Bei archäologischen Grabungen im Stephaniviertel gewinnen Wissenschaftler Einblicke ins frühere Leben

Geschichte aus Scherben und Knochen

Altstadt. Sie sind Detektive und Chirurgen gleichermaßen. Sie legen frei, entfernen behutsam, untersuchen alles, was sie finden.
05.01.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von LIANE JANZ
Geschichte aus Scherben und Knochen

Schaben am Hang der Düne: Das Grabungsteam von Archae Nord hat das Gelände in kleinere Flächen eingeteilt und kratzt die Fundstücke Zentimeter für Zentimeter aus dem gefrorenen Boden.

Roland Scheitz

Altstadt. Sie sind Detektive und Chirurgen gleichermaßen. Sie legen frei, entfernen behutsam, untersuchen alles, was sie finden. Wenn sie etwas finden. Derzeit ist das gar nicht so einfach. Im Stephaniviertel wurde das ehemalige Gemeindehaus abgerissen. Neue Wohnungen sollen gebaut werden. Doch bevor das passiert, sind die Archäologen vor Ort und legen Spuren der Stadtgeschichte frei. Damit fügen sie weitere Puzzleteile zur Biografie des Ortsteils hinzu, in dem schon öfter gegraben wurde.

„In der vorrömischen Eisenzeit muss hier ein kleines Dorf gewesen sein genau wie am Dom“, sagt Dieter Bischop von der Landesarchäologie. Der Dünenabschnitt, auf der die Kulturkirche steht, sei nach dem Domhügel die zweithöchste Erhebung der Altstadt. Solche Stellen waren prädestiniert dafür, dass sich Menschen ansiedelten. Eine Scherbe der Eisenzeit sei in den Fünfzigerjahren an der Stelle gefunden worden, an der heute das Pfarrhaus steht. Derzeit schaben die Wissenschaftlicher am rückwärtigen Rand der Düne, wo sie stark abfällt.

Möglicherweise war das Gefälle zu groß für den frühzeitlichen Siedlungsbau. Zwischen Sand und Erde sind deutlich schwarze Verfärbungen sichtbar. Die seien auf die Wurzeln von Bäumen zurückzuführen, die dort vor unzähligen Jahren standen. Sie haben sich zersetzt und diese Spuren hinterlassen. Zwischen den Bäumen haben Menschen vergangener Zeiten Gruben angelegt, in denen zunächst Lebensmittel auf Vorrat gelagert wurden. Als sie die Gruben nicht mehr brauchten, haben sie sie als Mülleimer benutzt und zugeschüttet. Auch ein bisschen was Handfesteres haben Grabungsleiter Ole Storm und sein Team von der beauftragten Firma Archae Nord aus dem gefrorenen Boden schaben können. Meist handelt es sich dabei um Scherben und Tierknochen. Eine Scherbe bemalten Fensterglases kam zum Vorschein. Sie bestätigt, was Dieter Bischop schon bei früheren Funden festgestellt hat: Die Bewohner des Stephaniviertels waren im Mittelalter recht wohlsituiert. „Wenn man sich Fenster aus Glas leisten konnte, war das schon gut“, sagt Dieter Bischop. Und das Stück ist zudem noch verziert gewesen. Bei Grabungen vor zwei Jahren im Doventor wurden Tierknochen gefunden, die die Theorie ebenfalls stützen. Offenbar haben die Menschen vor Jahrhunderten Pfaue verspeist – eine Nahrung eigentlich für adlige Menschen, die es im Stephaniviertel nicht gab. Bis alle aktuell gefundenen Knochen und Scherben identifiziert sind, wird es wohl noch ein bisschen dauern. Erst einmal müssen sie auftauen und anschließend eingehend untersucht werden.

Dass eine vor Kurzem gefundene Pfeife aus dem frühen 17. Jahrhundert stammt, kann Dieter Bischop aber schon mit Sicherheit sagen. In der Gegend sei viel geraucht worden, schätzt er. Das macht er nicht nur an der Pfeife fest, sondern auch an menschlichen Skeletten, die in der Baugruben gefunden wurden: Viele von ihnen hatten Löcher im Gebiss, wie eingefräst, weil ständig eine Pfeife zwischen den Zähnen klemmte.

Die menschlichen Überreste sind in der Nähe der Kulturkirche St. Stephani beigesetzt worden – unter Grabplatten aus Sandstein, die in einer anderen Baugrube ans Licht kamen. Auch die ehemalige Stephani-Schule am Weserufer ist abgerissen worden. Unter dem Gebäude kamen neben den Grabplatten auch die Fundamente ehemaliger Packhäuser zum Vorschein ebenso wie Sandstein-Quader aus dem 16. bis 17. Jahrhundert, die einmal als Kaimauern gedient haben. Und bevor Sandstein zum Einsatz kam, griffen die Menschen auf angespitzte Holzpfeiler als Schutz vor dem Wasser zurück. Auch solche Pfeiler aus dem 12. bis 13. Jahrhundert haben die Wissenschaftler gefunden.

Urkundlich erwähnt wurde der Bereich im Eck zwischen der Weser und der heutigen Bundesstraße erstmals 1524. Eine hölzerne Bastion sollte damals an der Stelle die Stadt vor Angriffen von der Weser aus schützen. Seit dem 17. Jahrhundert wurden dort Packhäuser gebaut. Dahinter standen Kaufmanns- und Schifferhäuser. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet völlig zerstört. Allein der Kirchturm ragte schwer angeschlagen in den Himmel. Alles andere war platt. In den Wirren und angesichts all der existenziellen Probleme nach dem Krieg scherten sich die Bremer beim Wiederaufbau der Stadt wenig um archäologische Belange. Bombenkrater wurden mit dem zugeschüttet, was da war. Häuser mussten schnell wieder aufgebaut werden. Auch auf den Teil der Geschichte ist das Team bei seiner Arbeit gestoßen.

Die kleineren Funde der Grabungen im Stephaniviertel werden eingetütet und untersucht. Für die größeren, wie die Sandstein-Quader und Fundamentplatten, ist noch kein Ort gefunden. Die Landesarchäologie habe auch keinen Platz, sie zu lagern, sagt Dieter Bischop. Er fände es gut, die Fundstücke, von denen einige mit Engelsgesichtern verziert sind, im Stephaniviertel sicht- und nutzbar zu lassen, beispielsweise als Sitzgelegenheiten. So wäre Geschichte im Alltag integriert, wie es zum Beispiel am Fangturm nahe Radio Bremen der Fall ist.

„Wenn man sich Fenster aus Glas leisten konnte, war das schon gut.“ Dieter Bischop
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