Nach dem Keimskandal am Klinikum Bremen-Mitte Gesundheitsamt sieht kein Versäumnis

Bremen. Im Untersuchungsausschuss "Klinikkeime" hat der kommissarische Leiter des Gesundheitsamtes Eberhard Zimmermann Versäumnisse eingeräumt. Die zuständigen Abteilungs- und Referatsleiter haben die personelle Unterbesetzung kritisiert.
16.03.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Rainer Kabbert

Bremen. Die Frage, welche Rolle das Gesundheitsamt beim Ausbruch eines multiresistenten Darmkeims im Klinikum Bremen Mitte gespielt hat, beschäftigte am Donnerstag den parlamentarischen Untersuchungsausschuss "Krankenhauskeime". Der kommissarische Leiter Eberhard Zimmermann räumte Versäumnisse des Gesundheitsamts ein. Die zuständigen Abteilungs- und Referatsleiter erklärten die gesetzlichen Meldewege - und kritisierten die personelle Unterbesetzung.

Vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss "Krankenhauskeime" mussten gestern der kommissarische Leiter sowie Abteilungs- und Referatsleiter aussagen. Amtsleiter Eberhard Zimmermann sagte, nach dem Gesetz hätte die Behörde von Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) zwei bis drei Tage eher über den Ausbruch multiresistenter Keime informiert werden müssen. "Informell" und orientiert an einer Kultur der Zusammenarbeit hätte dies viel früher passieren sollen. "Möglicherweise waren wir im Irrtum, was rechtlich notwendig gewesen wäre", sagte Zimmermann

Am 18.Oktober ist das Gesundheitsamt im Rahmen einer Begehung vom Klinikum informiert worden, dass es im Zusammenhang mit dem Keimausbruch zu Todesfällen gekommen ist. Am 1.November wurde die senatorische Behörde vom Gesundheitsamt informiert. Wilhelm Hinners (CDU) wies darauf hin, dass schon Mitte September das Gesundheitsamt über das Auftreten bestimmter Keime im Klinikum informiert worden sei. Die Linken-Abgeordnete Claudia Bernhard erwähnte dazu den Untersuchungsbericht von Justiz-Staatsrat Matthias Stauch, nach dem eine Meldung über das Auftreten des multiresistenten Keims am Klinikum Bremen-Mitte vom Gesundheitsamt an Gesundheitssenatorin Renate Jürgen-Pieper denn auch im September notwendig gewesen wäre - und fragte ob bei früherer Meldung der Tod von Frühchen hätte verhindert werden können.

Zimmermann bewertete es dagegen als "sehr gewagt", hier einen Zusammenhang mit dem Tod der Frühchen herzustellen und stellte die Folgerungen im Stauch-Bericht infrage. Er lobte die Mitarbeiter des Amts - "es ist eine Truppe, auf die ich mich verlassen kann" - und sprach von einer "gewissen Unsicherheit und Unschärfe" über die gesetzlich vorgeschriebenen Meldewege. Inzwischen gebe es eine Klärung.

Die Frage, wann das Gesundheitsressort hätte informiert werden müssen, beschäftigte den Ausschuss dann auch bei den Befragungen der weiteren Zeugen - dem Leiter der Abteilung Gesundheit und Umwelt, Joachim Dullin, und den Referatsleiter Infektionepidemiologie, Werner Wunderle. Und diese Frage schien so eindeutig nicht beantwortet werden zu können.

Im Infektionsschutzgesetz des Bundes, das im vergangenen Sommer novelliert wurde sind diese Zuständigkeiten geregelt. Ein Krankenhaus müsse seitdem schon den Verdacht auf einen Ausbruch beim Gesundheitsamt melden, erklärte Wunderle. Bestätigt sich dieser Verdacht dann, übermittle das Amt den Befund an die zuständige Landesbehörde und das Robert-Koch-Institut (RKI).

Ungeklärte Kompetenzen

"Nach unserer Einschätzung sind wir diese zuständige Landesbehörde", sagte Dullin und erläuterte, dass das Landeskompetenzzentrum, das in seiner Abteilung angesiedelt sei, seit 2001 diese Aufgaben wahrnehme. Sie sei also die Stelle gewesen, an die der Befund habe übermittelt werden müssen - und dies sei innerhalb der gesetzlichen Vorgaben auch rechtzeitig geschehen.

Wunderle schilderte dann noch einmal diesen zeitlichen Ablauf. Demzufolge sei er am 8. September von der Klinik über den Ausbruchsverdacht informiert worden. Er habe vor der Übermittlung an die weiteren Stellen jedoch erst ermitteln wollen, ob es sich tatsächlich um den Ausbruch eines identischen Keimes handelt. Das sei damals die gängige Praxis des Amtes gewesen. Das dafür nötige Ergebnis der DNA-Typisierung durch ein Speziallabor in Bochum habe dem Klinikum Mitte am 17. Oktober vorgelegen. Tags darauf wurde er darüber informiert. "Vom 18. Oktober an sind wir dann davon ausgegangen, dass es sich um einen Ausbruch handelt, der übermittelt werden muss", sagte Wunderle.

Wunderle räumte ein, dass diese Übermittlung erst mit einer Verzögerung erfolgt sei - auch weil er in dieser Zeit die Aufgaben von gleich zwei Kollegen mitübernehmen musste. Er stellte jedoch auch klar, dass die Übermittlung an das RKI keine konkreten Konsequenzen gehabt hätte. Dort würden diese Übermittlungen zunächst nur erfasst. Inzwischen sei das Verfahren nach den Vorfällen im Herbst auch verändert worden. Seitdem werde jeder Ausbruch direkt sowohl an das RKI als auch an die senatorische Behörde gemeldet - ohne vorherige Prüfung.

Deutliche, kritische Worte fanden Dullin und Wunderle für die personelle Besetzung ihrer Abteilung. Darauf angesprochen dass es im Jahr 2009 nur drei und im Jahr 2010 nur zwei routinemäßige Begehungen von Krankenhäusern gegeben habe, verwies Dullin auf die zu dieser Zeit grassierenden aktuellen Ausbrüche der Schweinegrippe und von EHEC - und auf eine zu knappe Personaldecke. "Wir können unsere Routineaufgaben aus meiner Sicht nicht ausreichend wahrnehmen."

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