Schnürschuh-Theater hat am Sonntag mit dem Jugendstück „Ich wohne in einem Westpaket“ Premiere Geschichten aus einem geteilten Land

Das Leben in der DDR ist vor allem für jüngere Menschen kaum noch greifbar. Nicht viel erinnert mehr an die Zeit. Um einen Einblick in das damalige Leben zu geben, entwickelte Regisseur Mathias Hilbig gemeinsam mit drei Schauspielern das Stück "Ich wohne in einem Westpaket". Es feiert am Sonntag, 12. Mai, um 19 Uhr im Schnürschuh-Theater Premiere.
10.05.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ina Schulze

Das Leben in der DDR ist vor allem für jüngere Menschen kaum noch greifbar. Nicht viel erinnert mehr an die Zeit. Um einen Einblick in das damalige Leben zu geben, entwickelte Regisseur Mathias Hilbig gemeinsam mit drei Schauspielern das Stück "Ich wohne in einem Westpaket". Es feiert am Sonntag, 12. Mai, um 19 Uhr im Schnürschuh-Theater Premiere.

Neustadt. "Das Land, in dem ich aufgewachsen bin, gibt es nicht mehr", sagt Doreen, gespielt von Susanne Baum aus dem Peterswerder, "ich kann es Lea nicht mehr zeigen, es ist nichts mehr da." Von einen auf den anderen Moment wurde die DDR (Deutsche Demokratische Republik) abgeschafft, und nur wenig greifbare Dinge erinnern an die damalige Zeit, als eine Mauer das Land teilte. Während die Nazi-Zeit oft bis ins kleinste Detail im Geschichtsunterricht in der Schule untersucht wird, bleibe die jüngste Geschichte Deutschlands meist eher im Hintergrund, sagt Mathias Hilbig. Um das zu ändern und einen Einblick in das Leben des sozialistischen Staates zu geben, entwickelte der Regisseur gemeinsam mit den Schauspielern Lena Kluger, Susanne Baum und Pascal Makowka das Theaterstück "Ich wohne in einem Westpaket". Die Eigenproduktion hat Sonntag im Schnürschuh-Theater Premiere.

Anhand zweier Handlungsstränge beschreibt das Stück eine Geschichte zwischen Mutter und Tochter, die beide in jungen Jahren aus ihrer Heimat wegziehen müssen. Dabei werden viele Parallelen aufgezeigt sowie Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland sichtbar. Während Lea, die von Lena Kluger aus dem Viertel gespielt wird, von Bremen nach Frankfurt am Main ziehen soll, zog ihre Mutter Doreen als Kind aus der DDR nach Westdeutschland. Lea ist wütend auf ihre Mutter und begreift nicht, warum sie ihr gewohntes Leben aufgeben soll. Der Abschied von all ihren Freunden und besonders von Armir, der von Pascal Makowka aus dem Viertel gespielt wird, fällt schwer.

Das Glück, sich verabschieden zu können, hatte Doreen in der DDR damals nicht. Denn die Ausreise war verboten – Flucht sehr riskant. Selbst wenn Bürger einen offiziellen Ausreiseantrag stellten, mussten sie Vorsicht walten lassen. Den meisten sei nicht bewusst gewesen, in welcher Gefahr Systemgegner tatsächlich steckten, sagt Mathias Hilbig. Auch diesen Aspekt will er in seiner Inszenierung veranschaulichen. "Ich möchte das politische System greifbar machen", sagt Hilbig, der zur Zeit des Mauerfalls neun Jahre alt war. Es sei fatal zu glauben, dass den Bürgern der DDR nur Dinge wie Bananen gefehlt hätten und sonst alles gut gewesen sei, sagt Hilbig.

Als Doreen zum Geburtstag ein Westpaket von ihrer Tante bekommt, herrscht helle Aufregung. Gut riechende Bonbons und eine Popmusik-Kassette – versteckt in einem Kaffeebeutel – gibt es ja nicht alle Tage. Die Idee zu der Geschichte stammt von Regisseur Mathias Hilbig. Der Satz "Ich wohne in einem Westpaket" fiel Hilbigs Ehefrau ein, die nach der Wende mit ihrer Familie in den Westen zog und dort erst einmal geplättet war von der Vielfalt an Lebensmitteln und Angeboten.

Wechselnde Szenerie

Durch Improvisationen der drei Schauspieler zu vorgegebenen Charakteren und einer grundlegenden Situation entstand dann das Stück. Die Szenerie wechselt zwischen der Lage vor der Wende und der heutigen Zeit. Um das Theaterstück so glaubwürdig wie möglich zu inszenieren, recherchierten die Darsteller eine ganze Menge. Original-Tonbandaufnahmen aus der Tagesschau und der Aktuellen Kamera unterstreichen die Atmosphäre. Die Geschichte ist angelehnt an verschiedene Lebensgeschichten ehemaliger DDR-Bürger.

Nachdem es schließlich viele DDR-Bürger noch vor der Wende in den Westen geschafft hatten, waren sie mit Vorurteilen konfrontiert und von dem Überfluss erschlagen. Auch Susanne Baum reiste in den 80er-Jahren einmal nach Dresden. Dort sei sie als Westdeutsche teilweise "von oben bis unten beäugt worden", denn verschiedene Welten trafen aufeinander. Lena Kluger absolvierte eine Schauspielausbildung in Berlin, der Stadt, die so lange geteilt war. Für sie sei es spannend gewesen zu sehen, dass im Westen das Thema zwar nicht viel diskutiert werde, doch in der ehemaligen DDR noch recht aktuell sei. "Ich wohne in einem Westpaket" bietet daher mit Humor und Tragik einen ersten Kontakt mit der Auseinandersetzung zur deutschen Geschichte und der Frage: Was ist Heimat?

"Ich wohne in einem Westpaket" feiert am Sonntag, 12. Mai, ab 19 Uhr Premiere im Schnürschuh-Theater, Buntentorsteinweg 145. Weitere Aufführungen sind am 13., 14., 15. und 16. Mai sowie am 27., 28. und 29. Mai, jeweils ab 10 Uhr, außerdem am Montag, 17. Juni um 10 und um 18 Uhr, am 18., 19., 20., 24. und 25. Juni ebenfalls um 10 Uhr. Nähere Infos gibt es unter www.schnuerschuh-theater.de.

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