Moscheen, Kirchen und Synagogen wieder offen Wie die ersten Gottesdienste nach der Corona-Pause in Bremen abliefen

Erstmals nach zwei Monaten sind an diesem Wochenende in Bremen wieder Gläubige zu Gottesdiensten in Moscheen, Kirchen und die Synagoge gekommen. Für viele war der Moment sehr bewegend.
11.05.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Wie die ersten Gottesdienste nach der Corona-Pause in Bremen abliefen
Von Carolin Henkenberens

„Ah, das hat mir so geholfen“, ruft eine Frau fröhlich im Vorbeigehen einem Bekannten zu. Sie winkt und macht sich dann auf den Weg. Es ist Sonntagvormittag, kurz vor 11 Uhr. Soeben ist der Gottesdienst im Bremer Dom zu Ende gegangen. Anders als sonst bilden sich vor dem Eingang keine großen Menschentrauben. Eine Frau, die nur kurz jemandem „Hallo“ sagen will, wird lachend von ihrem Mann weggezogen. „Nein“, sagt er.

Sich im Glauben verbinden und trotzdem auf Abstand bleiben. Das war die große Herausforderung in vielen Gotteshäusern an diesem Wochenende. Das erste Mal nach knapp zwei Monaten des Corona-Stillstands durften Religionsgemeinschaften wieder gemeinsame Gebete abhalten – allerdings mit Auflagen. Das hatte der Bremer Senat am Dienstag beschlossen. Auch, weil der Glaube in der Krise vielen Menschen besonderen Halt gibt. Nicht alle Gemeinden konnten die Hygienekonzepte so schnell umsetzen, manche wollen es langsam angehen. Die katholischen Kirchen in Bremen beginnen erst an diesem Montag wieder mit ihren Messen.

Gottesdienst im kleinen Kreis

In der Jüdischen Synagoge fand am Schabbat noch kein Gebet für die Allgemeinheit statt, erzählt Grigori Pantijelew, der stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Es habe lediglich einen Gottesdienst im kleinsten Kreis gegeben, mit zehn Männern. Diese Mindestzahl schreibe der Talmud vor. Man hoffe, zum nächsten Schabbat die Synagoge wieder für die Gemeindemitglieder öffnen zu können. Es müssten einige Vorbereitungen und Absprachen mit dem Objektschutz der Polizei getroffen werden.

Auch die Moscheen in Bremen fahren ihr religiöses Angebot wieder hoch, wie Murat Çelik, Vorsitzender des islamischen Dachverbands Schura, berichtet. Der Koordinationsrat der Muslime, eine deutschlandweite Plattform der größten islamischen Verbände, hat den Moscheen empfohlen, zunächst nur drei der fünf täglichen Gebete abzuhalten. Einige wenige Moscheen öffneten wieder für die Freitagsgebete, die meisten jedoch nicht. Jeder muss nun seinen eigenen Gebetsteppich mitbringen und ihn an einer auf dem Boden markierten Stelle ausrollen, um genügend Abstand zu gewährleisten. Über die Atmosphäre beim ersten Gebet seit Wochen sagt Çelik: „Es war sehr emotional, auch für den Imam.“ Das Gefühl sei allerdings nicht dasselbe wie sonst. „Die Vorgabe ist, schnell das Gebet zu verrichten und danach draußen nicht zu klönen“, sagt Çelik.

Lesen Sie auch

In der größten Bremer Moschee, der Fatih-Moschee, seien zum ersten Gebet am Sonnabendmorgen um halb 5 etwa 40 bis 50 Menschen gekommen, berichtet Vahit Bilmez, Sprecher der Islamischen Föderation Bremen. „Vielen ist bewusst geworden, wie sehr ihnen die Moschee gefehlt hat.“ Es sei eine sentimentale, erleichterte Stimmung gewesen.

Diese Emotionen ruft auch der Kirchgang hervor. „Es war sehr ermutigend, ein Hoffnungsschimmer“, sagt Sigrid Meising-Paul nach dem Gottesdienst im evangelischen St.-Petri-Dom. Ihr Gesicht strahlt. Sie fügt hinzu: „Sehr schön und berührend“. Sie und ihr Ehemann Michael Paul, der ehrenamtlich im Bibelgarten der Gemeinde mitarbeitet, gehen regelmäßig in den Dom. Ihm hat es ebenfalls gut gefallen, sagt er, besonders die Predigt.

Kein gemeinsamer Gesang

Etwa 100 Menschen sind zum Gottesdienst gekommen, auch der katholische Propst Bernhard Stecker hat sich unter die Leute gemischt. Am Eingang steht ein Desinfektionsspender, das Tragen eines Mundschutzes ist Pflicht. Das aus dem Mundschutz heraus gemurmelte Glaubensbekenntnis – dieses Bild könnte, wie so vieles in diesen Wochen, in die Geschichtsbücher eingehen. Statt eng an eng sitzen die Gläubigen mit Abstand auf der Bank, immer da, wo ein grüner Klebepunkt angebracht ist. Der wohl größte Unterschied: Der gemeinsame Gesang fällt aus. Weil dabei ein besonders hohes Infektionsrisiko bestehe, verzichten die evangelischen Kirchen in Bremen darauf. Die Lieder trägt eine Sopranistin vor, begleitet von der Orgel. Manche Lieder spricht die Gemeinde.

Pastor Henner Flügger wählt in seiner Predigt das Motiv des Regenbogens. Er fragt die Anwesenden, ob ihnen auch die von Kinderhand in Fenster gemalten Regenbögen aufgefallen seien. Er schlägt den Bogen zu Noah, der Gott vertraut und zum Schutz vor der Flut eine Arche für die Tiere gebaut habe. „Noah kann sich die Flut nicht vorstellen“, sagt Flügger. Mit dem Coronavirus sei es ähnlich bei vielen Menschen. Das Virus werde vieles verändern, was genau diese Zeit lehre, ließe sich aber noch nicht sagen. Noch sei kein Regenbogen in Sicht. Dann distanziert sich Flügger von Pastor Olaf Latzel und dessen Aussagen über Homosexualität, auch, wenn er Latzels Namen nicht ausspricht. Flügger spricht von einem Pastor, der andere herabwürdige, „in einer Zeit, in der man von der Kirche erwarten darf, dass sie andere tröstet“. Flügger sagt: „Gottes Zukunft ist bunt, bunt wie der Regenbogen.“ Er gehöre allen Menschen, auch jenen, die gleichgeschlechtlich lieben. Nach dem Gottesdienst ist zu hören, wie ihn Einzelne für seine Worte loben.

Gottesdienstbesucher Wilfried Teichert sagt, Pastor Flügger habe mit dem Regenbogen eine schöne Analogie gezogen. Teichert, der sich als „relativ regelmäßigen Kirchgänger“ beschreibt, ist nach dem Gottesdienst zufrieden. „Es hat mir sehr gut gefallen“, sagt er. Die ausgefallenen Dombesuche habe er in den vergangenen Wochen mit Fernsehgottesdiensten kompensiert. „Jetzt ist wieder ein bisschen Gewohnheit eingekehrt“, meint er.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+