Pflaster oder Asphalt?

Glaubenskrieg um das Kopfsteinpflaster im Viertel

Lange tobte im Viertel ein Glaubenskrieg um die Frage: Pflaster oder Asphalt? Seit Ende Februar gehen die Kontrahenten in Bremen in monatlichen Sitzungen eines Runden Tisches aufeinander zu.
19.05.2018, 17:27
Lesedauer: 4 Min
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Glaubenskrieg um das Kopfsteinpflaster im Viertel
Von Sigrid Schuer
Glaubenskrieg um das Kopfsteinpflaster im Viertel

Streitpunkt: das Kopfsteinpflaster im Bremer Ostertor-Viertel

dpa

„Wir sind auf einem sehr guten Weg!“ Zu diesem Fazit kommen Klaus Schloesser von der Bürgerinitiative „Pflaster oder Asphalt“, Baustaatsrat Jens Deutschendorf sowie Kai-Ole Hausen, der den Runden Tisch „Pflaster oder Asphalt“ moderiert. Bis zur Implementierung des Runden Tisches tobte im Viertel ein Glaubenskrieg zwischen den Befürwortern der Bewahrung des historischen Kopfsteinpflasters und den Anhängern der Verlegung von Asphalt.

Zwar gebe es noch keine Garantie, dass sich alles harmonisch fügen werde, so Schloesser, die Aussichten dafür seien aber zumindest gut. Denn nun sitzen sie alle gemeinsam an einem Runden Tisch, Kommunalpolitiker aller in der Bürgerschaft vertretenen Fraktionen, Viertelbürgermeisterin Hellena Harttung, Baustaatsrat Jens Deutschendorf, der Bremer Landesbehindertenbeauftragte Joachim Steinbrück, Vertreter des ADFC und der Architektenkammer Bremen.

Konsens ist es, dass die bisherigen Opponenten aufeinander zugehen müssen, das auch tun und sich dabei in andere hineinversetzen. Und darin liege eine große Chance, resümiert Kai-Ole Hausen. Ein besonders markantes Beispiel sei der gemeinsame Spaziergang mit dem Landesbehindertenbeauftragten Joachim Steinbrück durch das Viertel gewesen, resümiert Klaus Schloesser.

Gespräch über das Thema Kopfsteinpflaster im Ostertor, in der Baubehörde - vl. Klaus Schloesser, Kai Ole Hausen und Baustaatsrat Jens Deutschendorf

Runder Tisch mit Klaus Schloesser (von links) von der Bürgerinitiative, Moderator Kai-Ole Hausen und Baustaatsrat Jens Deutschendorf.

Foto: Frank Thomas Koch

Er kurvte gemeinsam mit anderen Vertretern des Runden Tisches im Selbstversuch per Rollstuhl oder Rollator durch das Viertel und hatte dabei mit so mancher Widrigkeit zu kämpfen. Die Bürgersteige sind eng, haben oft eine problematische Neigung und sind zudem oft von Autos und angeschlossenen Fahrrädern zugeparkt.

Alle Chancen für Blinde und Rollstuhlfahrer

Hinzu käme ein Slalom um Hindernisse wie Mülltonnen und Werbeschilder, sodass Rollstuhlfahrern oft keine andere Möglichkeit mehr bliebe, als auf das Pflaster auszuweichen. „Man ahnt das ja, aber es ist noch einmal etwas anderes, das am eigenen Leib zu erfahren. Ich gehe jetzt anders durch das Viertel als vor vier Wochen. Solche Erfahrungen in unserem doch sehr quirligen Quartier sind sehr hilfreich. Und wir müssen immer mitdenken, dass möglichst alle die Chance haben, möglichst gut durch das Viertel zu kommen, auch Rollstuhlfahrer, Blinde und Sehbehinderte“, resümiert Schloesser.

Für Blinde bestünden bei der Verlegung sogenannter taktiler Elemente noch einmal ganz andere Herausforderungen. Denn kontraproduktiv sei in diesem Zusammenhang, wenn sich alle 20 Meter der Straßenbelag ändere. Eine gewisse Einheitlichkeit in der Materialität sei da deutlich besser.

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Zu klugen Kompromissen finden

„Wir peilen einen Kompromiss beziehungsweise einen nachhaltigen Konsens an, der über den Tag hinaus für die nächsten zehn bis 20 Jahre trägt und auch funktioniert. Den Mitgliedern des Runden Tisches geht es darum, die Dauerkonfliktsituation zu entschärfen“, sagt Schloesser. Insofern könnten die Ergebnisse des Runden Tisches, die, so ist es geplant, in der zweiten Juni-Hälfte der Öffentlichkeit vorgestellt werden sollen, durchaus auch Modellcharakter für andere Bremer Quartiere haben, die von der Pflaster-Problematik betroffen sind.

Bis es soweit ist, wird die Sicht aus der Perspektive der Bürgerbeteiligung und des Amtes für Straßen und Verkehr in zwei weiteren Sitzungen miteinbezogen. Zum Abschluss wird am 15. Juni ein Workshop veranstaltet, bei dem auf einer großen Karte festgehalten werden soll, welche Modelle für welche Straßen denkbar sind. „Nichts liegt uns ferner, als jemanden zu bevormunden. Wir möchten lediglich Angebote machen, in dieser komplexen Debatte zu klugen Kompromissen finden und nicht eine Straßenkarte für die ganze Stadt erstellen“, betonen die Mitglieder des Runden Tisches.

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Per Deputations- beziehungsweise Bürgerschaftsbeschluss solle das Ganze dann auf ein sehr breites Fundament gestellt werden: „Wir sind auf das Wohlwollen der politischen Entscheider angewiesen“, so die Mitglieder des Runden Tisches. Stichwort Bürgerbeteiligung: In diesem Zusammenhang sei interessant, dass Vertreter des Amtes für Landesdenkmal-Pflege festgestellt hätten, dass auch der Wunsch vieler Viertelbewohner, ihr Quartier noch grüner zu machen, aus denkmalpflegerischer Sicht durchaus problematisch sein kann.

Baumnasen ließen sich nicht so gut mit den historisch gewachsenen Sichtachsen vereinbaren, so Kai-Ole Hausen. „Eine entscheidende Rolle spielt auch, welche Funktionen die Straßen im Viertel haben, ob es sich um Anrainer- oder Zubringer-Straßen handelt, durch die der Verkehr durch das Quartier durchgeleitet wird“, räumt Jens Deutschendorf ein.

Konsens zwischen dem Baustaatsrat, Klaus Schloesser und Kai-Ole Hausen besteht darin, dass Bremen schon immer eine Vorreiterrolle als Fahrradstadt hatte, wie mit dem Anlegen von Fahrradstraßen und dem Implementieren von Fahrradquartieren. „Der erste Angebotsstreifen stammt sogar schon aus dem 19. Jahrhundert und befindet sich in der Linienstraße. Dort sind drei Pflasterreihen relativ schmal parallel nebeneinander verlegt worden. Damit ist Bremen die erste Stadt in Europa, die an die Fahrradfahrer gedacht hat“, erzählt Schloesser.

Viertel hat eine spannende Funktion

Sogenannte Angebotsstreifen werden in der Mitte von Kopfsteinpflasterstraßen verlegt, um zu verhindern, dass die Fahrradfahrer bei Regen auf den glatten Steinen wegrutschen. „Momentan lernen wir täglich dazu. Es gibt viele verschiedene Varianten, wie sich Fahrradfreundlichkeit und Barrierearmut mit dem historischen Stadtbild vereinbaren lassen“, räumen die Mitglieder des Runden Tisches ein.

Als ein maßgeblicher Ideengeber für die Entwicklung einer ganz eigenen Bremer Lösung fungierte der Landschaftsplaner Christoph Theiling vom Büro Protze und Theiling, der in anderen Fahrradfahrer-Städten wie Freiburg und Oldenburg bereits Straßen gestaltet hat. So habe Oliver Platz, Präsident der Architektenkammer, aus Hannover ein Modell der sogenannten gestockten Pflaster-Steine mitgebracht, die sich gegenseitig besseren Halt geben, aber bei Regen nicht so rutschig seien wie Steine aus Basalt.

„Wobei klar sein muss, dass nicht jede Straße dieses konische Kopfsteinpflaster bekommen kann, denn das wäre nicht bezahlbar“, räumt Baustaatsrat Jens Deutschendorf ein. „Das Viertel hat als Mittelzentrum eine spannende Funktion in puncto Wohnkultur und Tourismus."

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