so Old weiter. Dem Opfer-Vertreter zufolge könnten Normalmediziner im Gegensatz zu Rechtsmedizinern Verletzungen nicht bewerten. "Die können nur ein Foto machen und sagen: ’Hier gab es eine Strangulierung, dort ist eine Wunde.’" Da fast jeder ein Fotohandy habe, sei immerhin eine solche Dokumentation gewährleistet, so Old.

Prinzipiell jedoch lobt der "Weisse Ring" die Bremer Opferbetreuung als "fast einzigartig". Als vorbildlich gilt die Möglichkeit der anonymen Spurensicherung nach Vergewaltigungen, der "Täter-Opfer-Ausgleich" und die im März eingeführte Trauma-Ambulanz für Gewaltopfer.

Problematischer scheint, dass im Institut für Rechtsmedizin seit 2012 nur noch vier statt sechs Ärzte fest angestellt sind. "Zwei Stellen wurden im Zuge der Sanierung der Gesundheit Nord abgebaut", bestätigt Geno-Sprecherin Karen Matiszick. Zu dem Verbund der vier kommunalen Krankenhäuser gehört die Rechtsmedizin, weil sie dem Klinikum Mitte angegliedert ist.

Dass das Institut womöglich unterbesetzt ist, bekräftigt ein Fall aus dem Januar: Zwei der drei Leichen in einer abgebrannten Gartenlaube in Grolland mussten in Hamburg seziert werden. "Wir hatten nicht genug Leute", räumt Matiszick ein. Die Sprecherin bezeichnet die Personallage im Institut als "tatsächlich schwierig und zu knapp". Es gebe Gespräche, wie damit künftig umgegangen werde.

Zum Glück sei eine unbesetzte Schicht bis dato jedoch die absolute Ausnahme, so Matiszick."Bisher wurde unseres Wissens auch jedes Gewaltopfer von einem Gerichtsmediziner gesehen." Niemand will indes ausschließen, dass erneut Schichten in der Rechtsmedizin vakant bleiben.

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