Notrufnummer für Frauen Gewalt gegenüber Frauen nimmt zu

Immer mehr Frauen erfahren Gewalt. Sie sollen deshalb zukünftig einen Notruf wählen können, bei dem sie unterstützt werden. Die Polizei steht dem aber skeptisch gegenüber.
18.08.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Gewalt gegenüber Frauen nimmt zu
Von Kathrin Aldenhoff

Immer mehr Frauen erfahren Gewalt. Sie sollen deshalb zukünftig einen Notruf wählen können, bei dem sie unterstützt werden. Die Polizei steht dem aber skeptisch gegenüber.

Es ist spät abends, eine junge Frau geht alleine nach Hause, es ist dunkel, niemand ist auf der Straße. Da hört sie Schritte hinter sich. Sie merkt, dass jemand hinter ihr geht. Sie fühlt sich unwohl, geht vielleicht etwas schneller. Vielleicht greift sie zum Handy, ruft ihren Freund oder eine Freundin an, einfach nur um zu reden, um sich sicherer zu fühlen. Vielleicht gehen die nicht ans Telefon. Dann wächst das Gefühl der Unsicherheit.

An dieser Situation wollen Bremer Frauen nun etwas ändern. „Viele Frauen haben solche Erfahrungen gemacht und mir davon erzählt“, sagt Ursula Niemann, aus dem Vorstand des Frauennetzwerks Business and Professional Women (BPW) Bremen. Die Gewalt gegenüber Frauen im öffentlichen Raum nehme zu, und das schränke Frauen in ihrer Bewegungsfreiheit und in ihrer Teilhabe in der Gesellschaft ein.

Ein Notruf bei dem Frauen für Frauen da sind

Die Idee von BPW: ein Frauenhilferuf. Ursula Niemann will, dass Frauen, die sich zum Beispiel abends auf dem Heimweg unwohl fühlen, einen Notruf wählen können. Einen, bei dem Frauen für Frauen da sind; einen, der eine einfache Nummer hat, dreistellig, so wie der Notruf für Polizei und Feuerwehr.

Ursula Niemann leitet das Projekt, am Mittwoch diskutierten sie und andere Frauen von BPW die Idee bei einem Gesprächsabend mit Gästen, unter ihnen die Bundestagsabgeordneten Elisabeth Motschmann (CDU), Sarah Ryglewski (SPD) und Birgit Menz (Linke) sowie die Bürgerschaftsabgeordnete Julie Kohlrausch (FDP). „Ich will Frauen für das Thema sensibilisieren“, sagt Ursula Niemann.

Der Notruf soll eine Hilfe sein, schnell und kostenfrei, rund um die Uhr erreichbar, mit geschulten Frauen am anderen Ende der Leitung. Das ist die Idee, alles Weitere soll sich entwickeln, auch aus der Diskussion von Mittwochabend. Ursula Niemann betont: „Wir präsentieren kein fertiges Konzept, wir wollen das Thema besprechen.“

Übergriffe werden schneller der Polizei gemeldet

Die polizeiliche Kriminalstatistik für das Land Bremen erfasst für das vergangene Jahr 108 Fälle von sexueller Nötigung und Vergewaltigung. 2014 waren es 118 Fälle, 2013 102 Fälle und 2012 95 Fälle. Zahlen für dieses Jahr liegen noch nicht vor, aber: In den vergangenen Monaten verzeichne die Polizei vermehrt Fälle von Beleidigung auf sexueller Grundlage, sagt Polizeisprecher Nils Matthiesen. Wenn Männer eine Frau betatschen oder anders sexuell übergriffig werden, fällt das unter diese Kategorie.

Als Beispiel nennt Matthiesen die Vorfälle auf der Breminale: Die Polizei ermittelte in 24 Fällen wegen sexueller Übergriffe, die Frauen gemeldet hatten. „Die Frauen sind sensibler geworden und benachrichtigen schneller die Polizei“, sagt Matthiesen. Das sei auch so gewollt, betont er.

Polizei steht dem Notruf skeptisch gegenüber

Einem Notruf speziell für Frauen steht die Polizei skeptisch gegenüber. „Uns ist es am liebsten, die Frauen rufen die 110 an, wenn sie bedroht werden“, sagt Matthiesen. Am anderen Ende der Leitung säßen Experten. Die könnten die Situation bewerten, Verhaltenstipps geben oder einen Streifenwagen vorbeischicken. Ursula Niemann sieht den Polizeinotruf nicht als Alternative. Der könne das Angebot, so wie die Frauen von BPW es sich vorstellen, gar nicht leisten.

Mitte Februar hatte BPW die Fraktionen der Bürgerschaft aufgefordert, sich für einen Frauennotruf einzusetzen. Das Anliegen fand schnell Gehör bei den Bremer Abgeordneten, Mitte März formulierten die Fraktionen von SPD und Grünen einen Antrag an die Bürgerschaft mit dem Titel „Zugang zum deutschlandweiten einheitlichen und kostenfreien Notruf für Frauen und Mädchen weiter verbessern“.

Bestehende Telefonnummern sind zu lang

Übergriffe auf Frauen und Mädchen im öffentlichen und privaten Raum seien immer noch an der Tagesordnung, heißt es in dem Antrag. Die Abgeordneten verweisen auf das „Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen“. Unter der Nummer 080 00 11 60 16 können sich Frauen, die Gewalt erfahren haben, rund um die Uhr beraten lassen. In dem Antrag der Fraktionen heißt es, Menschen in Not könne nicht zugemutet werden, eine elfstellige Telefonnummer zu speichern und in einer Stress­situation zu wählen. „Deshalb sollte die bundeseinheitliche Nummer aus nur drei Ziffern bestehen.“

Ursula Niemann betont: Der Einsatz der Bremer Frauen für so einen Frauenhilferuf wende sich ausdrücklich nicht gegen bestehende Beratungsnummern. Und sei auch keine Kritik an ihnen. Notruf Bremen, Hilfetelefon, Heimwegtelefon – es gibt schon einige Angebote, aber keines, das all die Punkte erfüllt, die Ursula Niemann wichtig sind.

Manche arbeiten nicht rund um die Uhr, die Nummern sind zu kompliziert für eine schnelle Reaktion im Notfall, und bei manchen Angeboten stelle sich jedes Jahr wieder die Frage, ob das Projekt auch in Zukunft gefördert werde. „Unser Angebot würde über den bestehenden Maßnahmen stehen“, sagt Ursula Niemann. „Es soll nicht beraten, sondern unterstützen.“

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