Nach Kannenberg-Insolvenz Große Verunsicherung bei der Flüchtlingshilfe

Nach dem Bekanntwerden der Insolvenz der Kannenberg-Akademie fordert die Bremer Politik Aufklärung. Und es zeigt sich: Auch andere Träger der Flüchtlingshilfe haben Probleme.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Große Verunsicherung bei der Flüchtlingshilfe
Von Kristin Hermann

Immer weniger Geflüchtete kommen in Bremen an. Für manche Träger in der Flüchtlingshilfe kann dies das Aus bedeuten, wie sich aktuell am Beispiel der Akademie Lothar Kannenberg zeigt. Wie am Mittwoch bekannt wurde, hat das Unternehmen um den einstigen Meister im Schwergewichtsboxen Insolvenz angemeldet (wir berichteten). Die Kosten für das Personal und die Unterkünfte übersteigen deutlich die Einnahmen des Trägers.

Ein Schicksal, das auch andere Bremer Einrichtungen treffen kann? Nach Informationen des WESER-KURIER arbeitet man in der Sozialbehörde derzeit daran, Stück für Stück Unterkünfte zurückzubauen. Problem daran: Das Ressort von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) muss nach eigenem Ermessen abschätzen, wie hoch der zukünftige Bedarf an Plätzen für Geflüchtete wohl sein wird. „Die Bundesregierung kommt ihrer gesetzlichen Verpflichtung einer monatlichen Zugangsprognose seit langer Zeit nicht mehr nach“, sagt Behördensprecher Bernd Schneider. „Das ist unbefriedigend.“

Von 70 auf 52 Mitarbeiter

Zurzeit leben etwa 3000 Geflüchtete in den Übergangswohnheimen der Stadt. In den Einrichtungen der Jugendhilfe sind es etwa 700 unbegleitete minderjährige Ausländer. Nach Schätzungen der Sozialbehörde liegt die Auslastung aller Unterkünfte etwa bei 75 Prozent. „Dieser Bereich wird derzeit umstrukturiert“, sagt Schneider. Einfache Unterkünfte und Einrichtungen mit kurzer Mietzeitdauer würden aufgegeben, die höherwertigen Objekte mit länger laufenden Mieten abgestoßen. Fakt ist: einen gewissen Leerstand wird es auch weiterhin geben – und der ist gewollt. „Die Senatorin will beim nächsten Anstieg der Zugangszahlen nicht wieder in die Situation kommen, Turnhallen zu belegen und Zelte aufzustellen“, so Schneider.

Das Thema beschäftigt auch die einzelnen Träger der Stadt, wie die Innere Mission bestätigt. Gerade die Personalplanung sei dadurch angespannt. „Einige Verträge unserer Mitarbeiter konnten nicht verlängert werden, andere haben innerhalb der Inneren Mission eine andere Aufgabe übernommen“, sagt Berthold Reetz, Leiter der Flüchtlingshilfe in dem Verein. Zeitweise hätten sich Kollegen sogar solidarisch erklärt und ihre Stunden reduziert, um Mitarbeiter zu halten. Als 2015 besonders viele Flüchtlinge in Bremen ankamen, sind in den acht Übergangswohnheimen der Inneren Mission 70 Mitarbeiter tätig gewesen. Derzeit sind es noch 52. „Man muss die Balance finden und eine gewisse Kapazität vorhalten, aber eben auch nicht zu viel“, sagt auch Katharina Kähler, die bei der Inneren Mission für die Jugendhilfe zuständig ist. „Sonst kann man schnell in Schwierigkeiten geraten.“

Lesen Sie auch

Ähnlich schätzt man die Lage auch bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ein, die in Bremen 15 Übergangswohnheime leitet. Die geschätzte Auslastung liege dort aktuell nur noch bei 40 bis 60 Prozent. Deshalb werden auch dort Stellen eingespart. Dabei arbeite man verstärkt mit der Sozialbehörde zusammen.

Für die Bewohner der Unterkünfte bedeutet der stagnierende Zuzug ein deutlich angenehmeres Wohnen. Sie müssen sich ihre Zimmer in den meisten Fällen nur noch mit einer Person, anstatt mit drei weiteren teilen. „Das ist auch nötig, da die meisten aufgrund der Wohnungsknappheit längerfristig in den Einrichtungen leben“, sagt Reetz. Er wünscht sich, dass man die Erfahrungen des Personals auch weiterhin nutzt und stattdessen in Beratungsangeboten bündelt. „Alle Träger sind mit der Behörde im Gespräch, wie man ambulante Hilfe gewährleisten kann, wenn die Geflüchteten nicht mehr im Übergangswohnheim sind“, so Reetz.

Betreuung ist nicht gefährdet

In der Sozialbehörde läuft bis Ende November eine Bestandsaufnahme, in der geprüft wird, welche Immobilien sich weiterhin eignen. Nach dem Bekanntwerden der Probleme in der Akademie Lothar Kannenberg werden in der Politik zudem Forderungen laut, die Insolvenz des Unternehmens gründlich aufzuarbeiten. "Die Beschäftigten brauchen eine Perspektive. Sie haben große Erfahrung in der Arbeit auch mit schwierigen Jugendlichen. Angesichts der unsicheren Aussichten werden sie jetzt anfangen, sich außerhalb von Bremen zu bewerben. Das Sozialressort ist gefordert, eine Anschlussplanung vorzulegen, gegebenenfalls auch mit Trägerwechsel“, fordert Cindi Tuncel, jugendpolitischer Sprecher der Linksfraktion. Die Insolvenz der Akademie dürfe zudem nicht auf Kosten der betreuten Jugendlichen gehen.

Wie am Mittwoch bekannt wurde, ist die Betreuung der zurzeit etwa 140 Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den sechs Bremer Häusern vorerst nicht gefährdet. Die Gehälter der etwa 230 Mitarbeiter sind für drei Monate durch die Insolvenzkasse der Agentur für Arbeit gesichert. Die Linksfraktion will das Thema nun auch in die Bürgerschaft bringen und hat es für die Aktuelle Stunde beantragt. Auch die Gruppe Bürger in Wut (BIW) hat sich zu dem Vorfall geäußert. „Wir fordern den Landesrechnungshof zur Prüfung auf, ob es rechtlich zulässig war, dass die Sozialbehörde der Akademie Kannenberg Vorschüsse in dieser Größenordnung überwiesen hat“, so Piet Leidreiter, finanzpolitischer Sprecher der BIW. Die Rückforderungen der Sozialbehörde belaufen sich nach Informationen des WESER-KURIER auf sechs bis sieben Millionen Euro. Offiziell spricht die Behörde von 5,7 Millionen Euro. Zwar hat auch Kannenberg noch finanzielle Ansprüche an das Ressort, die Rede ist von drei bis vier Millionen Euro. Diese Größenordnung wird behördenintern aber offenbar als überhöht eingestuft. Lothar Kannenberg selbst war am Donnerstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+