Bertelsmann-Studie Große Lücke bei den Kita-Plätzen

Laut einer Studie habe sich die Qualität in deutschen Kitas tendenziell verbessert, doch die Bildungschancen für Kinder seien innerhalb Deutschlands höchst unterschiedlich, je nachdem, wo das Kind geboren wird.
28.08.2017, 21:26
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Große Lücke bei den Kita-Plätzen
Von Sara Sundermann

Die Qualität in deutschen Kitas habe sich tendenziell verbessert, doch die Bildungschancen für Kinder seien innerhalb Deutschlands höchst unterschiedlich, je nachdem, wo das Kind geboren wird. Zu diesem Schluss kommen die Autoren einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung zur frühkindlichen Bildung.

„Wir brauchen verlässliche Kita-Qualität in ganz Deutschland“, fordert Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. „Bund und Länder müssen einheitliche Qualitätsstandards umsetzen.“ Zudem drohe eine weitere Verschärfung des Fachkräftemangels in Kitas, bundesweit würden mehr als 100.000 zusätzliche Fachkräfte benötigt.

Kita-Ausbau und die Verbesserung der Betreuungsqualität erforderten einen Kraftakt von Bund, Ländern, Kommunen und Eltern, so Dräger. Ohne attraktivere Rahmenbedingungen für das Kita-Personal werde es schwer, den steigenden Fachkräfte-Bedarf zu decken.

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In Bremen klafft der Studie zufolge bundesweit die größte Lücke zwischen dem Bedarf nach Betreuung und dem Angebot an Kita-Plätzen. „Bei dieser Lücke ist Bremen absolutes Schlusslicht“, sagt Bertelsmann-Expertin Anette Stein. Grundlage für die Erhebung sind Daten der Statistischen Landesämter, die diesen März verglichen wurden.

Auffällig ist laut Stein in Bremen zudem, dass mehr als jeder dritten Kita vertraglich keine Zeit für Leitungsaufgaben zugestanden werde. Das betrifft vor allem kleinere Kitas. „Kita-Leitungen sind aber maßgeblich für die Qualität der Betreuung“, betont Stein. Wenn keine Leitungszeit zugesichert werde, bedeute dies, dass Leitungsaufgaben entweder liegen blieben oder von Fachkräften in der Freizeit erledigt würden.

Nur Baden-Württemberg erreicht bessere Werte

Ein anderes Ergebnis der Studie polarisiert vor Ort im kleinsten Bundesland (siehe Text unten): Bremen schneidet beim statistischen Blick auf den Personalschlüssel der Kitas in den Studien der Bertelsmann-Stiftung besonders gut ab. Rechnerisch kämen in Bremer Kindergärten 7,5 Kinder auf eine Fachkraft und in den Krippen drei Kinder auf eine Fachkraft, heißt es in der Studie.

„Die Personalschlüssel in Bremen erreichen damit fast den Wert, den wir für eine kindgerechte Betreuung empfehlen“, sagt Stein. Noch bessere Werte als Bremen erreicht beim Blick auf die Personalschlüssel laut Studie nur Baden-Württemberg. In Niedersachsen sind die Werte der Personalschlüssel in den Kindergärten recht ähnlich wie in Bremen.

Allerdings: In den Krippen weise Niedersachsen nach Hamburg unter den westdeutschen Bundesländern die ungünstigste Betreuungsrelation auf, stellt die Bertelsmann-Stiftung fest. Ganz andere Werte benennt die Studie für ostdeutsche Bundesländer: So kämen in Kindergärten in Sachsen-Anhalt elf Kinder auf eine Fachkraft, in Sachsen 13 und in Mecklenburg-Vorpommern sogar 14.

Qualität der Betreuung besser

Stein stellt fest: In einem westdeutschen Bundesland wie Bremen seien die Gruppen kleiner und die Qualität der Betreuung besser – wenn man einen Kita-Platz bekommt. In ostdeutschen Bundesländern seien die Personalschlüssel meistens deutlich schlechter, dafür bekomme die große Mehrheit der Kinder dort einen Platz. Zum Vergleich: In Sachsen-Anhalt hatten zuletzt 56 Prozent aller Kleinkinder unter drei einen Krippenplatz, in Bremen nur 22 Prozent.

Klar ist: Trotz ihrer guten Bewertung für die Kita-Personalschlüssel im kleinsten Bundesland fordern die Bertelsmann-Experten Bremen zum Handeln auf: „Das Wichtigste ist, nun die große Lücke bei Kita-Plätzen schnell zu schließen, dabei aber nicht die Qualität in der Betreuung zu verschlechtern“, sagt Stein. „Es wäre fatal, jetzt auf Quantität zu setzen und dabei die Standards der Betreuung zu senken.“

Studie wird in Bremen kritisiert

An dem guten Zeugnis, das die Bertelsmann-Stiftung der Personalausstattung in Bremer Kitas bereits zum wiederholten Mal ausstellt, entzündet sich vor Ort immer wieder Kritik. Die Ergebnisse vermittelten einen Eindruck, der wenig mit der Realität zu tun habe, bemängeln Elternvertreter, Kita-Beschäftigte und Experten.

Die Kritiker bezweifeln nicht, dass Bremen möglicherweise einen besseren Personalschlüssel als ostdeutsche Bundesländer hat. Sie betonen aber, dass die Realität anders aussieht, als die Studie suggeriert. "Dass bei uns 7,5 Kinder auf eine Erzieherin kommen, ist eine rein rechnerische Größe", sagt Grit Wetjen vom Personalrat Kita Bremen. "Real betreuen in der Regel anderthalb Kräfte eine Gruppe von 20 Kindern, also eine Vollzeit-Kraft und eine zweite Kraft, die vier Stunden am Tag da ist."

"Die Realität wird schön gerechnet, die Autoren der Studieklopfen der Politik auf den Rücken – das Geld, was in diese Studie fließt, sollte man lieber in Fachkräfte stecken", sagt Andreas Seele von der Zentralelternvertretung. In den Statistiken blieben unbesetzte Stellen und Krankheitsfälle unberücksichtigt. Seele kritisiert zudem: "Für die Studiewurden nur Kita-Gruppen betrachtet, in denen es keine Kinder mit Förderbedarf gibt, doch gerade in Gruppen mit Förderkindern haben wir große Probleme."

Längst nicht auf fachlich empfehlenswertem Niveau

Auch Carsten Schlepper vom Landesverband evangelischer Kitas stellt klar: "Bremen bewegt sich längst nicht auf dem Niveau, das fachlich empfehlenswert ist." Real seien viele Gruppen in Krippen größer als vorgeschrieben. "Die eigenen gesetzlichen Rahmenbedingungen werden inBremen also nicht eingehalten."

"Der Personalschlüssel, wie ihn die Bertelsmann-Stiftung berechnet, lässt ohne Berücksichtigung weiterer Aspekte keine Rückschlüsse auf die Qualität der Personalausstattung in Bremer Kitas zu", sagt auch Ursula Carle. Die Bremer Erziehungswissenschaftlerin ist auf frühkindliche Bildung spezialisiert.

Um die Qualität der Kitas beurteilen zu können, müsse man hinsehen, was dort gefordert werde, sagt Carle: Wie viele Kinder wachsen inArmut auf? Wie viele müssen gewickelt werden? Die Bremer Ausgangslage benennt auch die Studie: Jedes zweite Kind hat Migrationshintergrund, jedes dritte kommt aus einer Familie, die Sozialleistungen bezieht.

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