Gefühle einer Japanerin in Bremen Große Sorge um die Heimat

Bremen. Die ersten Katastrophenmeldungen hat Yoko Otake noch gefasst aufgenommen – doch nun ist die japanische Musikstudentin an der Hochschule für Künste in großer Sorge. Wie wird ihr Heimatland aussehen, wenn sie im kommenden Jahr dorthin zurückkehrt?
17.03.2011, 18:31
Lesedauer: 2 Min
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Von Thomas Joppig

Bremen. Die ersten Katastrophenmeldungen hat Yoko Otake noch gefasst aufgenommen – doch nun ist die japanische Musikstudentin an der Hochschule für Künste in großer Sorge. Wie wird ihr Heimatland aussehen, wenn sie im kommenden Jahr dorthin zurückkehrt?

Der erste Anruf kam von ihrem Musikprofessor. „Er wollte wissen, wie es mir geht, und was meine Familie macht“: Yoko Otake wusste zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts von der Katastrophe, die Teile ihres Heimatland verwüstet hatte. Auf die ersten Schilderungen von Erdbeben und Tsunami reagierte sie gefasst.

Wer schon als Kind beigebracht bekommt, wie er sich im Falle eines Erdbebens zu verhalten hat, der lernt wohl, mit dem Gefühl zu leben, dass jeden Augenblick etwas Katastrophales passieren kann. „Man denkt natürlich nicht ständig daran, aber dieses Gefühl schwingt im Unterbewussten immer mit“, sagt sie. Manche ihrer japanischen Freunde sagen sogar, dass sie besser schlafen können, seit sie in Deutschland leben.

Seit sich die Nachrichten von den Naturkatastrophen mit denen der Reaktorunglücke mischen, macht sich Yoko Otake große Sorgen um die Zukunft ihres Landes. Sie stammt aus Hiroshima – aus einer Gegend also, in der man um die Gefahren der Atomkraft wohl besser weiß, als an jedem anderen Ort Japans.

Die Gedanken kreisen um die Familie

Schon als Kind hatte man ihr von der Atombomben-Explosion von 1945 erzählt, ihre Großmutter litt noch unter den Spätfolgen der gewaltigen Detonation - und sie selbst hatte früher gegen Atomkraft protestiert. Nun ist es wieder Japan, das im Zentrum einer atomaren Katastrophe steht, zwar ist es nicht die Gegend um Hiroshima – doch Yoko Otakes Gedanken sind in diesen Tagen oft bei ihren Verwandten: „Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits liebe ich das Leben in Deutschland, anderseits möchte ich jetzt gern bei meiner Familie in Hiroshima sein.“

Als sie 2002 nach Deutschland kam, wollte sie hier eigentlich nur zwei Jahre lang ihr Musikstudium fortsetzen – im Heimatland von Johann Sebastian Bach, dessen Musik sie so liebt. Aus den zwei Jahren sind mittlerweile neun geworden. Yoko Otake steht kurz vor dem Abschluss eines Zusatzstudiums an der Hochschule für Künste, nebenbei arbeitet sie als Organistin in einer Kirchengemeinde und als Lehrerin an der Japanischen Schule in Bremen.

Wie wird Japan aussehen, wenn sie zurückkommt?

Mit dem Ende des Studiums im kommenden Jahr läuft auch ihre Aufenthaltserlaubnis ab - und in diesem Tagen fragt sie sich oft, wie ihr Heimatland wohl aussehen wird, wenn sie zurückkommt. Wie groß die Teile Japans sein werden, die atomar verseucht sind? Und wie sich der Alltag gestaltet, etwa wie es um die Energieversorgung steht? Japan hat sich in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem Hightech-Land entwickelt, mit all den Annehmlichkeiten, die moderne Technik mit sich bringt.“ Das Land, in das sie zurückkehrt, wird ein anderes sein, als jenes, das sie verließ – da ist sie sich sicher. „Die Katastrophe hat auch den Glauben an Geld und wissenschaftlichen Fortschritt erschüttert.“

Dass viele Japaner trotz der Katastrophenmeldungen so ruhig und diszipliniert bleiben, erstaunt Yoko Otake nicht. „Viele Menschen haben jetzt anderes zu tun, als sich zu streiten, sie sorgen sich in erster Linie um ihre Familien.“ Und mit der Not wachse auch die Hilfsbereitschaft. Wenn sie in Deutschland Bilder aus ihrem Heimatland sieht, fühlt sich die Japanerin oft machtlos: „Mir tun die Menschen in den Katastrophengebieten unendlich leid. Es hätte auch meine Familie treffen können“, sagt sie. „Man kann nur beten – und die Hilfsorganisationen unterstützen.“

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