Ausstellung im Dom-Museum widmet sich katholischem Neuanfang vor 200 Jahren Geschwister im Glauben

Bremen. Fast wie neu wirkt der über 100 Jahre alte Pfeifenkopf aus Porzellan. Strahlend sind die Farben, so gut wie keine Gebrauchsspuren sind an dem filigran bemalte Stück auszumachen.
14.09.2016, 00:00
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Von Frank Hethey

Bremen. Fast wie neu wirkt der über 100 Jahre alte Pfeifenkopf aus Porzellan. Strahlend sind die Farben, so gut wie keine Gebrauchsspuren sind an dem filigran bemalte Stück auszumachen. Den Pfeifenkopf kann man sogar zweimal sehen: einmal als Original und einmal auf einem alten Gruppenfoto in der Hand eines jungen Mannes, der dem Rauchclub Knaster im katholischen Gesellenverein angehörte. Eine ganz eigene Geschichte hat auch ein halb geschmolzenes Weihwassergefäss, das kurz nach Kriegsende aus dem Trümmerschutt geborgen wurde. Als Souvenir nahm es ein amerikanischer Soldat mit nach Hause, erst vor einigen Jahren kehrte das kleine Kesselchen mit der eingravierten Jahreszahl 1627 wieder zurück nach Bremen.

Nun sind die beiden Preziosen als Exponate in der neuen Ausstellung des Dom-Museums zu bewundern. Unter dem Titel „Glaubensgeschwister“ nimmt die Schau den Neubeginn der katholischen Gemeinde in Bremen vor fast genau 200 Jahren zum Anlass für einen Parforceritt durch die Geschichte katholischen Lebens an der Weser. Um das möglichst plastisch zu vermitteln, hat die Historikerin Sonja Kinzler als Kuratorin der Ausstellung rund 50 Bilder und Exponate zusammengetragen.

Mit dem etwas sonderbar anmutenden Titel nehmen die Ausstellungsmacher eine zeitgenössische Wendung auf. Bezeichnete der protestantische Senat die Katholiken doch ausdrücklich als „Glaubensgeschwister“, als er ihnen im September 1816 die frühere Johannis-Klosterkirche im Schnoor als Gotteshaus zusprach. Ein versöhnlicher Ton zum Wiederbeginn des katholischen Gemeindelebens nach knapp 300 Jahren. Denn schon wenige Jahre nach der Reformation war 1528 mit dem Verbot katholischer Gottesdienste das katholische Leben in Bremen erloschen.

Als „ökumenisches Zeichen“ wertet denn auch Propst Martin Schomaker die Ausstellung im Dom-Museum, es gehe um einen gemeinsamen, überkonfessionellen Blick in die Geschichte. Das findet auch Museumsleiterin Henrike Weyh. „Das Dom-Museum ist kein evangelisches Museum, sondern ein ökumenisches Museum.“

Bei ihrer Spurensuche spannt Kuratorin Kinzler den Bogen von den mittelalterlichen Anfängen bis heute. Nur am Rande geht sie auf die innerchristliche Konfliktgeschichte ein. Ganz bewusst verzichtet sie mit Blick auf den 500. Jahrestag im kommenden Jahr auf eine längere Darstellung der Reformation. Stattdessen legt Kinzler einen der fünf Schwerpunkte auf die gemeinsame Vorgeschichte, als Bremen als „Rom des Nordens“ Ausgangspunkt der Skandinavienmission war. Wobei es nicht einer gewissen Ironie entbehrt, dass das „ketzerische“ Bremen später selbst zum Ziel einer erneuten, diesmal katholischen Missionierung wurde.

Dass katholisches Leben in Bremen zumindest geduldet wurde, hatte nicht zuletzt mit der besonderen, staatsrechtlichen Stellung Bremens zu tun. Als Freie Reichsstadt war Bremen direkt dem Kaiser untergeordnet. „Einem Katholiken wohlgemerkt“, sagt Kinzler, „dem man schlecht vor den Kopf stoßen konnte.“ Das galt natürlich auch für seinen Gesandten. Dem gestattete der Senat die Einrichtung einer kleinen Kapelle in seiner Residenz, dem Eschenhof, heute Standort der Hauptpost an der Domsheide.

Als den Katholiken 1807 der Erwerb der Bürgerrechte erlaubt wurde, war das eine wichtige Etappe der Emanzipation. Neun Jahre später dann die Gründung der Gemeinde und 1823 der Einzug in die frisch renovierte Johanniskirche. Die Predigt zur Einweihung hat sich bis heute erhalten, ein gedrucktes Exemplar wird in der Ausstellung gezeigt. „Da fiel kein provokantes Wort“, sagt Kinzler, der aus Paderborn angereiste Geistliche habe ganz unverfänglich zum Thema „Gotteshaus“ gesprochen.

Beim Neuanfang von 1816 lebten nur 1000 Katholiken in Bremen. Doch das sollte sich ändern, vor allem im Zuge der Industrialisierung mit der massiven Zuwanderung aus Westfalen, Schlesien und Polen. Um 1900 zählte man bereits 20 000 Katholiken, darunter viele junge Männer. „Sie sollten nicht nur eine neue Heimat finden, sondern auch ein katholisches Umfeld“, erklärt Kinzler. In diesem Kontext seien die katholischen Vereinsgründungen entstanden, darunter der Gesellenverein von 1860, in dessen Reihen sich der Rauchclub Knaster formierte.

Zu sehen ist die Ausstellung „Glaubensgeschwister“ bis zum 24. November 2016 im Erdgeschoss des Dom-Museums, der Eintritt ist frei. In vier Begleitvorträgen äußern sich renommierte Historiker zu speziellen Aspekten katholischen Lebens in Bremen.

„Die jungen Katholiken sollten ein katholisches Umfeld finden.“ Kuratorin Sonja Kinzler
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