Bremer Psychologin über Krippenbetreuung „Das Kind hat mehr davon, bei den Eltern zu sein“

Die Krippenbetreuung wird in Deutschland seit Jahren ausgebaut und gilt als fortschrittlich. Die Bremer Entwicklungspsychologin Anne Levin sieht das sehr kritisch.
07.03.2021, 13:02
Lesedauer: 6 Min
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„Das Kind hat mehr davon, bei den Eltern zu sein“
Von Ben Zimmermann

Frau Levin, die Krippenbetreuung wird seit Jahren massiv ausgebaut und gilt als modern und fortschrittlich. Wie sehen Sie das als Entwicklungspsychologin?

Anne Levin: Je früher ein Kind in die Krippe geht, desto problematischer wird es. Mit zwei bis drei Jahren ist das noch etwas anderes als etwa mit einem Jahr. Grundsätzlich sehe ich die Krippenbetreuung aus vielen Gründen kritisch: Zum einen sind Kinder unter drei Jahren massiv auf einen Input von Erwachsenen angewiesen. Sie brauchen den Austausch mit erwachsenen Bezugspersonen, am besten in einer Eins-zu-eins-Kon­stellation. Genau das finden wir vor, wenn jemand ein Kind bekommt und bei sich hat.

Und diese enge Beziehung ist in einer Krippe nicht möglich?

Die kann es aus mehreren Gründen nicht auf diese Art geben. Die Bindung wird dadurch besonders gefestigt, dass ich als Bezugsperson schnell auf die Impulse des Kindes reagiere. Wenn das Kind zeigt, dass es sich unwohl fühlt, sich langweilt, Schmerzen hat, dann braucht es eine prompte Reaktion. Das kann ich als Erzieherin, wenn ich viele Kinder im gleichen Alter betreue, nicht leisten. Die Kinder müssen für ihr Alter unangemessen lange warten, obwohl sie ein schnelles Feedback brauchen. Das andere Problem: Die Beziehung der Betreuerin zu den Kindern ist auch abhängig davon, wie die Beziehung zu den Eltern des Kindes ist. Ist diese Beziehung schlecht, überträgt sich das auch auf das Kind.

Sie sprechen die große Zahl der Kinder an. Welcher Betreuungsschlüssel wäre denn in Ihren Augen annehmbar?

Wenn es einigermaßen funktionieren soll, wäre es ein tatsächliches Verhältnis von einer Betreuerin zu maximal drei Kindern. In der Praxis ist es eher häufig eins zu fünf, wenn man Krankheitsfälle, Fortbildungen, Urlaube einbezieht. Die Einrichtungen beklagen ja auch häufig diese Überforderung.

Ist diese doch recht kritische Bewertung der Krippenbetreuung allgemeiner Stand der Wissenschaft, oder gibt es da einen Dissens?

Der eine grundlegende Ansatz beim Krippenausbau war die Hoffnung, Kinder insbesondere auch aus problematischen Verhältnissen zu unterstützen und ihnen Bildungschancen zu sichern. Doch es fällt auf, dass der Betreuungsschlüssel gerade in jenen Stadtteilen schlechter ist, wo es viele soziale Probleme gibt – und umgekehrt. Umfangreiche Studien haben ergeben, dass sich die genannten Hoffnungen nicht bestätigen: Es gibt keinen bedeutsamen Einfluss auf die kognitive Entwicklung, und auf das Sozialverhalten wirkt sich die Krippenbetreuung langfristig eher negativ aus. Es gibt keinen wirklichen Gewinn. Den größten Einfluss auf die kognitive Entwicklung hat sowieso die Familie.

Wenn aber die Nachteile so überwiegen, wie Sie es beschreiben: Warum wird dann der Krippenausbau so vorangetrieben?

Das wird meiner Meinung nach nur deshalb forciert, weil man die Menschen für den Arbeitsmarkt zur Verfügung haben will.

Aber das Interesse der Eltern ist ja nun mal da. In vielen Familien wollen beide Partner arbeiten gehen oder müssen es aus finanziellen Gründen. Wie lässt sich dieser Interessenkonflikt lösen?

Die Gesellschaft muss wissen, was sie langfristig will. Und die Eltern müssen das natürlich auch. Wenn ich ein Kind haben möchte, muss ich mir auch überlegen, wie ich für mein Kind da sein kann. Der Staat suggeriert natürlich immer das Rundum-sorglos-Paket inklusive Krippenbetreuung. Doch wer ein Kind haben will, muss wissen, dass das Kind auch ein Anrecht darauf hat, dass die Eltern da sind. Natürlich bedeutet das auch Einschränkungen, doch die müssen Eltern auf sich nehmen. Ich sehe natürlich auch die Probleme für viele. Aber es ist ja nicht so, dass nur die Leute, die finanziell davon abhängig sind, in Vollzeit arbeiten gehen. Der Staat könnte Eltern auch auf andere Art unterstützen, und vielleicht müsste die Gesellschaft auch von den Arbeitgebern mehr einfordern. Jedenfalls müssen wir es würdigen, wenn jemand viel Zeit mit seinem Kind verbringt. Die ersten zwei Jahre sind nun mal die Schlüsseljahre.

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Sie meinen also, der Fokus sollte nicht so sehr auf die Fremdbetreuung gelegt werden, sondern auf die Unterstützung der Eltern in ihrer Elternrolle?

Ja, das fände ich besser.

Ist es eigentlich egal, ob der Vater oder die Mutter mit dem Kind zu Hause bleibt?

Das ist völlig egal. Ein Vater kann die gleiche Bindung zu seinem Kind aufbauen wie eine Mutter. Übrigens: Eine amerikanische Studie hat ergeben, dass die zweitbeste Lösung für das Kind ein anderes Familienmitglied als Bezugsperson ist, beispielsweise die Oma.

Was ist mit Tagesmüttern: Würden Sie sie diese der Krippe vorziehen?

Das kommt darauf an, wie viele kleine Kinder eine Tagesmutter betreut. Wenn der Betreuungsschlüssel sehr viel besser ist als in der Krippe, ist das natürlich ein Vorteil. Es hängt darüber hinaus aber auch von der Qualifikation der Tagesmutter ab.

Die Entwicklung hin zu mehr Krippenbetreuung wird sich kaum umkehren. Angesichts dieser Realität: Wie sähe eine akzeptable Krippe Ihrer Meinung nach aus?

Die Betreuungszeit spielt zum einen eine große Rolle. Studien zeigen, dass der Cortisolspiegel bei sehr langer Betreuung über den Tag hinweg ansteigt und nicht wie eigentlich normal wieder sinkt.

Der Cortisolspiegel?

Ein hoher Cortisolspiegel ist ein Anzeichen für Stress. Dieser nimmt zunächst einmal zu und sinkt normalerweise im Laufe des Tages wieder. Wenn kleine Kinder längere Zeit in der Krippe betreut werden, sinkt er jedoch nicht mehr – je länger die Zeit, desto mehr Stress für die Kinder. Ich denke, mehr als vier Stunden sollte ein Krippenkind nicht in der Betreuung verbringen. Der andere Punkt ist, dass einige Kinder infektanfälliger sind und Krankheiten chronifizieren, weil sie in der Krippe ständig den Krankheitserregern ausgesetzt sind. Das kann schlimmstenfalls zu späteren Behinderungen führen.

Gibt es neben einer kürzeren Betreuungszeit weitere Dinge, die die Krippenbetreuung besser machen würden?

Vielleicht sollten wir wegkommen von der flächendeckenden Vollversorgung und uns fragen: Wer braucht es wirklich? Das wären natürlich viel weniger Familien als jetzt, und für die gäbe es dann kleinere Einrichtungen mit einem richtig guten Betreuungsschlüssel. Das würde weniger Stress und konstantere Bezugspersonen für die Kinder bedeuten.

Ab welchem Alter hat eine Fremdbetreuung Vorteile für die Kinder?

Mit drei Jahren fangen Kinder an, Kontakte zu anderen Kindern aufzubauen. Vorher spielen sie nur nebeneinander her, ihre Bezugspersonen sind Erwachsene. Für Einzelkinder kann es dann natürlich von Vorteil sein, wenn sie in der Kita Kontakt zu anderen Kindern haben. Doch auch hier gilt: Es sollten möglichst nicht mehr als vier Stunden am Tag sein. Sieben, acht, neun Stunden sind zu viel. Es gibt aber auch Kinder, die nicht in den Kindergarten gehen wollen. Wenn man das ermöglichen kann und das Kind zum Beispiel in der Nachbarschaft Freunde hat, muss man es auch nicht in die Kita schicken.

In der Debatte über die Krippenbetreuung geht es in erster Linie um die Bedürfnisse der Eltern und der Gesellschaft beziehungsweise der Wirtschaft. Täuscht der Eindruck, dass die Interessen der Kinder dabei kaum thematisiert werden?

Nein, die Bedürfnisse der Kinder kommen da nicht vor. Und wenn, dann wird suggeriert, dass da Bildungsprozesse wahnsinnig früh angestoßen würden. Das halte ich bei Kindern in diesem Alter für Quatsch, wenn wir von einem normalen Umfeld und nicht von Verwahrlosung ausgehen. Das Kind hat mehr davon, bei seinen Eltern zu sein.

Wenn Sie das so sehen: Wird die Diskussion denn überhaupt ergebnisoffen geführt?

Ich habe den Eindruck, dass es darum geht, die Geburtenrate zu erhöhen, indem man gerade Akademikern suggeriert: Macht euch keine Sorgen, wir kümmern uns um eure Kinder, ihr könnt Karriere machen. Und von den Eltern finde ich das egoistisch, ganz ehrlich. Die Kinder müssten an erster Stelle stehen und kommen erst ganz zuletzt. Wenn ich ein Kind habe, muss ich auch Verantwortung tragen und vielleicht auch mal auf etwas verzichten. Bei gut ausgebildeten und wohlhabenden Eltern erschließt sich mir nicht, warum man nicht auch weniger arbeiten kann.

In diesen Fällen geht es sicherlich weniger ums Geld als um berufliche Selbstverwirklichung.

Das kann man aber auch zwei Jahre später machen. Und wenn es denn so wichtig ist, dann sollte man vielleicht zu diesem Zeitpunkt kein Kind bekommen.

Bringt Ihnen Ihre krippenkritische Sichtweise als Entwicklungspsychologin eigentlich auch mal den Vorwurf ein, rückwärtsgewandt zu sein?

Ja, einige halten das für rückwärtsgewandt. Aber ich behaupte ja gar nicht, dass die Frauen zu Hause bleiben müssen. Das können auch die Männer tun. Und wir sollten nicht vergessen: Man entwickelt sich auch weiter, wenn man eine längere Zeit mit dem Kind zu Hause bleibt. Und das könnte doch gut für die Karriere sein. Das müssten aber auch die Arbeitgeber würdigen. Letztlich ist es doch so: Es gibt mehr als nur ein Modell für alle, das Krippe heißt.

Das Gespräch führte Ben Zimmermann.

Info

Zur Person

Anne Levin (55)

ist Professorin für Allgemeine Didaktik und Empirische Unterrichtsforschung an der Uni Bremen. Sie lehrt im Bereich der Entwicklungspsychologie der frühen und mittleren Kindheit, insbesondere für den frühkindlichen und Primarbereich.

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