Verleihung des Bremer Stadtmusikantenpreises 2011 Gerold Wefer bereichert die Wissenschaftslandschaft

Bremen. Gerold Wefer lebte eine Woche in einem Unterwasserlabor auf dem Meeresgrund, er leitet internationale Expeditionen, forschte auf den Bermudas und in Neuseeland. Am 20. August erhält er nun den Bremer Stadtmusikantenpreis.
05.08.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Gerold Wefer bereichert die Wissenschaftslandschaft
Von Sara Sundermann

Bremen. Gerold Wefer lebte eine Woche in einem Unterwasserlabor auf dem Meeresgrund. Er leitet internationale Expeditionen, forschte auf den Bermudas und in Neuseeland. Und er kann nicht sicher sagen, wie oft er in diesem Jahr schon in Japan war. Dabei hat der Meeresforscher sein Abitur nur gemacht, weil er Bahnhofsvorsteher werden wollte. Am 20. August erhält Wefer als Botschafter der Bremer Wissenschaft den Stadtmusikantenpreis.

Wefer hat das Konzept des Mitmach-Museum Universum mitentwickelt. Die Idee für das Tauchboot, in das die Besucher einsteigen und mit dem sie - begleitet durch einen Film - abtauchen, stammt zum Beispiel von ihm. Er ist geistiger Gründer des "Hauses der Wissenschaft" hinter dem Dom und holte 2005 den Titel der "Stadt der Wissenschaft" nach Bremen. Er ist Direktor des Zentrums für Marine Umweltwissenschaften (MARUM), Präsident der Wittheit und an diversen anderen Initiativen beteiligt. Kurzum: Es ist nachvollziehbar, warum ein Mann wie Wefer den Preis bekommt.

Bei dieser Liste von Ämtern und Aktivitäten kann leicht in Vergessenheit geraten, was für ein Mensch dahinter steckt. Nämlich einer, der es schön und lustig findet, als Wissenschaftler gemeinsam mit den Blaumeiern und dem Komiker Hape Kerkeling als Preisträger auf die Bühne zu treten. Da wird er sichtbar, der normale Mensch, der in Wefers Leben eine wichtige Rolle spielt.

Herr über die Gleise

Eigentlich sah er sich nicht auf den Bermuda-Inseln, sondern in Oldenburg, Wilhelmshaven oder Varel. An einem dieser mittelgroßen Bahnhöfe im Norden, in der Schaltzentrale, als Herr über die Gleise. Der junge Mann, der in einem kleinen Dorf in der Wesermarsch aufgewachsen war, heuerte nach acht Jahren Volksschule als Kartenverkäufer bei der Bundesbahn an. "Bei uns in der Familie war es nicht üblich, Abitur zu machen", sagt Wefer. In seiner Freizeit konnte er damals umsonst bis nach Süddeutschland fahren - eine gute Möglichkeit, um ein bisschen herumzukommen. Doch um als Bahnbeamter aufzusteigen, brauchte Wefer das Abitur.

Als er sich entschloss, die Hochschulreife nachzuholen, kam doch alles anders: Irgendwo auf dem Weg zum Abitur ging Wefer auf, dass man mit so einem Abschluss vielleicht noch anderes werden könnte als Herr über einen norddeutschen Bahnhof.

Je mehr man über Wefer erfährt, desto sicherer wird man, dass er heute von seinem damaligen Berufswunsch gar nicht so weit entfernt ist. Denn jetzt, einige Jahre vor dem Ruhestand, den er just nochmals verschoben hat, sitzt er eben doch in einer Schaltzentrale. Für die Bremer Wissenschaft hat er manche Weiche gestellt, und immer noch ist er im Gespräch mit Menschen, denen er früher vielleicht Fahrkarten verkauft hätte.

"Die Leute sind schüchtern", sagt Wefer, ein freundlicher, ruhiger Mann mit kurzgehaltenem Vollbart und Brille. "Man kann nicht erwarten, dass die Leute in die Universität kommen, man muss dahin gehen, wo die Leute sind." Die Orte sind ihm wichtig. Deshalb hat er sich auch für das Haus der Wissenschaft eingesetzt: Ein Ort für Gespräche und Ausstellungen sollte es sein, ein Haus, in dem die Wissenschaft das Gespräch mit den Normalsterblichen sucht. Entstanden ist die Idee aus einem Schnack zwischen Wefer und Henning Scherf, der damals Bürgermeister war. "Eigentlich müssten wir hier ein Haus haben, direkt beim Rathaus - wie die Handelskammer den Schütting hat", sagte Wefer. "Schreiben Sie mal ein Konzept", gab Scherf zurück. So erzählt es Wefer.

Doch der Geologe hat - natürlich - auch geschickt verhandelt: "Wenn wir die Bewerbung als Stadt der Wissenschaft gewinnen, dann brauchen wir auch das Haus der Wissenschaft", sagte Wefer. Bremen holte den Titel nebst Fördergeldern - und die Wissenschaft bekam ihren Schütting, einen vergleichsweise kleinen freilich, aber eben in sehr zentraler Lage.

Nach dem Gespräch mit Scherf holte sich Wefer erst einmal den Schlüssel für das Gebäude hinter dem Dom, das er im Sinn hatte. Er sah sich um und machte freihändig seine Skizzen, wie man das Haus umbauen könnte. "Ich wollte keinen Club für Wissenschaftler, die Rotwein trinken", sagt Wefer. Ínzwischen gibt es so ein Haus der Wissenschaft nicht nur in Bremen, sondern auch in Oldenburg und Braunschweig - in Potsdam arbeitet man gerade daran. Die Idee hat offenbar auch andere überzeugt.

Projekte für die Schublade

Wefer ist jemand, der immer eine Idee auf Lager hat. Und der nicht gleich aufgibt, wenn sein Vorschlag als nicht finanzierbar scheint. "Ich bin nicht beleidigt, wenn es nicht klappt", sagt Wefer. "Ich lege das Projekt in die Schublade und hole es bei nächster Gelegenheit wieder raus." Der beharrliche Geologe scheut sich nicht, mit dem großen Einkaufszentren-Betreiber ECE zu kooperieren - wenn am Ende in 14 Shopping-Passagen eine Wissenschaftsausstellung zu sehen ist. Natürlich geschieht das nicht ohne Eigennutz: Durch solche Kooperationen gibt es auch in Zeiten knapper Mittel Geld für die Forschung oder zumindest für die Präsentation ihrer Ergebnisse.

Die Themen dieser Forschungsarbeit klingen, gerade im Fall von Wefer, sehr zugänglich: Vielleicht ist es Glück, weil in der Geologie das Wissen vieler Fachbereiche zusammenfließt; vielleicht interessiert die Arbeit eines Meeresforschers und Klimawandel-Experten mehr Menschen als die Arbeit eines Mathematikers. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass Wefer so verständlich davon erzählt.

"Gerade habe ich erfahren, dass ich ein Schiff in Japan bekomme", sagt Wefer. Er wird mit deutschen und japanischen Wissenschaftlern den Meeresboden vor Japan untersuchen, um herauszufinden, wie der Tsunami entstand. Künftige Katastrophen wird seine Expedition nicht verhindern können. "Aber womöglich Entscheidungshilfen liefern", sagt Wefer. "Vielleicht hätte man mit dem Wissen um das, was wir da erkunden, die Atomkraftwerke nicht so nahe am Wasser gebaut."Schon wieder so ein Projekt, das gewiss viele Menschen interessieren wird, andere Wissenschaftler, aber auch Normalsterbliche abseits der Labore.

Der Stadtmusikantenpreis wird am Sonnabend, 20. August, um 19 Uhr im Theater am Goetheplatz vergeben. Die Karten für die Gala kosten 99 Euro (mit Menü) und können beim Theater per Mail unter der Adresse iktb@theaterbremen.de reserviert werden.

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