Freie Kunst hinter Gittern

Gewaltpräventionsprojekt der Kunsthalle Bremen

Schlüssel, die sich in Schlösser schieben. Türen, die aufgestoßen werden von Männern in Uniformen und die donnernd wieder zuknallen. Dina Kopers und Regina Pietzuch-Babovic leiten einen Kursus für Häftlinge an der Schule auf dem Gelände der JVA.
13.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Tobias Meyer
Gewaltpräventionsprojekt der Kunsthalle Bremen

Dina Koper freut sich auf die Fortsetzung ihrer künstlerischen Arbeit mit Häftlingen der JVA Oslebshausen.

Christina Kuhaupt

Schlüssel, die sich in Schlösser schieben. Türen, die aufgestoßen werden von Männern in Uniformen und die donnernd wieder zuknallen. Dina Kopers Arbeitsweg führt von der Schleuse, in der sie Personalausweis und Handy abgeben muss, zur nächsten, in der sie auf Metallgegenstände überprüft wird. Heute hat sie ein Klappmesser dabei. Das muss weg, natürlich. Dann geht es weiter. Nach neun Türen steht sie schließlich in der Cafeteria der Justizvollzugsanstalt Oslebshausen (JVA).

Beim ersten Mal, vor knapp zwei Jahren, hatte sie Angst; hatte sie den Finger immer am Notfalltelefon, das Alarm auslöst, sobald sie einen roten Knopf drückt. Jetzt freut sich Dina Koper, weiterhin in den Knast kommen zu dürfen: Ihr Projekt wurde am Donnerstag für anderthalb Jahre verlängert.

Koper ist Künstlerin und Kunstpädagogin. Gemeinsam mit Regina Pietzuch-Babovic leitet sie einen Kursus für Häftlinge an der Schule auf dem Gelände der JVA. Ursprünglich sollte das Projekt „Gewaltprävention durch kulturelle Bildung“ nur drei Monate dauern. Am Ende wurden die Werke beim Kooperationspartner, der Kunsthalle Bremen, ausgestellt. „Ich wusste zuerst überhaupt nicht, was mich erwartet“, sagt Koper. Doch ihre Bedenken und Zweifel legen sich schnell. Sie findet Kontakt zu den acht Häftlingen, die sich beteiligen. „Und plötzlich war das Projekt für mich das Überwältigendste und Überraschendste, das ich je für die Kunsthalle durchführen durfte.“

Auch die Häftlinge entdecken in diesen drei Monaten, dass sich ihre Gedanken, ihre Ängste, ihre Aggressionen in Kunst umsetzen lassen. „Da liegt eine künstlerische Ader in den Teilnehmern, die ganz tief verschüttet war und freigelegt wurde“, sagt Carsten Bauer, Leiter der JVA. Die meisten sind in ihrem Leben oft gescheitert und haben kaum Erfolgserlebnisse gehabt. „Und dann stehen sie vor dem Bild, dass sie selbst gezeichnet haben, und sehen: Ich kann etwas.“ Er selbst habe beobachten können, wie sich Gefangene emotional plötzlich öffneten und wie sich auch die Sicht der Beamten in ihrem Umfeld auf sie veränderte, so Bauer.

Also wird das Projekt nach Ablauf der drei Monate Mitte 2013 weitergeführt – anderthalb Jahre, mit Unterstützung der VGH-Stiftung. In deren Vorstand sitzt Frank Müller, der das Gefängnis gut kennt: er selbst war oft hier, als Anwalt. „Ich habe hier mit vielen Mandanten gesprochen“, sagt er. „Und mir ist aufgefallen, dass viele von ihnen Schwierigkeiten hatten, sich mit Worten auszudrücken.“ Oft besteht aber das Bedürfnis nach Ausdruck, und nicht selten äußert er sich in Gewalt, weiß Matthias Stauch, Staatsrat für Justiz. „Durch das Kunstprojekt werden die Gefühle kanalisiert und konstruktiv statt aggressiv ausgedrückt“, sagt er.

Eine Erfahrung, die auch Dina Koper machte. „Mit 15 Jahren war ich weit entfernt von jeder Form von Kultur“, sagt sie. Sie schmeißt die Schule, tingelt durch Europa, wandert irgendwann in die USA aus. Dort habe sie viele schlimme Dinge erlebt, wäre beinahe Abwege gekommen. Bis sie schließlich mit 22 Jahren ein Studium der Freien Kunst aufnimmt und einen Weg findet, ihre schlechten Erfahrungen zu verarbeiten. „Für Kunst sind traumatische Erlebnisse ein unglaubliches Potenzial“, hat sie festgestellt.

Ein Potenzial, dass sie auch immer wieder bei den Projektteilnehmern entdeckt. Mit ihnen ist sie aufgrund ihrer Erfahrungen auf einer Augenhöhe. Manchmal vertrauen sich ihr Häftlinge an, manchmal liest sie die Gefühle aus den Bildern. „Kunst ist ein Sprachrohr“, sagt Hartwig Dingfelder von der Kunsthalle Bremen. Die Kultureinrichtung unterstütze das Projekt vor allem aus einem Grund: „Wir wollen Menschen erreichen, die den Weg in die Kunsthalle sonst nicht finden.“

Die bisher entstandenen Bilder zeigen Selbstporträts der Gefangenen oder Motive, in denen Menschen sich mit Blumen bewerfen anstatt mit Steinen. In fast allen Malereien der ersten Aktion sind Mauern, Gitterstäbe, Fäuste zentrale Elemente. Was sich nun in der zweiten Projektverlängerung ergibt, die gestern durch die Förderung der VGH-Stiftung und der Kooperationsstelle Kriminalprävention Bremen ermöglicht wurde, bleibt abzuwarten: Sie steht unter dem Motto „Picasso meets the Streets“. Dabei sollen zwölf Gefangene in den kommenden anderthalb Jahren ihre Straßenerfahrung in Kunst umsetzen können.

Das jetzt startende Projekt der Kunsthalle Bremen, das in Zusammenarbeit mit der Arbeiterwohlfahrt entwickelt wurde, enthält zudem einen Projektteil an der Gesamtschule West: Gewaltbereite Jugendliche und junge Menschen ohne Hafterfahrung werden von Haftentlassenen betreut. Dabei werden Street-Art-Workshops eingerichtet und ein groß angelegtes Wandbildprojekt an der Schulmauer vorbereitet.

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