GEW stellt in Bremen Studie vor

GEW: Geflüchtete schneller einschulen

Im deutschen Schulsystem müssen aus Sicht der Gewerkschaft GEW mehrere Stellschrauben deutlich nachjustiert werden, um Flüchtlingskinder schneller zu integrieren.
27.11.2017, 15:38
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GEW: Geflüchtete schneller einschulen
Von Kristin Hermann
GEW: Geflüchtete schneller einschulen

Nach Angaben der Behörde sind seit Januar 2015 bis einschließlich August dieses Jahres 5896 Kinder von Geflüchteten und Neuzugewanderten in die Schulen in der Stadt aufgenommen worden.

Frank Thomas Koch

Bremen fehlt ein Gesamtkonzept für die schnelle Integration geflüchteter Kinder in das Schulsystem. Das kritisierte am Montag die Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, bei der Vorstellung einer Studie zum Thema. Jede Schule verfolge momentan ihr eigenes Konzept, wobei sich die Lehrkräfte zunehmend überfordert fühlten, so Tepe.

Bremen stehe mit diesem Problem nicht alleine da. Auch andere Städte und Kommunen hätten damit zu kämpfen. Kinder und Jugendliche sollten so schnell wie möglich in die Schule kommen oder eine Berufsausbildung beginnen, unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus, forderte die Gewerkschafterin. Sie warb unter anderem für ein kombiniertes System von Sprach- und Fachunterricht, den Ausbau von Ganztagsschulen sowie für kleinere Klassen und eine unbürokratische Anerkennung von Abschlüssen zugewanderter Lehrer.

Bisher keine Kompetenzerfassung

Die vorgestellte Studie "Chancen und Hoffnung durch Bildung" wurde von der Bildungsinternationalen, dem Dachverband von 400 Bildungsgewerkschaften, in Auftrag gegeben. Die Autorinnen Dita Vogel und Elina Stock untersuchten Strukturen in Bremen, werteten Zahlenmaterial aus und führten Interviews. Eine zentrale Erkenntnis: Zwar gebe es in Deutschland den Rechtsanspruch auf Schule für Minderjährige.

Doch müssten Geflüchtete häufig länger bis zur Aufnahme in eine Regelschule warten. Vor der Zuweisung in eine Schule gebe es bisher keine Kompetenzerfassung bei den Kindern und Jugendlichen. Das könne dazu führen, dass sie nicht an der richtigen Schule landeten. Als Problem identifizierten die Autorinnen zudem die sogenannten Vorkurse, in denen die Kinder zunächst Deutsch lernen, bevor sie in den regulären Unterricht integriert werden.

Dies sei zwar wichtig, gehe aber zulasten des Fachunterrichts. "Jeder Monat, in dem nur Deutsch gelernt wird, verursacht Lücken in anderen wichtigen Fächern", sagte Vogel. Sie und Marlis Tepe regten deshalb ein gemischtes System aus Sprach-und Fachunterricht an.

Arbeitsbedingungen für Vorkurs-Lehrkräfte sind prekär

Nach Angaben der Bremer Bildungsbehörde werden geflüchtete Kinder und Jugendliche teilweise schon jetzt in den Unterricht der regulären Klassen eingebunden. In den Grundschulen dauere der Vorkurs pro Schüler jeweils sechs, in der Sekundarstufe I in der Regel zwölf Monate. Nach dem Vorkursbesuch wechseln die Schülerinnen und Schüler normalerweise in ihre Regelklassen.

Tepe machte zudem deutlich, dass gute Arbeitsbedingungen der Pädagogen und deren Qualifikation die Voraussetzungen seien, damit Integrationsprozesse gelingen können. So seien beispielsweise die Arbeitsbedingungen insbesondere für Vorkurs-Lehrkräfte prekär. „Diese Lehrerinnen und Lehrer brauchen ein unbefristetes Arbeitsverhältnis, ein angemessenes Gehalt sowie adäquate Fort- und Weiterbildungsangebote“, unterstrich die GEW-Vorsitzende.

Laut der Bildungsbehörde gibt es in Bremen bereits Fortbildungsangebote, die sich etwa mit der Willkommenskultur beschäftigen. Diese seien jedoch nicht verpflichtend. Angesichts der hohen Zuwanderung hatte die GEW 2015 die Einstellung von 24.000 Lehrern gefordert, so Tepe. Inzwischen seien etwa 16.000 Stellen geschaffen worden.

Lehrkräfte fühlen sich überfordert

Zudem müssten die Abschlüsse und Qualifikationen zugewanderter Lehrkräfte schneller und unbürokratischer anerkannt werden. Diese Lehrkräfte bräuchten ebenso wie Quer- und Seiteneinsteiger neue Wege für Nachqualifizierung. Tepe wies darauf hin, dass häufig mehr als eine Lehrkraft in den Klassen nötig sei, beispielsweise um traumatisierte Schüler zu unterstützen.

Wie schwer es Lehrkräfte aktuell haben, unterstrich auch Barbara Schüll, GEW-Betriebsrätin an der Bremer Stadtteilschule. Sie arbeitet seit 15 Jahren mit Kindern mit Migrationshintergrund und weiß, wie überfordert sich einige Kollegen fühlen. "Das ist seit 2015 ein Fiasko, das bis jetzt noch nicht besser geworden ist", sagte sie.

Gerade an den Grundschulen bräuchte man dringend Alphabetisierungskurse, für Schüler, die weder lesen noch schreiben könnten. "Das kann man nicht im regulären Unterricht auffangen", so Schüll. Die Bremer GEW setze sich zudem dafür ein, an der Universität den Studiengang Deutsch als Fremdsprache einzuführen, in denen künftigen Lehrkräften die Sprachvermittlung näher gebracht wird.

"Wir arbeiten an Verbesserungen"

Den Vorwurf, dass Bremen ein Gesamtkonzept fehle, wollte man in der Bildungsbehörde indes nicht so stehen lassen. Das Kompetenzzentrum für Interkulturalität in der Schule habe bereits im Schuljahr 2012/2013 seine Arbeit aufgenommen. Seither biete es ein Beratungs- und Fortbildungsangebot im Bereich der interkulturellen Bildung an. Von daher übernehme es Aufgaben, die im „Entwicklungsplan Migration und Bildung für das Land Bremen 2014-2018“ beschrieben worden sind.

"Die Ausgestaltung ist wegen der hohen Zuwanderung aber nicht einfach", so Annette Kemp, Sprecherin des Ressorts. "Wir arbeiten an Verbesserungen." Nach Angaben der Behörde sind seit Januar 2015 bis einschließlich August dieses Jahres 5896 Kinder von Geflüchteten und Neuzugewanderten in die Schulen in der Stadt aufgenommen worden.

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