Auf dem Riensberger Friedhof ist die Ruhestätte von Domorganistin Käte van Tricht seit Langem verwildert

Grabstelle droht die Auflösung

Riensberg. Die Grabstelle V1173 auf dem Riensberger Friedhof könnte schon bald Geschichte sein.
30.01.2017, 00:00
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Von Maren Brandstätter
Grabstelle droht die Auflösung

Auf der Orgelempore des St.-Petri-Doms im Jahr 1981: Die frühere Domorganistin, Sängerin und Musikpädagogin Käte van Tricht (1909-1996) hat ihren Platz im Herzen vieler Bremer.

WALTER SCHUMANN

Riensberg. Die Grabstelle V1173 auf dem Riensberger Friedhof könnte schon bald Geschichte sein. Das Nutzungsrecht ist abgelaufen, ist auf einem Hinweisschild des Umweltbetriebs Bremen (UBB) zu lesen. Wird es nicht verlängert, wird das Grab eingeebnet. Derzeit dominiert Unkraut die Ruhestätte.

Erich Kalkus, der regelmäßig das Nachbargrab besucht, bedauert das sehr. Hin und wieder stellt er eine Rose auf das verwilderte Grab. Die Frau, die hier vor 20 Jahren beerdigt wurde, hat nicht nur seinen Vater als „Grüne Dame“ in seinen letzten Tagen im Krankenhaus besucht, sie hat auch die Bremer Musikgeschichte geprägt: die langjährige Domorganistin Käte van Tricht (1909-1996). Kalkus will sich nicht damit abfinden, dass die Grabstelle in absehbarer Zeit verschwinden könnte – er würde das Andenken an die Musikerin gerne bewahren. Eine kleine Gruppe von Menschen, die gemeinsam die Nutzungsgebühr aufbringt, schwebt ihm als Lösung vor, er selbst natürlich inbegriffen. Nun sucht er Mitstreiter. Auch eine entsprechende Petition hat er Anfang des Monats in die Bremische Bürgerschaft eingebracht.

Doch ganz so einfach ist die Sache nicht, wie ein Gespräch mit Irma Gerken zeigt. Sie ist Mitarbeiterin beim UBB und leitet die Riensberger Friedhofsverwaltung. Die Grabstelle liegt ihr seit Längerem im Magen. Zum einen wegen ihrer verwilderten Erscheinung, zum anderen, weil noch völlig offen sei, wie mit der Grabstelle weiter verfahren werden kann, wenn Käte van Trichts Angehörige das Nutzungsrecht nicht verlängern. Zwar arbeite die Friedhofsverwaltung in solchen Fällen mitunter mit Grabstellen-Patenschaften, aber noch sei unklar, ob auch van Trichts Ruhestätte dafür infrage kommt, so Gerken.

Diese Patenschaften setzten nämlich voraus, dass entweder der Grabstein an sich von Bedeutung ist oder der Name, der darauf zu lesen ist. Im Falle der Organistin sei aber noch nicht einmal klar, ob sich unter dem Unkraut überhaupt eine Grabplatte befindet. Und wenn ja, welcher Name darauf steht. „Käte van Tricht wird in unseren Unterlagen unter dem Namen Siegert geführt – van Tricht war ihr Mädchenname“, erklärt Gerken. Ein Grabstein mit diesem Namen liefere aber keinen Hinweis auf seine Bedeutung, gibt Gerken zu bedenken. Zumindest müsse in diesem Fall ihr Geburtsname erwähnt sein, damit die Grabstätte für eine Patenschaft in Frage komme – von denen gebe es derzeit rund 50 auf dem Riensberger Friedhof.

Andernfalls bestehe noch die Option, dass das Nutzungsrecht im üblichen Verfahren einen neuen Verantwortlichen bekommt, der das Grab für die nächsten Jahre mietet, so Gerken. 867 Euro betrage die Gebühr derzeit für 20 Jahre Nutzungsrecht. In jedem Fall müsse die Grabstelle aber vor allem wieder in einen ordnungsgemäßen Zustand gebracht werden. Bis sie herausgefunden hat, wie es mit der Ruhestätte weitergehen könnte, wird allerdings noch etwas Zeit vergehen. „Die Frist für das Nutzungsrecht der Angehörigen läuft zum 1. April ab – vorher können wir die Grabstelle nicht antasten“, erklärt die Leiterin der Friedhofsverwaltung.

Van Tricht wäre nicht die erste Bremer Persönlichkeit auf dem Riensberger Friedhof, deren Grabstelle nicht erhalten werden konnte, erzählt Christine Renken. Besuchern ist die Schauspielerin besser unter dem Namen Bestatter Bergmann von Hurrelberg bekannt, der regelmäßig Führungen über den Friedhof anbietet. Renken erinnert sich zum Beispiel an den Bremer Architekten und Werbegrafiker Eduard Scotland, dessen Ruhestätte inzwischen eingeebnet wurde. Scotland hatte unter anderem das Logo von Kaffee Hag entworfen. „Ich weise bei meinen Führungen aber immer noch darauf hin, dass Scotland auf dem Riensberger Friedhof begraben wurde, damit die Erinnerung an ihn nicht verblasst“, betont sie. Auch die Grabstelle von Carsten Haberjahn, Gründer des Hippodroms auf dem Freimarkt, gebe es mittlerweile nicht mehr. „Es wäre sehr schade, wenn nun auch noch Käte van Trichts Grab verschwinden würde“, sagt Renken.

Auch aus Sicht von Karin Gastell ist die letzte Ruhestätte van Trichts unbedingt erhaltenswert. Die Organistin ist in vielerlei Hinsicht einzigartig gewesen, erzählt die Borgfelderin, die van Trichts Leben und Wirken zum Thema für ihre Dissertation gewählt hat. „Sie war nicht nur die erste Bremer Domorganistin, sondern gilt außerdem als erste deutsche Konzertorganistin“, betont Gastell, die van Trichts Musizieren künstlerisch-wissenschaftlich am Orpheus-Institut in Gent erforscht. Dies sei schon deshalb bemerkenswert, da die gebürtige Berlinerin eigentlich von der Tanz- und Kinomusik gekommen sei und somit ihre Karriere als Quereinsteigerin begonnen habe.

Auch nach ihrer Pensionierung erfreute van Tricht noch Menschen mit ihrem Orgelspiel, wenn sie als „Grüne Dame“ mit ihrer Hammond-Orgel auf Rädern durch die Krankenzimmer der St.-Jürgen-Klinik zog und für die Patienten spielte. Die in der Zeit des Nationalsozialismus als Vierteljüdin denunzierte Dom-Kantorin wurde mit der Bremer Senatsmedaille für Kunst und Wissenschaft und mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet.

Sie starb am 13. Juli 1996 im Alter von 86 Jahren. 2009 gedachten ihrer rund 800 Bremerinnen und Bremer im Dom anlässlich ihres Geburtstags vor 100 Jahren.

„Sie gilt als erste deutsche Konzertorganistin.“ Karin Gastell, Musikwissenschaftlerin
„Es wäre sehr schade." Schauspielerin Christine Renken
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