Fotoreportage

Gesetzeshüter auf Rädern

Sie nennen sich die blauen Ritter und sind ein Motorradclub der eher ungewöhnlicheren Art. Die Blue Knights bestehen nur aus Personen, die ein Festnahmerecht haben - sprich Polizisten, Zoll- und Justizbeamte.
18.08.2019, 07:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Bernd Kramer (Fotos) und Helge Hommers (Text)

Autofahrer, die vom Parkplatz vor der Real-Filiale in Ihlpohl herunterrollen, blicken misstrauisch auf die etwa 25 Männer und Frauen, die unter der Autobahnbrücke warten. Sie tragen blaue Jeanskutten über ihren schwarzen Bikerjacken, begrüßen sich mit Sportlerhandschlag und anschließender Umarmung. Irgendwann klatscht einer von ihnen in die Hände. „Es geht los“, ruft Dirk „Arnold“ Wegner, setzt seinen Helm auf und fährt mit seinem Motorrad zur Ausfahrt. Die anderen Biker klopfen sich auf die Schultern, einige drücken ihre Zigaretten aus, manche setzen Ohrenstöpsel ein und rollen zu Wegner hinüber. Der 56-Jährige führt in gelber Warnweste die Kolonne an, die Teil eines eher ungewöhnlichen Motorradclubs ist. Denn wer Mitglied der Blue Knights werden will, muss ein Festnahmerecht haben – sprich: aktiver oder ehemaliger Polizist, Zoll- oder Justizbeamter sein.

Die Wurzeln der Blue Knights (auf Deutsch: Blaue Ritter) finden sich im US-Bundesstaat Maine. Dort haben Mitte der 1970er-Jahre motorradbegeisterte Cops einen Motorradclub gegründet, der sich als Gegengewicht zu damaligen Rockergangs verstand. Ihr Ziel war es, das negative Image aufzupolieren, das Motorradclubs wegen krimineller Aktivitäten von Gangs wie den „Hells Angels“ verfolgte. Weil sie blaue Dienstuniformen trugen, nahmen sie die Farbe in ihr Logo auf, das ein Ritter ziert, der ein sich aufbäumendes Pferd reitet. Inzwischen sind die Blue Knights weltweit mit etwa 24 000 Mitgliedern im Einsatz. In Deutschland gibt es 41 Unterabteilungen, sogenannte Chapter. Die Bremer Blue Knights sind das achte Chapter, das sich hierzulande im Jahr 1995 gründete. Einmal im Monat treffen sie sich in Bremen-Strom zum Stammtisch. Nun aber geht es – wie jedes Jahr im August – vom Treffpunkt in Ihlpol aus gen Bremerhaven, vor dessen Toren sie sich mit anderen Mitgliedern treffen.

Die Fahrt führt über Landstraßen und am Deich, an Maisfeldern und Wiesen, an Sportplätzen und verlassenen Bauernhöfen entlang. Kühe, Schafe und Pferde schauen den Motorrädern nach, die laut ihrer Nummernschilder überwiegend aus Bremen, aber etwa auch aus Syke oder Diepholz kommen. Entgegenkommende Biker heben den Zeigefinger, wenn die Blue Knights mit ihren 19 „Mofas“ und „Mopeds“, wie sie ihre Maschinen nennen, an ihnen vorbeifahren. Wie an der Schnur gezogen brausen sie in zwei Reihen mit einer Rettungsgasse in der Mitte und mit Tempo 50, 70 oder 100 über Schwanewede, Aschwarden und Sandstedt zum Speckenbütteler Park, wo sie an einem Restaurant am See halten.

Bis sich ein jeder von ihnen aus seiner mehrlagigen Schutzkleidung, die an eine Ritterrüstung erinnert, geschält hat, dauert es. Derweil kassieren sie kritische Blicke der anderen Gäste. „Eine gewisse Scheu ist bei den meisten Leuten schon vorhanden“, sagt Uwe „Uvo“ Vogelsang, der als Ermittler arbeitet und Gründungsmitglied des Bremer Chapters ist. Die Kuttenfarbe aber mache den Unterschied, sagt der 61-Jährige: „Wir distanzieren uns von Rockern und tragen dieses Image auch nach außen, denn alle außer uns tragen schwarz.“ Der Geschäftsführer des Bremer Chapters fährt Motorrad, seit er 22 Jahre alt ist – dennoch sei er „Späteinsteiger“. Bei den Blue Knights stehe über allem die Vorbildfunktion, ganz nach dem Motto: „Reisen statt rasen.“ Hin und wieder käme es vor, dass andere Motorradfahrer vor ihnen ihre Motoren aufheulen ließen. Doch die Blue Knights ließen sich davon nicht provozieren, sagt Vogelsang: „Den Dienst und unsere Touren trennen wir klar.“

22 Mitglieder hat das Chapter. Die meisten von ihnen sind Männer mit „hohem Durchschnittsalter“, sagt Vogelsang. Die Gruppe ist stets auf Suche nach Mitfahrern. Denn: Auf den Touren sind nicht nur Polizisten und Familienmitglieder dabei, sondern auch Gäste. Marita hingegen ist „Sozialpartnerin“, wie es in den Statuen heißt, und fährt seit acht Jahren mit. Sie genießt zum einen die Gemeinschaft, zum anderen, dass sie während der Touren alles um sich herum intensiv wahrnehme: „Man riecht den Raps, das Heu, die Erdbeeren“, erzählt die 63-Jährige. Der Spruch „nur Fliegen ist schöner“ sei nicht nur so dahergesagt. Anfangs saß sie noch oft auf dem Rücksitz, das wurde ihr aber zu langweilig: „Vorne macht es mehr Spaß.“ Inzwischen fährt sie oft am Ende der Kolonne, ebenfalls in neongelber Weste, und hält über ihr „Sprechgeschirr“ Kontakt mit Vordermann Wegner.

Die Blue Knights sind weltweit auch karitativ unterwegs. Das Bremer Chapter etwa sammelt bei seinen Stammtischen Geld in einem Helm, das am Jahresende gespendet wird, bisher unter anderem an den Elternverein Leukämie- und Tumorkranker Kinder und an das Hospiz Lilge-Simon-Stift. Für dieses Jahr sei man noch auf der Suche, sagt Präsident und Verkehrspolizist Wegner: „Wir würden gerne einen festen Partner finden, aber das ist nicht einfach.“

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