Erfahrungen aus der Vergangenheit sorgen für Verunsicherung unter den Mietern Gewosie verkauft 80 Wohnungen

Bezahlbarer Wohnraum – auch und gerade für Bezieher niedrigerer Einkommen – ist ein immer drängenderes Thema. Die Notwendigkeit des sozialen Wohnungsbaus wird praktisch täglich erklärt, der politische Wille permanent bekräftigt. Die Realität hinkt allerdings solchen Bekundungen hinterher. Wo es tatsächlich nach Investitionen aussieht, bleibt oft nur der Frust von Bewohnern und Politik über nicht gehaltene Versprechen, kaum erreichbare Ansprechpartner oder Sanierungsmaßnahmen im Schneckentempo.
04.02.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christina Denker

Bezahlbarer Wohnraum – auch und gerade für Bezieher niedrigerer Einkommen – ist ein immer drängenderes Thema. Die Notwendigkeit des sozialen Wohnungsbaus wird praktisch täglich erklärt, der politische Wille permanent bekräftigt. Die Realität hinkt allerdings solchen Bekundungen hinterher. Wo es tatsächlich nach Investitionen aussieht, bleibt oft nur der Frust von Bewohnern und Politik über nicht gehaltene Versprechen, kaum erreichbare Ansprechpartner oder Sanierungsmaßnahmen im Schneckentempo.

Blumenthal. Die Gewosie Wohnungsbaugenossenschaft hat in diesem Monat 80 Wohnungen in der Rudolf-Breitscheid-Straße und in der Gösper Straße verkauft. Der neue Besitzer der Immobilien ist die Firma "Wüstefeld Bremen-Nord GbR" mit Sitz in Hamburg. Nach Angaben von Axel Utrata vom Vorstand der Gewosie wird sich an den bestehenden Mietverträgen allerdings nichts ändern, diese "würden auf dem Niveau der derzeitigen Miete fortgesetzt", versichert er. Dem Käufer gehe es um eine dauerhafte Wertanlage, eine Neugestaltung der Häuser sei bereits in Planung, betont er.

Wenn es so kommt, können sich die Bewohner freuen. Trotzdem herrscht eine allgemeine Verunsicherung, die sich aus Projekterfahrungen an anderer Stelle speist; aus Erfahrungen, die Mieter in der Richard-Jung-Straße machen mussten: 2011 hat die Gewosie dort rund zehn Wohnblöcke verkauft. Neuer Besitzer der Gebäude ist die HWP Verwaltungs-GmbH. Nach dem Besitzerwechsel haben sich die Mieter verraten und verkauft gefühlt, wie sie seinerzeit sagten. Und das nicht nur deswegen, weil die Gewosie die Gebäude ohne Vorwarnung verkauft hatte. Die Bewohner fürchteten, mit ihrem neuen Vermieter an eine "Heuschrecke" geraten zu sein.

Dieser Verdacht erhärtete sich, als herauskam, dass sich hinter der Firmenadresse im schleswig-holsteinischen Steuerparadies Norderfriedrichskoog offenbar eine Briefkastenfirma verbarg. Was Geschäftsführerin Saskia Pörschke im vergangenen Jahr auch zugab. Gleichzeitig teilte sie mit, den Geschäftssitz mittlerweile nach Hamburg verlegt zu haben. Nun ist das Unternehmen offenbar erneut umgezogen – und zwar nach Oldenburg.

Nach dem Besitzerwechsel ist vieles schief gelaufen, sagen die Bewohner. Von zufriedenen Mietern und intakten Immobilien, wie sie Pörschke 2011 gegenüber der NORDDEUTSCHEN als tragende Pfeiler ihrer Firmenphilosophie beschrieb, kann nach Angaben des Mietersprechers Volker Menge keine Rede sein. "Hier wohnen immer noch Leute mit kaputten Fenstern", sagt er. Der Nebenkostenabrechnung mangele es außerdem an Transparenz: Die Beiträge für eine Versicherung etwa hätten sich jetzt um rund tausend Euro erhöht – warum das so sei, kann Menge nicht sagen. Die größte Schwierigkeit ist laut Menge, Saskia Pörschke und ihren Mitarbeiter und Verwalter Sören Krüger telefonisch zu erreichen.

Bewohner der Gösper- und der Rudolf-Breitscheid-Straße befürchten nun, dass sich mit dem jüngsten Immobilienverkauf der Wohnungsbaugenossenschaft eine solche Geschichte wiederholen könnte. Bis heute sollen, berichten Insider, die Mieter lediglich von der Gewosie schriftlich über den Verkauf informiert worden sein. Wer und was die "Wüstefeld Bremen-Nord GbR" ist, wissen sie nicht. Nur so viel: Der Firmensitz ihres neuen Vermieters lag in einem Hamburger Villenviertel.

Im Herbst 2012 schilderte das Aktionsbündnis "Menschenrecht auf Wohnen" dem Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen die aktuelle Situation in der Hansestadt: Danach sollen es mittlerweile Tausende in der Hansestadt sein, die bezahlbaren und menschenwürdigen Wohnraum suchten. Im vergangenen Oktober traf sich Böhrnsen mit Vertretern der Wohnungsbauwirtschaft im Bremer Rathaus. Thema war eine sinnvolle Wohnungsbauförderung, bei der auch Menschen mit geringem Einkommen eine Chance auf bezahlbaren Wohnraum hätten. Mit am Tisch saß Landesdiakoniepfarrer Michael Schmidt und berichtete von "Bremern, die in verrottenden Häusern leben müssen" und von Investoren, die zu wenig soziale Verantwortung zeigten.

Es regiert der Schimmel

Mieter im Hegeweg in Lüssum können davon ein Lied singen: In den 50er Jahren errichtet, besaßen einige Wohnungen im vergangenen Jahr noch nicht einmal einen Boiler in der Küche, geschweige denn Heißwasserleitungen. Im Keller des Hauses gab es zwar einen sogenannten Waschraum, nur war darin nicht eine einzige Steckdose zu finden. Besitzer der Immobilie ist die "Bremische". Früher städtische Wohnungsbaugesellschaft, ist sie seit Jahren Mitglied der Vitus-Gruppe aus Mönchengladbach.

Auch der Zustand der Wohnungen in der George-Albrecht-Straße in Blumenthal ist teilweise erbarmungswürdig. Vielerorts regiert der Schimmel. Besonders in den kleinen, fensterlosen Bädern, in denen ein altersschwacher Entlüfter kaum noch Feuchtigkeit ziehen kann. Verwaltet werden die Immobilien von vier Gesellschaften, die Mieten werden meistens von Amt bezahlt. Im Internet werden derzeit zwei Gebäude des Komplexes für 780000 beziehungsweise 380000 Euro zum Verkauf angeboten. Der Blumenthaler Beirat indes hat den Vorstoß unternommen, in der George-Albrecht-Straße die Gewoba als Partner zu holen, und den Bausenator aufgefordert, sich dafür einzusetzen. Wegen ihrer Sanierungserfahrung sei die stadteigene Gesellschaft ein guter Partner, meint der Beirat. Außerdem sei die Gewoba einen Vermieter, der den sozialen Wohnungsbau repräsentiere. Bisher, sagt Ortsamtleiter Peter Nowack, habe es von der Gewoba noch keine Antwort gegeben.

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