Bremer Wahrzeichen Glockenspiel in Böttcherstraße wird 25 Jahre alt

Zwischen zwei Giebeln eines ehemaligen hanseatischen Kaufmannshauses ist seit 1934 das Glockenspiel der Böttcherstraße installiert – inzwischen schon das dritte. Das wurde im Oktober 1990 in Betrieb genommen.
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Von Liane Janz

Zwischen zwei Giebeln eines ehemaligen hanseatischen Kaufmannshauses ist seit 1934 das Glockenspiel der Böttcherstraße installiert – inzwischen schon das dritte. Das wurde im Oktober 1990 in Betrieb genommen.

Sie kennen jede Glocke, sprechen voller Begeisterung, fast liebevoll von ihren weiß glasierten Nachbarn. Zwischen zwei Giebeln eines ehemaligen hanseatischen Kaufmannshauses ist seit 1934 das Glockenspiel der Böttcherstraße installiert – inzwischen schon das dritte.

Direkt dahinter befindet sich das Archiv der Böttcherstraße und dessen Mitarbeiter Christel Rademacker und Uwe Bölts wissen alles, was es über die 30 Porzellan-Glocken, die Mechanik und die Computertechnik des Spiels zu wissen gibt. Sollte doch mal ein Fakt fehlen, besitzen sie zahlreiche Dokumente, Bilder und Statistiken und können nachschlagen.

Das dritte Glockenspiel wurde im Oktober 1990 in Betrieb genommen. Es ist direkt verbunden mit den farbigen Holztafeln in einem Türmchen zwischen dem Haus des Glockenspiels und dem Roselius-Haus. Zu jeder vollen Stunde spielen die Glocken zwischen den Giebeln zehn maritime Lieder, während zehn Holztafeln Atlantiküberquerer zeigen – „von den Wikingern bis zum Flugzeug“, sagt Christel Rademacker.

Hergestellt wurden die Glocken in der Porzellanmanufaktur in Meißen, sagt Uwe Bölts. Der Experte für das Glockenspiel kennt unzählige Daten, Fakten und Anekdoten: Jede Glocke steht für einen Ton, zusammen schaffen die 30 Glocken rund zweieinhalb Oktaven. Das stelle Pianisten vor eine Herausforderung, erzählt ein Archivmitarbeiter, denn normalerweise haben Lieder mehr als 30 Töne. Die zehn Lieder, die zur vollen Stunde abgespielt werden, mussten deshalb umarrangiert werden. Das hat der Dresdner Musikprofessor Günter Schwarze übernommen.

Dass Pianisten die Glocken zum Klingen bringen ist möglich, weil das Spiel mit einem Keyboard verbunden ist, das im Archiv steht. Zu bestimmten Anlässen spielen Kirchenmusiker darauf, wie beispielsweise der Landeskirchendirektor zum Kirchentag 2009, erzählt Uwe Bölts, der zwei Jahre nach den Glocken seine Arbeit in der Böttcherstraße aufnahm und seitdem auch das Glockenspiel betreut. Neben Kirchenmusikern dürfen auch Ungeübte auf dem Keyboard spielen. Beispielsweise bietet die Bremer Touristik-Zentrale Führungen ins Böttcherstraßen-Archiv an. Dass ein Laie diese Chance nutzt, kommt laut Uwe Bölts selten vor. Häufiger seien Besuche von Sparkassen-Kunden, denn der Großteil der Böttcherstraße und damit auch das Glockenspiel gehören der Sparkassen-Stiftung Bremer Sparer-Dank.

Das Geldinstitut lädt seine Kunden regelmäßig zu Archiv-Führungen ein. 2006, sagt Bölts, hauten Studenten in die Tasten: Die Böttcherstraße richtete gemeinsam mit der Hochschule für Künste einen Kompositionswettbewerb anlässlich 100 Jahre Kaffee HAG aus. Hochschulstudenten schrieben auf das Glockenspiel zugeschnittene Stücke und spielten sie in der Böttcherstraße – manche direkt über das Keyboard, andere über eine Musikdatei. Ein Musiker spielte die Töne in so schneller Abfolge und haute derart enthusiastisch in die Tasten, dass es Uwe Bölts ganz flau im Magen wurde. Die Porzellanglocken überstanden das rasante Stück unbeschadet.

Auch in der Adventszeit oder zu Jubiläen wurde schon von der üblichen Liedfolge abgewichen. Das nächste Mal wird das bei der Feier zum 25. Jubiläum des Glockenspiels am 10. Oktober geschehen. Dann kommt der Bamberger Experte für seltene und mechanische Musikinstrumente, Franz Tröger, in die Böttcherstraße und gibt ein Glockenspielkonzert. Er wird unter anderem Stücke von Joseph Haydn zum Besten geben. Später wird ein Glockenspielkanon uraufgeführt – „sozusagen als Jubiläumsmelodie“, sagt Uwe Bölts.

Angeschlagen werden die Glocken nicht durch einen Klöppel, wie man es beispielsweise von Kirchenglocken kennt, sondern von außen mit einem Kunststoff-Hämmerchen. Das schießt aus einer Vorrichtung hinter jeder einzelnen Glocke heraus und zieht sich sofort wieder zurück, damit die Glocke ungehindert schwingen kann. Einmal im Jahr wird das Konstrukt aus Glocken, Hämmerchen und kupfernem Rankenwerk von einer Fachfirma für Turmuhrentechnik gereinigt und geölt. Der Experte klettert aus dem Archivfenster und putzt und wienert mit seinen Lappen.

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Uwe Bölts hingegen ist – wenn besondere Lieder gespielt werden sollen, für die Bedienung des Computerpanels zuständig. 2009 wurde von elektronischer Spielmechanik auf digitale Spieltechnik umgestellt. Im Alltag spielt der Computer die Liedfolge automatisch. Dabei kann er sich zurücklehnen und den Glocken lauschen – genau wie zahlreiche Böttcherstraße-Besucher unten auf dem Platz vorm Haus.

Das Jubiläumsprogramm: Der 25. Geburtstag des Glockenspiels wird am 10. Oktober ab 11.45 Uhr gefeiert. Nach der Begrüßung spielen um 12 Uhr das Glockenspiel und die Tafeln im Drehturm, zu den Bildern gibt es Erklärungen. Von 12.10 bis 13 Uhr gibt Franz Tröger ein Glockenspielkonzert, dazu werden Texte gelesen. Nach einer Mittagspause geht es von 14.10 bis 14.30 Uhr weiter mit Duetten für Glockenspiel und Spieluhr, ebenfalls von Franz Tröger. Und von 15.10 bis 16 Uhr lädt die Böttcherstraße zum Mitmachkonzert und Publikumssingen ein. Dazu wird ein Glockenspielkanon uraufgeführt. Mehr Informationen zum Glockenspiel im Internet: www.boettcherstrasse.de

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