Untersuchungsausschuss "Krankenhauskeime" Gesundheitsamt wusste nichts von Gutachten

Bremen. Das Gesundheitsamt ist scheinbar vom Informationsfluss der Gesundheitsbehörde abgeschnitten: Nach Aussage des Amtsleiters habe man erst verspätet und aus den Medien von wichtigen Gutachten zur Quelle des tödlichen Keimausbruchs erfahren.
13.06.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Gesundheitsamt wusste nichts von Gutachten
Von Sabine Doll

Bremen. Das Gesundheitsamt ist scheinbar vom Informationsfluss der Gesundheitsbehörde abgeschnitten: Nach Aussage des Amtsleiters und eines verantwortlichen Mitarbeiters vor dem Untersuchungsausschuss "Krankenhauskeime" habe man erst verspätet und aus den Medien von wichtigen Gutachten zur Quelle des tödlichen Keimausbruchs auf der Frühgeborenen-Intensivstation erfahren.

Von dem Gutachten des Bonner Hygiene-Experten habe er einen Tag später aus den Medien erfahren, sagte der Leiter des Gesundheitsamtes, Eberhard Zimmermann, am Dienstag vor dem Untersuchungsausschuss "Krankenhauskeime". "Am Sonnabend bin ich darauf hingewiesen worden, ich sollte doch einmal im Internet nachsehen."

Das betreffende Gutachten ist am vergangenen Freitag auf einer Pressekonferenz im Dienstgebäude von Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) vorgestellt worden. Es nennt die mögliche Ursache für den tödlichen Keimausbruch auf der Frühgeborenen-Intensivstation – eine Dosieranlage für Desinfektionsmittel – und stammt von dem Bonner Hygiene-Professor Martin Exner.

Das Gutachten oder eine andere schriftliche Information durch die Gesundheitsbehörde, sei dem Amt bis heute nicht zugegangen, sagte Zimmermann. "Mir ist auch nicht bekannt, wann genau Professor Exner seine Untersuchungen vorgenommen hat." Soweit er wisse, habe niemand im Gesundheitsamt davon Kenntnis.

Und dies ist wohl kein Einzelfall, wie im Untersuchungsausschuss bekannt geworden ist. Danach hat das Gesundheitsamt von einem Gutachten des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene (BZH) zu Mängeln bei Reinigungs- und Hygieneanweisungen in der Frühgeborenen-Intensivstation ebenfalls aus der Presse statt von der Gesundheitsbehörde erfahren.

"Ich habe es mir nach Medienberichten aus dem Internet heruntergeladen", sagte Werner Wunderle, Referatsleiter im Gesundheitsamt, am Dienstag vor dem Ausschuss. "Ich hätte erwartet, dass man über den Inhalt des Gutachtens spricht, ja", sagte er auf Nachfrage des Ausschusses. Zumal das Gesundheitsamt bei der Suche nach der möglichen Keimquelle immer wieder auf den "Reinigungsdienst als Schwachpunkt bei der Übertragung von Keimen" hingewiesen habe. "Das war immer bei uns im Fokus", schilderte Wunderle.

Rainer Bensch, CDU-Obmann und gesundheitspolitischer Sprecher der Fraktion, reagierte mit harscher Kritik auf die Schilderungen: "Schon wieder wird nicht nur der parlamentarische Untersuchungsausschuss von der Senatorin missachtet, sondern auch eine öffentliche Einrichtung des Gesundheitswesens." Dies sei nicht das erste Mal seit Beginn der Krisensituation im November.

Zu Beginn der Sitzung hatte der Ausschuss Ludwig Weber, Hygienefachkraft des Freiburger Instituts, befragt. Der BZH-Mitarbeiter hatte das Reinigungs-Gutachten erstellt. Sein Fazit: "Dort bin ich auf ein Reinigungsunternehmen getroffen, das noch einigen Optimierungsbedarf hat." Der Bericht stammt vom 13. Februar (wir berichteten). Erstmals ist es am 22. Mai im Untersuchungsausschuss bekannt geworden, es war von der Gesundheit Nord (Geno) in Auftrag gegeben worden und auf dem beschlagnahmten Computer des ehemaligen Chefs des Klinikverbunds, Diethelm Hansen, gefunden worden.

Weber kritisierte darin die Arbeitsanweisungen für die Reinigungskräfte als "unklar, lücken- und fehlerhaft". Dies betreffe vor allem den Einsatz der Handschuhe zum Reinigen und Desinfizieren der Patientenzimmer und Toiletten. Er habe damals Einmalhandschuhe empfohlen: "Das ist allgemein üblich und man ist auf der sicheren Seite." Ob diese und andere Empfehlungen umgesetzt wurden, wisse er nicht. "Es hat keine Rückmeldungen gegeben."

Grundsätzlich sei es kritisch, wenn Reinigungsarbeiten von externen Dienstleistern vorgenommen würden: "Der Geschäftsführer gibt den Zuschlag an den Dienst, der am günstigsten ist. Und damit kann man sich katastrophale Dinge einfangen." Bei externen Firmen herrsche hoher Arbeitsdruck und dadurch eine große Fluktuation beim Personal. Weber: "Viele Kliniken gehen deshalb wieder dazu über, eigene Reinigungskräfte einzustellen."

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