Was im Notfall zu tun ist

Gefahr für Vierbeiner: Giftköder in Bremen

Fleischstücke, versetzt mit Gift, Rasierklingen oder Nadeln, sind in den vergangenen Wochen immer wieder im Bremer Stadtgebiet ausgelegt worden. Viele Hundebesitzer fragen sich: Wer tut so etwas?
10.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Simon Wilke

Fleischstücke, versetzt mit Gift, Rasierklingen oder Nadeln, sind in den vergangenen Wochen immer wieder im Stadtgebiet ausgelegt worden. Tierhalterinnen und -halter, insbesondere die von Hunden, warnen mit Aushängen an Laternen oder Zäunen vor der Gefahr. Sie vernetzen sich in Facebookgruppen, posten Bilder von gefundenen Ködern in Blockdiek, Rekum oder der Neustadt. Viele von ihnen nutzen Apps wie DogGuard und PetLEO, die Mitteilungen senden, wenn auf den üblichen Gassirouten Köder gemeldet wurden. Oft können die Menschen eingreifen, bevor ihre Tiere zuschnappen, doch die Unsicherheit bei den Betroffenen ist groß. Und viele fragen sich: Wer tut so etwas?

Wie reagieren Betroffene?

Kerstin Körner ist Besitzerin dreier Beagles und wohnt in der Neustadt. Hier wurden in den vergangenen Wochen immer wieder Köder gefunden – Mettwürste, aus denen Klingen herausragten, mit Nägeln gespickte Schnitzel oder mit Gift präparierte Frikadellen. „Fast in jedem Frühjahr wird so etwas ausgelegt“, sagt Körner. Sie selber gehe schon gar nicht mehr durch die Grünzüge in ihrem Stadtteil. Zu groß sei die Angst, dass einer ihrer Hunde etwas verschluckt. Auch sie hat sich online mit anderen Hundehaltern vernetzt. Bei allen ist der Frust groß. Körner: „Wir Hundehalter zahlen 150 Euro Steuern für einen Hund, und wir bekommen nicht mal kostenlose Kotbeutel. Auch Auslaufflächen gibt es kaum. Man wird bepöbelt, wenn der Hund irgendwo schnuppert, und nun werden unsere Hunde auch noch vergiftet.“

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Kerstin Körner hat bereits mehrere Funde der Polizei gemeldet. Und die sei aktiv geworden, vor allem, nachdem Körner online von einem Unbekannten bedroht wurde. Sie solle besser gut auf ihre drei Hunde aufzupassen, riet ihr der Verfasser einer Nachricht. Ärger über nicht entfernte Hinterlassenschaften oder freilaufende Hunde zur Brut-und-Setzzeit kann Körner verstehen. „Nicht alle Hundehalter verhalten sich, wie sie müssten“, sagt sie, „aber das nervt auch diejenigen, die sich an die Regeln halten.“ Und das sei kein Grund, Tiere qualvoll sterben zu lassen.

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Was erwartet die Täter?

Die Polizei kennt das Problem. Genaue Zahlen zu gemeldeten Fällen habe man zwar nicht, aber: „Es kommt immer wieder vor, dass Giftköder ausgelegt werden“, sagt Sprecherin Franka Haedke. Zuletzt gab es Anzeigen aus der Neustadt und Bremen-Nord. Die Ermittler verfolgen die Meldungen. Kristallisieren sich lokale Schwerpunkte heraus, werde die Präsenz in den betroffenen Bereichen erhöht, sagt Haedke. Neben zivilrechtlichen Forderungen der Tierhalter, wie beispielsweise der Ersatz von Tierarztkosten, müssen die Täter auch mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen, wenn sie erwischt werden. „Wer einem Hund erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt, begeht eine Straftat nach dem Tierschutzgesetz“, sagt Haedke. Es drohe eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

Das Entdeckungsrisiko für die Täter ist allerdings eher gering. „Wenn Köder unbemerkt ausgelegt wurden, kann der Täter sich meist unerkannt vom Tatort entfernen. Es gib keine Personenbeschreibungen und somit Hinweise auf den Täter“, sagt die Polizistin. Den Hundehaltern rät sie, die Vierbeiner beim Spaziergang unbedingt im Auge zu behalten. Und noch etwas: Wer etwas findet, soll möglichst nichts anfassen. „Rufen Sie die Polizei, wenn Sie verdächtige Beobachtungen diesbezüglich gemacht haben. Die Polizei hat betroffene Stadtteile verstärkt im Blick.“

Wer tut so etwas?

Diese Frage stellen sich Polizei und Hundehalter gleichermaßen. Dietmar Heubrock ist Rechtspsychologe an der Universität Bremen, forscht unter anderem zu Tierquälerei und befasst sich mit dem Thema Profiling. Den typischen Giftköder-Ausleger gibt es allerdings nicht, sagt er: „Das sind in der Regel keine Psychopathen, sondern Menschen, die davon überzeugt sind, dass ihre individuellen Rechte mehr Wert sind, als die Belange anderer Menschen oder Tiere.“ Begünstigt werde das durch die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. „Der Anteil der Personen, die abstruse Meinungen haben und absolut davon überzeugt sind, recht zu haben, nimmt insgesamt zu“, sagt er. Im Klartext: Auch die Nachbarin, die immer so nett mit ihren Kindern spielt, kann abends Giftköder am Wegesrand platzieren.

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Heubrock ist sich sicher: „Jeder kann zum Täter werden, wenn ihm das Thema individuell wichtig genug ist.“ Er führt ein Beispiel an, dass das verdeutlichen soll: Mobbingaktionen in Schulen. „Da führt ein nichtiger Anlass dazu, dass Kinder unter Umständen in den Suizid getrieben werden. Die Täter sind aber meist ganz normale Menschen, die irgendwann aufgehört haben zu reflektieren, was sie da eigentlich tun.“ Um zu verhindern, dass sich die Emotionen immer weiter hochschaukeln, brauche es Impulse von außen. Oft helfe nur, Druck aus schwelenden Konflikten zu nehmen, aber: „Ein Patentrezept gibt es nicht, man kann nur versuchen zu deeskalieren, sonst dreht sich die Spirale weiter.“

Was rät der Tierarzt?

Andreas Koppe führt eine Kleintierpraxis in Grolland. Er kennt das Problem ausgelegter Köder, auch, wenn er in seiner Arbeit nicht häufig damit konfrontiert wird. „Die wenigsten Hunde kommen mit Vergiftungen zu uns, die durch Köder hervorgerufen wurden“, sagt er. Die großen Tierkliniken hätten zwar häufiger mit solchen Fällen zu tun, aber das größere Problem seien Gifte, die nicht gezielt für Hunde ausgelegt werden. „Bei Vergiftungen ist die Regel, dass die Tiere etwas gefressen haben, das gegen Ratten oder Schnecken im eigenen Garten verteilt wurde“, erklärt Koppe. Doch egal, welches Gift: Ist es geschluckt, ist Eile geboten: Etwa eine halbe Stunde Zeit habe man, um effektiv reagieren zu können, sagt der Arzt. Die Tiere würden dann geröntgt und zum Erbrechen gebracht. Koppes Faustregel: Was reingeht, geht auch wieder raus – und zwar auch scharfe Gegenständen, wie Scherben oder Klingen.

Oft merken die Tierhalter aber gar nicht, dass ihr Hund Gift aufgenommen hat. Koppe: „Das Problem in solchen Fällen ist, dass die Hunde deutliche Symptome oft erst nach ein paar Tagen zeigen. Sie werden schlapp, bekommen einen harten Bauch, haben Schmerzen. Durch das Gift verbluten sie innerlich.“ Wer dann erst zum Arzt geht, kommt häufig zu spät. Aber Koppe hat einen Rat für Hundebesitzer, die vermuten, dass ihr Tier Gift verschluckt haben könnte. „In der Apotheke gibt es rezeptfrei Vitamin K. Das kann man bedenkenlos über drei bis fünf Tage verabreichen“, sagt Koppe. Das Vitamin unterstütze die Blutgerinnung der Tiere. Und er fügt an: „Im Zweifel sollte man immer zum Tierarzt gehen.“

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