Sohn filmt Übergriffe auf 85 Jahre alte Mutter

Gewalt im Pflegeheim

Bremen. Der Fall einer Patientin, die im Pflegezentrum Forum Ellener Hof misshandelt worden ist, sorgt für Empörung. Während die Politik Aufklärung fordert, fehlt der Bremer Heimaufsicht das nötige Personal für Kontrollen.
03.11.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Alexander Pitz, Karina Skwirblies

Bremen. Der Fall einer Patientin, die im Pflegezentrum Forum Ellener Hof misshandelt worden ist, sorgt für Empörung. Während die Politik Aufklärung fordert, fehlt der Bremer Heimaufsicht das nötige Personal für umfassende Kontrollen.

Es sind Bilder, die für Martin Stöver, Leiter der bremischen Wohn- und Betreuungsaufsicht, nur schwer zu ertragen sind. "In elf Berufsjahren habe ich so etwas noch nicht gesehen", sagt er und berichtet von einem Video, das eine hilflose, an Demenz leidende, 85Jahre alte Frau im Pflegezentrum Forum Ellener Hof in Osterholz zeigt, die von ihrer Pflegerin beschimpft, geschubst und an den Haaren gezogen wird. "Mir ist zwar bekannt, dass so etwas immer wieder passiert, aber so drastisch habe ich mir das nicht vorstellen können", sagt Stöver, dessen Aufgabe es ist, die rund 100 Pflegeheime für Senioren im Land Bremen zu kontrollieren, in denen zurzeit rund 6500 Menschen untergebracht sind.

An die Öffentlichkeit seien die schockierenden Aufnahmen nur deshalb gelangt, weil der Sohn der 85-Jährigen auf Verdacht hin eine Kamera im Zimmer seiner Mutter installiert habe. "Das ist natürlich illegal", sagt Stöver. Er habe zwar Verständnis für die Sorgen und Nöte der Angehörigen. Aber verbotene Filmaufnahmen gingen eindeutig zu weit.

Trotzdem zog das Video Konsequenzen nach sich: "Wir haben der Pflegerin umgehend die fristlose Kündigung ausgesprochen", sagt Steffen Krakhardt, Geschäftsführer der Hansa Pflege und Residenzen GmbH in Oldenburg, die Betreiberin des Pflegezentrums Forum Ellener Hof ist. "Wir veranstalten zwar regelmäßig Schulungen für unser Personal, aber trotzdem kann man nie ganz ausschließen, dass so etwas passiert", räumt Krakhardt ein.

Der Fall löste in Bremen Betroffenheit und Empörung aus. "Ich bin erschüttert", sagt Joachim Schwolow, Vorsitzender der Bremer Senioren-Vertretung, die sich für die Interessen älterer Menschen einsetzt. "Leider gibt es mehrere solcher Fälle, die Dunkelziffer ist hoch." Die Seniorenvertretung wisse zum Beispiel von einem ähnlichen Fall, der sich Anfang des Jahres in einem Pflegeheim in Huchting abgespielt habe. Auch dort sei es zu gewaltsamen Übergriffen des Pflegepersonals gekommen. Mit Rücksicht auf die Privatsphäre des Opfers wolle man aber keine Namen nennen.

In der Regel brächten die Misshandelten gar nicht den Mut auf, anderen von ihrer Pein zu berichten, sagt Schwolow. "Viele sind eingeschüchtert und befürchten, dass sie noch schlechter behandelt werden." Um Pflegekräfte, die zu Gewalt neigen, aus dem Verkehr zu ziehen, seien aber Beweise nötig.

Unterdessen forderte Dirk Schmidtmann, pflege- und altenpolitischer Sprecher der Grünen, Aufklärung im Fall der misshandelten 85-Jährigen. Er erwartet einen ausführlichen Bericht für die Sitzung der Sozialdeputation in der nächsten Woche. "Diese Angelegenheit wirft die Frage auf, wie wir den Schutz pflegebedürftiger Menschen weiter verbessern und effektiver gestalten können", so Schmidtmann.

Der Bremer Heimaufsicht, die dafür zuständig ist, diesen Schutz zu gewährleisten, stehen derzeit sieben Mitarbeiter zur Verfügung, um in den Pflegeeinrichtungen regelmäßig nach dem Rechten zu sehen. Mindestens einmal pro Jahr muss jedes Heim von den Kontrolleuren inspiziert werden. Treten Mängel auf, kann die Behörde Sanktionen verhängen. "Hätte die Heimleitung im Forum Ellener Hof die gewalttätige Pflegerin nicht entlassen, hätten wir mit Sicherheit ein Beschäftigungsverbot gegen diese Person verhängt", sagt Martin Stöver. Er berichtet davon, dass die Frau, gegen die nun ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft laufe, nach ihrer Kündigung wieder eine Beschäftigung in einem anderen Pflegeheim gefunden habe. Doch nachdem man auch dort von dem Video erfahren habe, sei sie abermals entlassen worden.

Stöver würde gern mehr für die Sicherheit der Bremer Heimbewohner tun, aber die dünne Personaldecke führe dazu, dass wichtige Dinge zu kurz kämen. So gebe es keine genaue Statistik über die Missstände in den Pflegeheimen. Die Zahl der Beschwerden, denen er und seine Mitarbeiter nachgingen, habe jedoch in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Stöver spricht von schätzungsweise 500 Fällen pro Jahr.

Nicht nur Gewalt ist ein Problem in den Heimen: Eine Studie des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen vom März dieses Jahres hat ergeben, dass zahlreiche Demenzkranke unnötig mit Psychopharmaka ruhiggestellt werden. Der Bremer Sozialforscher Gerd Glaeske hat herausgefunden, dass in Deutschland knapp 240000 Menschen in Heimen oder in ambulanter Pflege mit Medikamenten behandelt würden, um Kosten zu sparen. Dies sind zwei von drei Betreuten. Die Psychopharmaka würden nicht verschrieben, um Leiden der Patienten zu lindern, sondern um Personalkosten zu sparen, kritisiert Glaeske.

Der Sprecher der Sozialbehörde, Bernd Schneider, empfiehlt Angehörigen einen kooperativen Umgang mit der Einrichtung und den Pflegekräften. "Zu Pflegemängeln kann es immer wieder kommen. Wenn Konflikte auftreten, ist es wichtig, keine Feindbilder aufzubauen, sondern zu versuchen, die Situation der anderen Seite zu verstehen und so zu Lösungen im Interesse der Pflegebedürftigen zu kommen." Mitunter würden die Angehörigen auch über das Ziel hinausschießen und überzogene Vorstellungen von dem haben, was die Pflege in einem Heim zu leisten in der Lage sei.

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