Ein Streifzug über den historischen Friedhof der evangelisch-reformierten Gemeinde Blumenthal Grabsteine erzählen Geschichten

Friedhöfe dokumentieren häufig die Geschichte eines Ortes. Wer ein wenig mit der Entwicklung einer Ortschaft vertraut ist, kann an einzelnen Grabsteinen Wegmarken besonderer historischer Ereignisse erkennen. Der Friedhof der evangelisch-reformierten Kirche zu Blumenthal bietet hierfür ein treffendes Beispiel.
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Von Ulf Fiedler

Friedhöfe dokumentieren häufig die Geschichte eines Ortes. Wer ein wenig mit der Entwicklung einer Ortschaft vertraut ist, kann an einzelnen Grabsteinen Wegmarken besonderer historischer Ereignisse erkennen. Der Friedhof der evangelisch-reformierten Kirche zu Blumenthal bietet hierfür ein treffendes Beispiel.

Blumenthal. Betritt man vom Alten Turm her den Gottesacker, fallen die zum Halbrund geordneten, relativ kleinen Grabsteine ins Auge. Sie stammen überwiegend aus dem 17. Jahrhundert. Vielfach hat der Steinmetz einen Weserkahn an den Kopf des Grabmals eingemeißelt. So beispielsweise bei den Eheleuten Hinrich und Margrethe Wessels. Die Abbildung ist ein Hinweis auf den Beruf des Kahnschiffers. Andere Steine sind von dem typisch barocken Engelskopf mit Flügeln gekrönt.

Nur noch wenige Inschriften sind lesbar. Eine Inschrift zeigt die rührende Genauigkeit, die den Grabstein als ganz persönliches Dokument kennzeichnet: "Anno 1685 den 14. Sept. des Abends die Klocke 9 ist der ehr- und achtbare Jürgen Rose in Gott dem Herrn sählich entschlaffen."

Es waren Kahnschiffer, Bauern und Handwerker, die auf dem alten Kirchhof zur Ruhe gelegt wurden. Etwas abseits steht der Grabstein des 1895 verstorbenen "Schiffscapitains" Eduard Dallmann. Halb von Efeu überwuchert findet sich das eiserne Grabkreuz des vorletzten Hannoverschen Amtmanns zu Blumenthal Georg Erich Hüppeden, der 1825 verstarb.

In zwei Schritten zeigt der Friedhof den Eintritt des Industriezeitalters in diese dörflich schlichte Welt. Zunächst durch den Bau der neuen Kirche. Der Reeder Christian Heinrich Wätjen wollte seinen Park an der gegenüberliegenden Straßenseite um ein Grundstück nördlich seines Anwesens erweitern. Das allerdings war Eigentum der Kirche.

Wätjen bot der Gemeinde als großzügiges Äquivalent den Bau einer neuen Kirche und eines Pfarrhauses an. Weil aber viele Gemeindeglieder einen käuflich erworbenen Kirchensitz in der alten Kirche besaßen, verweigerten sie sich zunächst dem Neubau, in dem Wätjen auf Freisitze bestand.

Kirche einigt sich mit Wätjen

Nach zwei Jahren unruhiger Bedenkzeit einigte sich die Gemeinde dann doch mit Wätjen. Die neue Kirche wurde 1879 feierlich in Besitz genommen. Auch der Friedhof erfuhr bei dieser Gelegenheit eine erhebliche Erweiterung. Eine Weile blieb das alte Kirchenschiff erhalten. Unsere seltene Aufnahme zeigt die alte Kirche mit dem Kirchenschiff und die neue, von Christian Heinrich Wätjen gestiftete Kirche von der Auebrücke aus gesehen.

Geht man durch die Gräberreihen, findet sich weit entfernt vom Alten Turm, an der Südseite des neuen Friedhofs, ein Grabmal, das zu den schlichten Sandsteinstelen am Alten Turm in einem kaum zu überbietenden Kontrast steht. Aus schwarzem Marmor gefügt, bekundet das Grabmonument der Familie Ferdinand Ullrichs, dass aus dem Fischer- und Bauerndorf ein Industriestandort wurde. Ferdinand Ullrich, seit 1884 kaufmännischer Direktor der Bremer Woll-Kämmerei (BWK), wurde später zum Kommerzienrat ernannt und Generaldirektor des Werkes, dessen Kapazität Blumenthal über Jahrzehnte prägte. Ullrich galt im Blumenthaler Gemeinderat als der größte einzelne Steuerzahler.

Der frühe Verlust seiner Kinder mag Anlass gegeben haben für das monumentale Grabmal aus schwarzem Marmor. Der Jurastudent Günter Ullrich starb 1906 bereits mit 18 Jahren bei Grenoble; Sohn Werner diente als Leutnant im sächsischen Kavallerieregiment. Er starb 1909 im Alter von 24 Jahren in Chemnitz. Tochter Charlotte, 1890 geboren, überlebte nicht einmal das Säuglingsalter.

Das Grabmal sollte ein würdiger Ort des Trauerns und Gedenkens sein, das seiner hohen gesellschaftlichen Position und dem Schmerz der Eltern entsprach. Unter einem klassizistischen Dreiecksgiebel, getragen von zwei Säulen, wölbt sich nach innen ein Halbrund. Auf der Treppe steht eine Persephone, einer Tochter des Zeus, in der griechischen Mythologie wegen ihres Zugangs zum Hades und zur Oberwelt die ideale Begleiterin der Verstorbenen. Bei Ullrichs Monument trägt sie anstelle der üblichen Schlafmohnkapseln einen Palmzweig, in der Symbolik ein christliches Element.

Ferdinand Ulrich starb 1915, seine Ehefrau Eugenie Freifrau von Grünau überlebte ihn 43 Jahre. Ganz in der Nähe befindet sich das Familiengrab der Oelfkens, in dem auch die Schriftstellerin Tami Oelfken beigesetzt wurde.

Die Grabstelle des Blumenthaler Landrats Paul Berthold und seiner Familie dominiert den alten Friedhof. Der mächtige Weissdornbaum ist Teil jener Hecke, die vor dem Bau der Bahn das Grundstück des Landratsamtes von dem der Kirchengemeinde trennte. Bekannte Blumenthaler Namen finden sich auf den Grabsteinen, oft über mehrere Generationen: Haesloop, Michelsen, Schulken, Brinkmann, Freese, Seebeck, Rathjen und andere. Eine nicht unbedeutende Randnotiz gehört ebenfalls zur Geschichte des alten Friedhofs.

Schienenstrang kam erst 1910

Beim Bau der Farge-Vegesacker Eisenbahn trat die Bremer Woll-Kämmerei als wichtigster Kapitalgeber auf. Sie hatte ein vitales Interesse an der Bahnverbindung. Eben diese kam zunächst allerdings nicht zustande.

Das Anschlussgleis zwischen dem Werkgelände und dem Bahnhof Blumenthal durfte nicht gelegt werden. Es hätte über einen Zipfel des alten Friedhofs geführt. Diese Planung habe, wie der Landrat berichtet, "in letzter Stunde wegen des nicht zu beseitigenden Widerspruchs der Grabstelleninhaber aufgegeben werden müssen".

Die BWK war dadurch zu einem umständlichen Transportverfahren gezwungen. Die mit Wolle beladenen Güterwagen wurden im Werk auf einen Stahlschlitten gehievt. Drei Pferde zogen das Gefährt auf einem Schmalspurgleis an der Straßenenge bei Ständers Haus vorbei in die Lüssumer Straße. Dort befand sich eine Drehscheibe, die den Güterwagen auf Normalspur setzte. Ein personalaufwändiges Verfahren. Erst 1910, als die Liegefrist auf dem Friedhof aufgehoben war, konnte der Schienenstrang, scharf am Alten Turm vorbei, verlegt werden.

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