Kommentar zu Gleichberechtigung

Der gefährliche Rückschritt in veraltete Rollenbilder

In der Corona-Pandemie lastet die häusliche Arbeit wieder vermehrt auf Frauen. Die Gesellschaft droht in alte Rollenbilder zurückzufallen. Das muss verhindert werden, meint Lisa-Maria Röhling.
27.05.2020, 05:00
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Der gefährliche Rückschritt in veraltete Rollenbilder
Von Lisa-Maria Röhling
Der gefährliche Rückschritt in veraltete Rollenbilder

Durch Corona verfallen viele Familien in veraltete Rollenbilder, weshalb Frauen oft die häusliche Lasten tragen.

Andreas Arnold/dpa

Stillstand ist der Fluch der Stunde. Auch wenn das öffentliche Leben nach und nach in seinen Rhythmus zurückfindet, wird es noch Monate dauern, bis es wieder eine Art der Normalität gibt. Doch der Stillstand hat nicht nur Weiterentwicklung verhindert, er hat Rückschritte begünstigt: Die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen hat er meilenweit zurückgeworfen. Die Gesellschaft läuft Gefahr, dauerhaft in veraltete Rollenbilder zu verfallen. Das muss verhindert werden.

Kita- und Schulschließungen haben Eltern gezwungen, die Arbeit im Homeoffice mit der Kinderbetreuung und dem Haushalt zu verquicken. Geleistet wird dieser Balanceakt meist von Frauen: „Frauen tragen die Hauptlast der Krise“, sagt die Soziologin Jutta Almendinger und schätzt, dass die Gleichberechtigung in Deutschland in diesen Tagen um 30 Jahre zurückgeworfen wird.

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Mehrere Studien bestätigen das: So belegt das Institut der deutschen Wirtschaft, dass Mütter derzeit öfter ihre Arbeitszeit reduzieren und die Kinderbetreuung übernehmen. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat nachgewiesen, dass 60 Prozent der Paare, die vor der Krise Kindererziehung und häusliche Arbeit gleich verteilten, dies nun nicht mehr tun. Bezeichnende Fakten: Nicht mal wo ein Wille ist, ist ein Weg.

Damit reißt die Krise eine Wunde weit auf, die auch schon vor der Corona-Pandemie schmerzte: Sogenannte Care-Arbeit wird meist ohne Entlohnung von Frauen übernommen, die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen lag zuletzt bundesweit bei 22 Prozent. Väter dagegen haben es immer noch schwer, zugunsten von Sorgeaufgaben beruflich kürzer zu treten, ohne dass Karriererückschläge drohen. Die Autorin Teresa Bücker betonte in einem Interview, vollkommene Gleichberechtigung habe es in Deutschland nie gegeben und die Krise zeige, dass sie „sich vielleicht schneller zurück als nach vorne entwickeln kann.“

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Die Sachlage ist so einfach wie kläglich: Die fragile Geschlechtergerechtigkeit macht Deutschland extrem rückständig. Nein, es kann nicht das Gebot der Stunde sein, nun einen aggressiven Geschlechterkampf zu führen. Doch die mangelnde Geschlechtergerechtigkeit nährt ein System, das jetzt junge Familien alleine zurück lässt.

Denn es geht auch darum, eine Arbeits- und Lebenswelt zu überdenken, in der Männer als Alleinversorger das Geld ranschaffen müssen und damit einem enormen gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Druck unterliegen. Frauen wiederum müssen die häuslichen und mentalen Lasten unbezahlt ertragen, die eine Familie mit sich bringt. Geschlechtergerechtigkeit ist also kein Nischenthema, sie geht jeden etwas an. Gerade deshalb darf sie in dieser Krise nicht nachrangig behandelt werden.

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Langfristig wird die Geschlechtergerechtigkeit allen zugute kommen, doch akut belastet sind nun mal die Frauen. Dies ist ihre Krise. In der Pflege und im Einzelhandel, wo Menschen unter widrigen Arbeitsbedingungen und mit schlechter Bezahlung an ihre Grenzen gehen, sind hauptsächlich Frauen tätig. Alleinerziehende, die besonders unter den Kita- und Schulschließungen leiden und ohnehin Familie und Beruf miteinander vereinbaren müssen, sind meist weiblich. Und klassische Familienmodelle, in denen ein Partner beruflich reduziert und Haushalt und Kindererziehung übernimmt, lasten meist auf den Schultern von Frauen.

Und nun? Es gibt drängendere Probleme, sagen manche. Aber genauso wie sich die Politik den Vorwurf gefallen lassen muss, in den vergangenen Wochen Kinder und Familien im Stich gelassen zu haben, hat sie auch die Not der Frauen ignoriert. Das Fahren auf Sicht, das sich zu Beginn dieser unberechenbaren Pandemie bewährt hat, ist inzwischen leichtsinnig. Politik und Wirtschaft haben längst viel in Fragen der Gleichberechtigung nachzuholen. Die Krise ist ein Weckruf: Work-Life-Balance, Lohngerechtigkeit, all das muss nach ganz oben auf die politische Agenda rücken. Wer jetzt nicht agiert sondern nur reagiert, investiert in den Stillstand, nicht in die Zukunft.

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