Kontroverses Weihnachtsinterview Glaubensmärchen und Marienverehrung

Zwei Kirchen, zwei Arten, Weihnachten zu feiern: Die evangelische und die russisch-orthodoxe Kirche unterscheiden sich nicht nur, was den Termin des Weihnachtsfestes angeht. Ein Doppelinterview.
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Glaubensmärchen und Marienverehrung
Von Kathrin Aldenhoff

Zwei Kirchen, zwei Arten, Weihnachten zu feiern: Die evangelische und die russisch-orthodoxe Kirche unterscheiden sich nicht nur, was den Termin des Weihnachtsfestes angeht. Kathrin Aldenhoff hat mit Pastorin Isabel Klaus von der evangelischen Gemeinde St. Remberti und Alexander Bertash, dem Erzpriester der russisch-orthodoxen Kirche in Bremen, über die kleinen und großen Unterschiede gesprochen.

Was wissen Sie über das Weihnachtsfest des jeweils anderen?

Isabel Klaus: Ihr feiert Weihnachten ein bisschen später, oder?

Alexander Bertash: Das stimmt, das Weihnachtsfest wird in der russisch-orthodoxen Kirche 13 Tage später gefeiert. Wir rechnen nach dem Julianischen Kalender und feiern Weihnachten in der Nacht vom 6. auf den 7. Januar.

Was wissen Sie über das evangelische Weihnachtsfest, Herr Bertash?

Alexander Bertash: Soweit ich weiß, wird der Gottesdienst anders gefeiert. Es wird mehr gesprochen, mehr gepredigt.

Isabel Klaus: Und die orthodoxe Kirche singt mehr, richtig?

Alexander Bertash: Ja, genau. Also das ist ein Gebetsgesang. Der Gottesdienst wird dadurch länger.

Isabel Klaus: In Istanbul war ich in der griechisch-orthodoxen Kirche, da dauerte der Gottesdienst mehrere Stunden. Gibt es bei euch eine Predigt?

Alexander Bertash: Ja, aber sie ist kurz. Sie dauert nur etwa 20 Minuten.

Isabel Klaus: Kurz? 20 Minuten?

Sechs Stunden kann ein Weihnachtsgottesdienst in der russisch-orthodoxen Kirche schon mal dauern. Während des Gottesdienstes stehen die Gemeindemitglieder – das ist aber keine Pflicht, wer nicht mehr stehen kann, darf sich auch hinsetzen. In der evangelischen Kirche dauern die Gottesdienste zu Weihnachten nicht so lange, dafür werden in St. Remberti am 24. Dezember vier Gottesdienste nacheinander gefeiert.

Wie lang dauert die Predigt in der evangelischen Kirche?

Isabel Klaus: Zehn oder maximal 15 Minuten. Man ist es heute nicht mehr gewohnt, so lange einer Rede zuzuhören. Das muss spannend sein, kurz und bündig. Und es stimmt, wir reden mehr. Musik und gesprochenes Wort machen bei uns jeweils die Hälfte des Gottesdienstes aus.

Was ist am Weihnachtsgottesdienst das Wichtigste?

Alexander Bertash: Die Kommunion ist das zentrale Element, das Ziel jedes Gottesdienstes. Und im Zentrum des Feiertages steht das Kommen Jesu Christi in die Welt.

Und in der evangelischen Kirche?

Isabel Klaus: Die Weihnachtslieder, die Weihnachtslesung und die Predigt. Die ist sehr wichtig. Es ist die wichtigste Predigt im ganzen Jahr.

Weil sie, anders als sonst, so viele Leute hören?

Isabel Klaus: Nein, das liegt an der Bedeutung von Weihnachten. Es ist das Fest, an dem die ganze Familie zusammenkommt. Manche kommen nur einmal im Jahr, an Weihnachten. Und dann wollen sie hören, ob das mit der Kirche noch sinnvoll ist.

Ist es bei Ihnen in der Kirche auch so, dass viele nur an Weihnachten kommen und dann etwas Besonderes erwarten?

Alexander Bertash: Zu uns kommen einige zweimal im Jahr, an Ostern und an Weihnachten. Der Gottesdienst an Weihnachten ist besonders schön und besonders feierlich. Die Sänger bereiten sich lange darauf vor, denn so wird nur einmal im Jahr gesungen. Wahrscheinlich ist das eine Gemeinsamkeit zwischen unseren Kirchen, dass es einigen Menschen reicht, einmal oder zweimal im Jahr in die Kirche zu gehen, um sich als Gemeindemitglied zu fühlen.

Das ist gleich bei Protestanten und Russisch-Orthodoxen: Weihnachten ist nach Ostern das zweitwichtigste Kirchenfest.

Frau Klaus, was wollen Sie den Menschen an Weihnachten vermitteln?

Isabel Klaus: Ich schreibe seit mehreren Wochen an der Predigt. Die Welt ist unruhig. Es gibt viele Probleme: Flüchtlingskrise, Militäreinsatz in Syrien, Terror. Ich habe mich dieses Jahr entschieden, nicht primär politisch darauf einzugehen. Eine Predigt soll ja vor allem eine religiöse Rede sein. Ich will meinen Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern die Möglichkeit geben, durchzuatmen, das Nachrichtenkarussell abzuschalten und sich auf das eigene Leben zu besinnen. Oft verschwindet das kleine private Leben hinter den Nachrichten. Aber dieses kleine private Leben braucht auch seinen Raum und hat seine eigenen Sorgen. Und da versuche ich eine Balance herzustellen.

Alexander Bertash hört aufmerksam zu, ist der Pastorin zugewandt, nickt. Die Stimmung ist entspannt, beide stellen kurze Nachfragen zu Details der anderen Kirche, die sie nicht so genau kennen.

Herr Bertash, wissen Sie schon, worum es in Ihrer Predigt gehen wird?

Alexander Bertash: Das Ziel meiner Predigt ist da sehr ähnlich. Die Kirche ist kein Ort für politische Angelegenheiten.

Politische Themen werden in der Predigt also nicht vorkommen?

Alexander Bertash: Nein.

Frau Klaus, Sie sehen Herrn Bertash gerade etwas befremdet an.

Isabel Klaus: Bei uns kann man das nicht komplett ausschalten. Die Erwartungshaltung der Menschen ist, dass der Pastor oder die Pastorin etwas dazu sagt. Kirche hat ja ohnehin das Problem, dass sie oft weltfremd rüberkommt. Wenn sie an Heiligabend die Welt ausklammert, fehlt etwas.

Alexander Bertash: Ich sehe das anders. Die Menschen sind in ihrem Alltag schon so sehr mit Politik umgeben. Die Zeit, die sie in der Kirche verbringen, ist die Möglichkeit, ihre Aufmerksamkeit auf andere wichtige Dinge zu lenken. Nämlich auf das, was im Evangelium steht. Das versuche ich in meinen Predigten. Der Gottesdienst soll ein ruhiger Hafen sein, in dem man sich von dem, was im Fernseher passiert, erholen kann.

Isabel Klaus will wissen, wie viele Gemeindemitglieder die russisch-orthodoxe Kirche hat. Das ist aber schwer zu sagen, weil die Gemeindemitglieder keine Steuern zahlen, anders als in der evangelischen oder der katholischen Kirche. Eine Statistik ist deshalb schwierig. St. Remberti hat etwa 8000 Gemeindemitglieder, Alexander Bertash schätzt, dass seine Gemeinde auf etwa 900 Mitglieder kommt.

Ist es für Sie als Pastorin traurig, dass so viele Menschen nur an Weihnachten in die Kirche kommen?

Isabel Klaus: Nein, in der Gemeinde St. Remberti sind die Gottesdienste immer gut besucht. Klar, an Weihnachten ist es besonders voll. Die Menschen kommen ja nicht aus Langeweile, sondern weil sie etwas wollen. Die Kirchen werden oft kritisiert, dass sie Dinge predigen, die die Menschen nicht brauchen.

Was brauchen die Menschen denn Ihrer Meinung nach?

Isabel Klaus: Das ist sehr unterschiedlich und lässt sich nicht konkret benennen, aber ich habe den Anspruch an mich selbst, nicht in eine Seichtigkeit abzudriften. Wir lesen im Gottesdienst die Weihnachtsgeschichte. Dabei weiß jedes Kind, dass Maria keine Jungfrau war und der Heilige Geist nicht für ihre Schwangerschaft verantwortlich ist. Die Weihnachtsgeschichte hat so nicht stattgefunden. Und trotzdem ist sie das große Glaubensmärchen, das seit Jahrhunderten einen hohen Stellenwert im Christentum hat. Aber die Leute wollen eben nicht veräppelt werden. Wir haben die Aufklärung hinter uns und wissen, was an dieser Geschichte wahr ist und was nicht. Und trotzdem feiern wir, weil wir wissen, was uns daran wichtig ist.

Stört es Sie, dass Sie dazu beitragen, dass das Glaubensmärchen, wie Sie es nennen, weiterlebt?

Isabel Klaus: Nein, um Himmels Willen, das stört mich nicht. Aber viele halten sehr streng an der wortwörtlichen Bedeutung der Bibeltexte fest. Das Evangelium darf ihrer Meinung nach nicht kritisch betrachtet werden. Diese Denke ist auch in der evangelischen Kirche verbreitet, aber vor allem in der katholischen und in der russisch-orthodoxen. Da geht es nicht darum, ob die Texte stimmen oder nicht. Sondern darum, dass sie geglaubt werden.

Die russisch-orthodoxe Kirche entstand im Jahr 988 aus dem Christentum, als sich der Herrscher des damals Kiewer Rus genannten Reiches, Wladimir I., nach byzantinischem Vorbild taufen ließ. Im 11. Jahrhundert spalteten sich die östlich-orthodoxe und die römisch-katholische Kirche. Ende des 16. Jahrhunderts löste sich dann die russisch-orthodoxe Kirche vom griechisch-orthodoxen Patriarchat und errichtete ihr eigenes Patriarchat in Moskau. Auch die evangelische Kirche spaltete sich von der katholischen ab: 1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Das Ereignis gilt als Beginn der Reformation, in deren Folge die evangelische Kirche entstand.

Alexander Bertash: In der russisch-orthodoxen Kirche ist die Situation eine andere. Viele hatten in der Sowjetunion keine Möglichkeit, die Bibel zu lesen und zu erfahren. Viele, die jetzt in Deutschland in die russisch-orthodoxe Kirche kommen, kennen das gar nicht aus ihren Heimatländern Russland, Weißrussland, Kasachstan oder der Ukraine. Die Menschen sollen erst einmal die Geschichte aus der Bibel erfahren, bevor man mit der Kritik anfängt.

Isabel Klaus: Ist das Evangelium für Sie immer wahr?

Alexander Bertash: Ja.

Und für Sie?

Isabel Klaus: Nicht immer. Das ist der Punkt.

Die Stimmung wird angespannter, die Pastorin und der Erzpriester sitzen weiter voneinander entfernt, als noch zu Beginn des Gesprächs. Isabel Klaus lehnt sich in die andere Richtung, Alexander Bertash hat die Arme verschränkt.

Alexander Bertash: Wenn ich glaube, dass das Evangelium nicht wahr ist, dann heißt das für mich, dass ich es nicht ganz verstehe. Weil ich noch nicht reinherzig genug dafür bin. Klar, es gibt Übersetzungsprobleme. Aber die Probleme ändern nichts an der grundlegenden Wahrheit des Evangeliums.

Was wäre, wenn Sie die Texte im Gottesdienst kritischer angingen, Herr Bertash? Zum Beispiel die unbefleckte Empfängnis?

Alexander Bertash: Die Tradition der Marienverehrung gibt es seit vielen Jahrhunderten. Sowohl in der russisch-orthodoxen Kirche als auch in der katholischen Kirche. Das ist eine Besonderheit in unserer Kirche, viele Kirchen tragen den Namen der Heiligen Maria. Die Menschen verstehen das mit dem Herzen, nicht nur mit dem Verstand.

Die Sicht kommt in der evangelischen Kirche so nicht vor, oder?

Isabel Klaus: Nein, Maria ist für uns keine Heilige. Sie hat nicht den Status der Gottesmutter. Die evangelische Kirche hat sich

an dem Punkt anders entwickelt als die orthodoxe oder die katholische Kirche. Unter den Evangelen ist so ein strenges Schriftverständnis gar nicht mehr leistbar, weil wir wie erwähnt nicht hinter die Aufklärung zurück können. Die Texte verlieren ja nichts an ihrer Bedeutung, aber man kann trotzdem kritisch mit ihnen umgehen.

Alexander Bertash: Es gibt Unterschiede in den Kulturen, und darin, wie man die Welt versteht. Die slawische Weltansicht zum Beispiel ist wahrscheinlich eine andere als die westeuropäische. Das zeigt nur, dass wir alle verschieden sind. Es gibt verschiedene Wege, den Herrn zu loben.

Weil Weihnachten ist, eine versöhnliche Frage zum Schluss: Wie geht es bei Ihnen nach dem Gottesdienst weiter?

Isabel Klaus: Ich trinke nach dem Gottesdienst mit Freunden und meiner Gemeinde einen Glühwein. Dann feiern wir mit Freunden zu Hause, klassisch mit Weihnachtsbaum, Geschenken, einem Braten und einem schönen Rotwein.

Alexander Bertash: Für uns ist Weihnachten nicht nur ein Familienfest, es kommen auch Freunde zu Besuch und andere Gemeindemitglieder. Weihnachten bedeutet bei uns auch das Ende einer 40-tägigen Fastenzeit, deshalb gibt es zum Fest viel zu essen, auch viel Fleisch. Und auch bei uns gibt es etwas zu trinken. Am ersten Sonntag nach dem 7. Januar feiern wir Weihnachten dann mit den Kindern nach. Mit einem Theaterstück und einem Konzert, Liedern und Gedichten, die sie selbst mit vorbereiten.

Trotz der theologischen Differenzen: Pastorin und Erzpriester geben sich zum Abschied die Hand und wünschen sich gegenseitig ein schönes Weihnachtsfest.

Zu den Personen: Isabel Klaus (38) ist seit fünf Jahren Pastorin in der Gemeinde St. Remberti in Schwachhausen. Ihr Schwerpunkt ist die Arbeit mit jungen Gemeindemitgliedern. Alexander Bertash (52) wurde vom Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche nach Bremen entsandt. Geboren ist er in St. Petersburg, er ist verheiratet und hat vier Kinder.

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