Christiane Brunnée schreibt Lebensgeschichten von Privatleuten auf

Ghostwriterin für Biografien

Oberneuland/Altstadt. Zuhören. Einfach mal in Ruhe zuhören, wie das Leben so gespielt hat.
09.03.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Silja Weißer
Ghostwriterin für Biografien

Oberneulanderin Christiane Brunnée: „Mich interessieren vor allem die Wendepunkte und Weichen, die Türen, die zugegangen sind, Schicksalsschläge und Neuanfänge.“

Roland Scheitz

Oberneuland/Altstadt. Zuhören. Einfach mal in Ruhe zuhören, wie das Leben so gespielt hat. Wie es mit einem gespielt hat. Oder wie es gegen einen gespielt hat. Das ist Christiane Brunnées Stärke. Die Oberneulanderin schreibt Lebensgeschichten von Privatleuten auf. Sie bringt sie in Buchform und illustriert sie mit handschriftlichen Notizen der Kunden, mit Briefen, Urkunden, Stammbäumen, mit Fotos und Landkarten.

Für Geschichten, Literatur und Biografien interessiert sich Brunnée schon von Kindesbeinen an. In Kiel studierte die gebürtige Bremerin Germanistik und Literatur. Seit 2013, seit das letzte ihrer drei Kinder aus dem Haus ist, arbeitet sie Vollzeit in ihrer Agentur Textbüro Bremen als Werbetexterin für Geschäftsleute und als Ghostwriterin für Biografien. So bezeichnet sie sich. Denn bei den Aufzeichnungen achtet Brunnée peinlich darauf, sich selbst inhaltlich, aber auch stilistisch im Hintergrund zu halten. „Ich möchte, dass jeder mit seiner Diktion zu erkennen ist, dass nahestehende Personen, die das Buch lesen, sagen: Oh ja, genau so hat er immer gesprochen.“

Die meisten Kunden wenden sich im hohen Alter an Brunnée. Sie treibt der Gedanke an, dass in naher Zukunft wertvolle Lebenserinnerungen zusammen mit ihnen gehen müssen. Sie wollen ihr Wissen als Zeitzeugnis bewahren. Bei einer an Krebs erkrankten Frau habe die Zeit sogar sehr gedrängt, erinnert sich Brunnée.

In der Regel trifft sie sich mit den Kunden über ein halbes Jahr fünf bis zehn Mal in deren heimischen vier Wänden für ein paar Stunden. „Eigentlich erstaunlich, dass diese wenige Zeit schon ausreicht, ein ganzes Leben aufzuschreiben“, wundert sich die Autorin mit Blick auf dicke Bücherstapel und Druckmanuskripte auf ihrem Schreibtisch. Etwa 25 Bücher mit ganz individuellen Lebensgeschichten hat sie bereits verfasst. Dicke und dünne, aufwändig gestaltete und eher schlichte Exemplare. Ab etwa 2000 Euro ist ihre Dienstleistung zu haben – auch 10 000 können es schon mal sein.

Um den Redefluss ihres Gegenübers in Gang zu bekommen, hat Brunnée so ihre Tricks. Mit gezielten Interviewfragen entlockt sie den Kunden entscheidende Informationen. Dabei geht es ihr in erster Linie nicht um ein Resümee oder Erfolge im Leben. „Mich interessieren vor allem die Wendepunkte und Weichen, die Türen, die zugegangen sind, Schicksalsschläge und Neuanfänge“, listet Brunnée auf.

Gerade in solchen Lebenslagen kristallisiere sich heraus, was für ein Mensch das sei, der sich wieder aufrappele, Energien mobilisiere oder Ideen entwickele. Wie schafft es beispielsweise jemand, der aus Ostpreußen geflohen ist und hierzulande als Wir-hatten-was-Leute verspottet wurde, der eine Zeit im Konzentrationslager überstehen musste und Traumatisches erlebt hat, sein Leben neu zu ordnen? Brunnée erzählt mit Respekt und Ehrfurcht vor dieser Generation, die so vieles erlebt hat und so viel Kampfgeist beweisen musste. Bei der Aufarbeitung fließen manchmal Tränen beim Kunden. Ja, ein Stück weit sei sie bei ihrer Arbeit auch Psychologin, meint Brunnée und lächelt nachdenklich. Ein Kunde musste sogar sein Projekt abbrechen, erzählt sie. Zu nah seien ihm die eigenen Erinnerungen gegangen. Heikel sei auch immer der Umgang mit Familienmitgliedern, die totgeschwiegen worden seien. Dann muss Brunnée Fingerspitzengefühl beweisen, eine Metasprache oder Synonyme finden, um den Text nicht durch zu grobe Wertungen oder spitze Bemerkungen abflachen zu lassen. Schließlich solle die Biografie keinen Familienstreit auslösen.

Entscheidend sei deshalb das Geleit am Buchanfang. Hier wird festgelegt, an wen sich das Buch richtet und mit welcher Intention. Die Niederschrift solle keine Abrechnung mit der Nachwelt sein, betont Brunnée. Ein weiteres Problem sei die Wahrheit. Gefühle würden in der Erinnerung nicht selten verklärt, entschuldigt oder verschwiegen. Beim Schreiben nimmt sich die Autorin die nötige Ruhe. Tonaufnahmen des Interviews erleichtern es ihr, sich in die beschriebene Person hineinzuversetzen. „Ich spüre sie durch ihre Stimme quasi im Raum“, erzählt sie. Bei Erinnerungsfragmenten macht sich Brunnée an die Recherche. Zum Beispiel, wenn nur eine Textzeile eines Liedes im Gedächtnis haften geblieben ist. „Dann lasse ich mir schon mal vom Heimatverein plattdeutsche Lieder vorsingen“, berichtet sie.

Und ihre eigene Geschichte als Buch? Brunnée, Jahrgang 1962, winkt ab, überlegt dann aber laut: „Vielleicht die meiner Mutter, das ist ja auch ein Stück weit meine Geschichte.“

Weitere Informationen zum Textbüro von Christiane Brunnée gibt es im Internet unter www.textbuero-bremen.de oder unter Telefon 205 22 46.
„Mich interessieren vor allem die Wendepunkte und Weichen.“ Christiane Brunnée
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