Neue Berufsbilder als Ziel Startsignal für den Bremer Gesundheitscampus

Bremen will den Wandel der Gesundheitsberufe aktiv begleiten. Der Senat stellt 4,7 Millionen Euro für das Projekt Gesundheitscampus bereit. Das Netzwerk soll prägenden Einfluss haben auf die Zukunft der Pflege.
14.02.2021, 22:11
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Startsignal für den Bremer Gesundheitscampus
Von Jürgen Theiner

Die Zukunft der Gesundheitsberufe soll in Bremen mitgestaltet werden. Dieses ambitionierte Ziel steckt sich der Senat mit dem Projekt des Gesundheitscampus. Die Idee dahinter: Forschungs- und Lehreinrichtungen, Firmen, Dienstleister und sonstige Praktiker des Gesundheitswesens sollen in einem Netzwerk miteinander verbunden werden, das die Professionalisierung von Fachkräften unterstützt und vorhandene Berufsbilder weiterentwickelt. Aus dem Bremen-Fonds – einem Kredittopf für Maßnahmen zur Überwindung der Corona-Krise – werden in diesem Jahr 4,7 Millionen Euro für das Projekt bereitgestellt.

Wichtiger Arbeitgeber

Die Gesundheitsbranche ist schon jetzt einer der wichtigsten Arbeitgeber Bremens, wird aber kaum so wahrgenommen. Als bedeutende ökonomische Faktoren gelten eher die Häfen, von denen rund 75.000 Stellen direkt oder indirekt abhängen, die Fahrzeugindustrie, das Luft- und Raumfahrtcluster.

Lesen Sie auch

Den Wenigsten ist bewusst, dass im kleinsten Bundesland gut 60.000 Menschen in Gesundheitsberufen tätig sind, was rund 15 Prozent aller Erwerbstätigen entspricht. „Corona hat den Scheinwerfer auf diesen Bereich gelenkt“, sagt Wissenschaftsstaatsrat Tim Cordßen. Das sei auch gut so, denn die Branche brauche Impulse, um sich weiterzuentwickeln, um attraktiv für Berufseinsteiger zu bleiben und die Patientenversorgung in der Region langfristig zu sichern.

Trend zur Akademisierung

Nun ist es nicht so, als würden auf diesem Gebiet bisher keine Anstrengungen unternommen. Die Hochschulen in Bremen und Bremerhaven haben den Trend zur Akademisierung der Gesundheitsberufe bereits aufgegriffen. So wurde an der Hochschule Bremen der Studiengang Angewandte Therapiewissenschaft eingerichtet, seit dem Wintersemester 2020/21 kann man dort auch Hebammenwissenschaft studieren. In Bremerhaven entwirft die dortige Hochschule gerade das Berufsbild des „Physician Assistant“, eine Mischung aus Arzt und Krankenpfleger. Doch eine ständige Rückkopplung innovativer akademischer Lehre mit den Praktikern der Gesundheitswirtschaft, mit Dienstleistern, Forschungseinrichtungen und medizinnahen Unternehmen ist bisher nicht sichergestellt.

Verbindliche Kooperation

Nicht zuletzt dieser Aufgabe soll sich der Gesundheitscampus widmen. Mit Campus ist damit weniger eine räumliche Zusammenfassung der Akteure gemeint. Es geht um verbindliche Kooperation, um gegenseitige geistige Befruchtung, um das Zusammenwirken bei der Weiterentwicklung der Gesundheitsbranche. Die räumliche Komponente beschränkt sich vorerst auf die wenigen Quadratmeter eines Projektbüros, in dem Stefan Görres seinen Schreibtisch aufbauen wird. Tim Cordßen hat den emeritierten Soziologen und Pflegewissenschaftler der Bremer Uni für die Projektleitung des Gesundheitscampus gewonnen.

Lesen Sie auch

„Ich freue mich auf die Aufgabe“, sagt Görres. Als „zentrales Modul“ bezeichnet der Professor die inhaltliche Weiterentwicklung der Gesundheitsberufe: „Auf diesem Gebiet wollen wir ein Leuchtturm werden.“ Attraktivere, aufgewertete Berufsbilder seien wichtig, wenn Nachwuchs für die Branche gewonnen werden soll. Laut Görres scheiden bis 2035 rund 40 Prozent der Arbeitnehmer aus, die aktuell in Pflegeberufen beschäftigt sind. Es sei also keine Zeit zu verlieren.

Verbesserung der Patientenversorgung

Eine zweite wichtige Aufgabe des Gesundheitscampus sieht der Projektkoordinator in der Verbesserung der Patientenversorgung. Beim Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis gebe es Nachholbedarf. Höchstens 20 Prozent der Forschungsergebnisse zu Themen wie Prävention, Mobilität im Alter und Prozessoptimierung in Kliniken und Altenheimen kämen gegenwärtig beim Patienten an.

Lesen Sie auch

Weitere Stichworte sind für Stefan Görres die bessere Verzahnung von Gesundheitswissenschaft und -wirtschaft sowie die Bündelung der Forschungsanstrengungen, die es bereits an der Bremer Uni und in ihrem Umfeld gibt. Im günstigsten Fall ergebe sich dadurch ein Beitrag für eine erneute Bremer Exzellenzinitiative.

Für April plant das Wissenschaftsressort eine größere Auftaktveranstaltung, zu der alle potenziellen Partner des Gesundheitscampus eingeladen werden sollen. Nach einer Aufbauphase von zwei Jahren soll dann Zwischenbilanz gezogen werden. Längerfristig, so ist Görres überzeugt, kann das Projekt Strahlkraft weit über das kleinste Bundesland hinaus entfalten: „Unser Ziel ist: Wer sich in München für Pflege interessiert, soll sich für Bremen begeistern.“

Info

Zur Sache

Bremen-Fonds

Neben dem Gesundheitscampus sind im Bremen-Fonds – dem mit 1,2 Milliarden Euro gefüllten Topf für Maßnahmen zur Überwindung der Corona-Krise – noch zwei weitere Vorhaben aus dem Gesundheitssektor verankert. Für rund 4,2 Millionen Euro sollen am Klinikum Ost ein Zentrum für Infektiologie und eine Isolierstation aufgebaut werden. Ebenfalls am Klinikum Ost ist geplant, die Kapazitäten in der Psychiatrie so auszubauen, dass dort eine forensische Behandlung psychisch erkrankter Straftäter auch unter Pandemie-Bedingungen möglich ist. Hierfür sind Personalkosten von 2,1 Millionen Euro und Investitionen in Höhe von 250.000 Euro vorgesehen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+