Craft Beer: Alternative Bierszene an der Weser

Getränk mit Seele

In Bremen hat sich eine kleine, aber feine Szene entwickelt: Vier Brauereien haben sich der Craft-Beer-Tradition verschrieben. Es geht dabei um geschmackvolles, lokales und kreatives Bier.
21.12.2015, 00:00
Lesedauer: 9 Min
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Von ANGELA NIGGEMEYER

In Bremen hat sich eine kleine, aber feine Szene entwickelt: Vier Brauereien haben sich der Craft-Beer-Tradition verschrieben. Es geht dabei um geschmackvolles, lokales und kreatives Bier.

Als sich mit einem Knarren die kleine Eingangstür der Grebhan‘s Brauerei öffnet, spiegeln sich in der Eingangstür die Silhouetten des Schnoor. Es ist Sonntag, ein nasskalter Wintermorgen und Tobias Grebhan sieht noch ziemlich verschlafen aus. Das Tasting vom Vorabend habe mal wieder länger gedauert, murmelt er. Der Braumeister zieht seine Mütze etwas tiefer ins Gesicht und lächelt. Zeit sich auszuruhen hat er nicht, denn heute ist Brautag. Auf dem Plan steht ein Indian Pale Ale.

Tobias Grebhan gehört zu der aufstrebenden Bremer Craft-Beer-Szene. Zusammen mit seinem Vater betreibt er seit fast zwei Jahren die kleine Grebhan‘s Brauerei im Schnoor. Gebraut wird direkt in seinem Laden, wo er auch die frisch abgefüllten Flaschen verkauft. Pro Braugang sind das 50 bis 80 Liter – wer davon etwas abbekommen möchte, muss schnell sein.

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Aktuell gibt es in Bremen noch drei weitere Brauereien, die eine Alternative zu den Produkten der großen Brauerei Beck GmbH & Co. KG anbieten: die Bremer Braumanufaktur, die Gasthausbrauerei Schüttinger und die gerade wiedereröffnete Union Brauerei in Walle, die seit der Schließung 1968 leer stand. Auch wenn sich die vier Brauereien in Aufbau und Struktur unterscheiden, sind sie dennoch alle beispielhaft für die Herausforderungen unabhängiger Brauer in Deutschland und für die lebhaften Diskussionen rund um den Craft-Beer Begriff.

Aber was genau ist Craft Beer eigentlich? Das englische Wort Craft bedeutet Handwerk, das heißt, dass es darum geht, Bier handwerklich herzustellen. In Bezug auf den Brauer und das Bier sind außerdem folgende Attribute wichtig: geschmackvoll, kreativ, klein, lokal und unabhängig. Je nach Brauart variiert Craft Beer im Alkoholgehalt und wird mit unterschiedlichen Hopfen-, Hefe- und Malzsorten gebraut.

Die Brauer verwenden längst vergessene Hopfensorten, aber auch ganz neue Züchtungen. Und die Ergebnisse sind überraschend: Besondere Aromahopfen verleihen dem Bier Zitrus- oder Beerennoten, während unterschiedliche Röstmalze zu einem rauchigen, holzigen oder schokoladigen Aroma führen. Im Craft-Beer-Bereich sind Experimentierfreude, Individualität und Kreativität des Brauers charakteristisch, was wiederum erst durch eine Produktion in kleinen Mengen in einer konzernunabhängigen Struktur ermöglicht werden kann. Hinter den Craft-Beer-Sorten stehen also Menschen, die die Qualität und die Herstellung noch, oder besser gesagt wieder, eigenhändig beeinflussen.

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Doreen Gaumann ist eine von ihnen. Die 24-jährige ist Braumeisterin bei der Union Brauerei in Walle. Die beiden Unternehmer Lüder Kastens und Markus Zeller haben die Wiederbelebung der historischen Brauerei möglich gemacht. Nach ihrer Philosophie soll in Walle künftig Craft Beer und keine großen Namen im Vordergrund stehen. Noch in diesem Jahr werden hier sechs verschiedene Sorten aus dem Zapfhahn fließen. Neben einem Rotbier, Pale Ale und Porter braut Gaumann auch gewohnte, aber neu interpretierte Biere, wie Pilsener oder Weißbier sowie saisonale Varianten.

Der jungen Braumeisterin gefällt vor allem die Vielfältigkeit ihrer vier Zutaten Wasser, Hopfen, Malz und Hefe. Natürlich wird auch in der Union Brauerei nach dem Deutschen Reinheitsgebot von 1516 gebraut. Dennoch können unzählige Geschmacksrichtungen und Nuancen eingebracht werden: „Es geht bei uns nicht darum, das abgefahrenste Bier mit Eisbonbongeschmack zu brauen. Aber ein Bananenweizen muss nicht zwingend mit Nektar gemischt werden, es gibt Hefen, die können dieses Bananenaroma wirklich erzeugen.“ Auch Aromahopfen, deren Menge und der Zeitpunkt ihrer Zugabe zum Sud bieten große Abwechslungsmöglichkeiten.

20 Hektoliter umfasst das Sudwerk der Union Brauerei, das sind pro Braugang also 2000 Liter Bier – eine sehr geringe Menge verglichen mit den Sudwerken industrieller Betriebe: Beck & Co. produziert pro Sud 100 000 Liter Beck‘s und 45 000 Liter Haake Beck. Der Spielraum für geschmackliche Experimente schrumpft bei diesen Größenordnungen gen Null. Bei Union hingegen profitieren die jungen Brauer von den kleinen Chargen. „Dadurch sind wir extrem flexibel und können immer mal wieder was ausprobieren. Ich freue mich auch, wenn Gäste mit Ideen und besonderen Wünschen direkt auf mich zukommen.“

Auch der Diplom-Brauingenieur Markus Freybler möchte seine Marke Hopfenfänger mit insgesamt sechs Biersorten gerne langfristig in Bremens Bierlandschaft etablieren. Der gebürtige Schwabe geht dabei sehr strukturiert und gewissenhaft vor, schließlich stellt die Eröffnung einer eigenen Brauerei Privatpersonen vor große finanzielle und organisatorische Herausforderungen. Grundvoraussetzung war ein Geschmackstest: „Es war wichtig festzustellen, ob die Bremer mein Bier überhaupt mögen und auch langfristig bereit sind, es zu einem entsprechend höheren Preis zu kaufen.“

Die Testergebnisse und die Zeit der Probeverkäufe fielen positiv aus und so ist Freybler seit Anfang 2015 auf der intensiven Suche nach einem geeigneten Standort für seine Braumanufaktur. „Die Herausforderung besteht darin, eine innerstädtische Lokalität zu finden, die bezahlbar ist, und an der Craft Beer gebraut und auch ausgeschenkt werden darf.“ Hinzu kommt der persönliche Anspruch an seine Brauerei: ein historisches Gebäude soll es sein, mit nordischem Flair, Charakter und einer spannenden Geschichte. Der 53-Jährige hat dabei das Gesamtprodukt im Blick: nicht nur seine Hopfenfänger, sondern auch die Umgebung, in der diese gebraut und ausgeschenkt werden, sollen von der Norm abweichen und die Kunden überraschen. Bis das soweit ist, findet man die Hopfenfänger an insgesamt 28 Verkaufspunkten in Bremen und umzu.

Mit der Herausforderung hoher finanzieller Investitionen und einer langwierigen und aufreibenden Standortsuche steht Freybler nicht alleine da. Für viele lautet die teils vorübergehende, teils langfristige Lösung: Die Untermiete in einer anderen Brauerei. Diese sogenannten Gypsi- oder auch Kuckucksbrauer sind in der deutschen Craft-Beer-Szene eine gängige Erscheinung. Sie nutzen die Räumlichkeiten mittelständischer Brauereien, um dort nach eigenem Rezept zu brauen.

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So auch bislang Markus Freybler. Noch lässt der Findorffer seine Biere in Niedersachsen herstellen, seine Planungen reichen jedoch weit in die Zukunft: In einer Kooperation mit der Gröpelinger Gemüsewerft baut er in Bremens Norden seinen eigenen Hopfen an. Sie tragen die Namen Saphir, Hallertauer Perle, Tettnanger oder Cascade. Letzteres ist eine amerikanische Hopfensorte und bekannt für besonders fruchtige Aromen. Noch ist der Ertrag überschaubar, er wächst aber mit jedem Erntejahr.

Craft Beer steht aber nicht nur für eine handwerkliche Herstellung, sondern auch für besonders hochwertige Inhaltsstoffe. Doch eine lokale und ressourcenschonende Produktion in geringen Mengen hat ihren Preis. Dass gerade Neukunden bei Beträgen von durchschnittlich zwei bis fünf Euro pro Flasche erstmal schlucken, kann Janka Bracke-Wolter verstehen. Seit einem Jahr betreibt die 40-Jährige zusammen mit ihrem Mann Frank Wolter im Steintor mit dem Brolters ein Fachgeschäft für Craft Beer und Spirituosen. „Ich finde es sehr wichtig zu erklären, warum diese Biere nun mal nicht für 89 Cent im Regal stehen, sondern eher für 2,89 Euro oder sogar mehr. Es ist mir ein Anliegen diese Wertschätzung zurück in die Köpfe zu bekommen.“

Wie auch in anderen Bereichen der Lebensmittelproduktion oder dem Handwerk drückt die Herstellung in großen Mengen den Preis. Im Umkehrschluss können Craft-Beer-Produzenten nicht mit großen Industriebrauereien mithalten beziehungsweise konkurrenzfähig sein. Vielleicht wollen sie das aber auch gar nicht. „Craft Beer ist völlig zu Recht ein Nischenprodukt und ich bin großer Befürworter davon, dass das auch so bleibt“, sagt Bracke-Wolter. Die Bier-Expertin bietet im Brolters etwa 200 nationale und internationale Biere kleiner, unabhängiger Brauereien an. Das Geschäft wirkt gemütlich, es gleicht einem Wohnzimmer. Das von Bracke-Wolter durchaus bewusst geführte Konzept eines „Tante-Emma“-Ladens für Bier geht auf. „Ich will, dass man sich hier wohlfühlt. Wir nehmen uns viel Zeit für unsere Kunden.“ Dazu gehört auch der persönliche Kontakt zu den Brauern, regelmäßige Besuche der Hersteller sind Teil des Geschäfts. Denn: „Plötzlich bekommen die Biere ein Gesicht und eine authentische Geschichte.“ Und die Kunden damit eine Beziehung zu dem Craft Beer ihrer Wahl.

Neben den verhältnismäßig neuen und ehrgeizigen Bier-Projekten existiert in Bremen bereits seit 25 Jahren das Schüttinger als eine feste Größe der Gastronomie. Die Gasthausbrauerei, im Herzen Bremens zwischen Marktplatz, Böttcherstraße und Schlachte gelegen, fällt Kennern der Szene wohl nicht als allererstes für ein typisches Beispiel eines Craft-Beer-Betriebes ein. Und das, obwohl das Schüttinger direkt vier wichtige Attribute erfüllt: lokal, unabhängig, handwerklich, mit kleinem Ausstoß. Sind das vor Ort ausgeschenkte Helle oder Dunkle also Craft-Beer-Sorten und das Schüttinger damit ein Craft-Beer-Pub?

>> Bremer Export <<

Der Braumeister Palle Jensen nimmt einen tiefen Atemzug und lässt einige Zeit verstreichen, so als habe auch er sich diese Frage schon gestellt, ohne eine Antwort darauf zu haben. Gefallen findet er an einer Unterteilung des Begriffs Craft Beer in modern und traditionell, wie sie Jeff Maisel von der bekannten Bayreuther Brauerei Gebrüder Maisel vorgenommen hat. „Wenn es danach geht, würde ich die Biere des Schüttinger schon zu den traditionellen Craft-Bieren zählen. Eine moderne Interpretation erfüllen wir mit Sicherheit nicht.“

Maisels Unterteilung bindet demnach auch die unzähligen kleinen, unabhängigen Brauereien in Deutschland in das Craft-Beer- Geschäft ein. Als modernes Craft Beer bezeichnet er die kreativen, experimentierfreudigen, geschmacklich spannenden und herausfordernden Interpretationen. Laut Jensen werden vom Schüttinger aber eben diese modernen Biere nicht erwartet. „Unsere Gäste wollen Helles, Dunkles, fertig. Trotzdem würde ich mich freuen, wenn sich in Bremen eine neue Vielfalt an Bieren und Brauereien entwickeln würde. Wir nehmen uns ja nichts weg – im Gegenteil.“

Und die Reaktionen der Bremer sind durchweg positiv, fordernd und voller Vorfreude – zumindest bei jenen, die an den ausgiebigen Verkostungen lokaler und bundesweiter Craft-Biere auf der Messe Fisch & Feines teilgenommen haben. „Ich bin gespannt wie sich die Union Brauerei in Walle etablieren wird. An der Schlachte gibt es ja immer dasselbe. Es ist Zeit für Abwechslung“, findet Heinz-Jürgen Kastner aus Arsten. Der 67-Jährige freut sich darauf, in Walle interessante Biere vom Fass trinken zu können.

Doch ob sich die Meinung der an alternativen Bierstilen grundlegend interessierten Messebesucher auch auf die gesamte Stadt übertragen lässt? Schnoor-Brauer Grebhan gerät ins Grübeln. Er ist überzeugt, dass Craft Beer in Bremen eine bestehende Lücke füllen kann. Denn Marken wie Beck‘s oder Krombacher sind für ihn „seelenloses Industriebier“, obwohl er die guten Braumeister dahinter respektiere. Viele seiner Kunden aber sehnten sich nach einem persönlicheren Bezug zu ihren Lieblingsbieren.

Trotzdem konnte Bremen in Sachen Craft Beer bisher noch nicht so richtig durchstarten wie beispielsweise Berlin. Abgesehen von grundsätzlichen Faktoren wie Größe, Kaufkraft und der florierenden Berliner Start-Up-Szene findet Grebhan, dass Bremen eben ein besonderer Fleck sei und die Bremer besondere Kunden seien, die man so zu nehmen habe, wie sie nun mal sind. „Der Bremer wartet erstmal ab. Gemeinhin kann man sagen: Was jetzt in anderen Städten gut funktioniert, kann in Bremen vielleicht zwei, drei Jahre später funktionieren.“ Es sei diese, für Norddeutschland typische, Distanz, die es Neuerungen in der Stadt schwer mache. „Weil eben erstmal geguckt wird. Vielleicht findet der Bremer das auch spannend und interessant. Aber erstmal abwarten. Und dann, vielleicht irgendwann nach zwei Jahren, betritt er dann doch mal den Laden.“

>> Amerikanische Wurzeln <<

In Bremen braucht es für die Craft-Beer-Brauer also einen langen Atem. Ein Verhalten, das keineswegs neu ist, wie ein Schriftstück des Bremer Mediziners Philipp Heineken über die Bierlandschaft der Stadt im 19. Jahrhundert belegt. 1830 schrieb er: „So wie in den meisten anderen großen Städten werden auch in Bremen die verschiedensten Arten von Bieren gebrauet, von dem leichten Maerzen- und Weißbiere bis zu einem, der Braunschweiger Mumme nicht unaehnlichen, sehr schweren, fast syropdicken, sueßlichen, dem sogenannten Seefahrtsbier, von dem wenig gehopften und wenig Weingeist enthaltenden, bis zu dem Englischen Ale und Porterbiere, das dem aechten wenig oder gar nicht an Guete nachsteht; diese verdienen jedoch weniger Beachtung, da der Bremer Buerger sie gewoehnlich als Fremdlinge ansieht, an welche er wie an alles Fremde, sich nur schwer gewoehnt.“

Bier-Expertin Bracke-Wolter bestätigt die norddeutsche Zurückhaltung, hat aber auch einen weiteren Charakterzug an Bremern festgestellt, der sich wesentlich auf eine langfristige Etablierung von Craft Beer an der Weser auswirken könnte: „Ich finde, auf eine Art haben wir auch ganz schön Glück mit diesem merkwürdigen Verhalten. Man muss die Leute hier sehr lange überzeugen, aber wenn sie es einmal akzeptiert haben, dann sind sie voll bei dir und ziehen mit.“

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