Bildhauerin aus der Neustadt leitet seit zehn Jahren das Huchtinger Open-Air-Atelier zur Steinbearbeitung Großräumiges Gestalten liegt Martina Benz

Das Ganze im Blick behalten, das ist die wichtigste Vorgabe, die Martina Benz beherzigt, wenn sie zu Holzknüpfel, Fäustel und diversen Eisen greift und aus Natursteinen Kunstwerke formt. Zwei Skulpturen der Steinbildhauerin aus der Neustadt sind auch im Bremer Stadtbild zu sehen: „Der Stuhl“ in der Neustadt und „Die Stadtmusikanten“ in Tenever. „Man kann mit einfachen Mitteln etwas Individuelles formen“, sagt die Künstlerin, die seit zehn Jahren in der Huchtinger Sommerwerkstatt Bildhau Laien zur Steinbearbeitung anleitet – oder treffender berät.
20.07.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Großräumiges Gestalten liegt Martina Benz
Von Ulrike Troue

Das Ganze im Blick behalten, das ist die wichtigste Vorgabe, die Martina Benz beherzigt, wenn sie zu Holzknüpfel, Fäustel und diversen Eisen greift und aus Natursteinen Kunstwerke formt. Zwei Skulpturen der Steinbildhauerin aus der Neustadt sind auch im Bremer Stadtbild zu sehen: „Der Stuhl“ in der Neustadt und „Die Stadtmusikanten“ in Tenever. „Man kann mit einfachen Mitteln etwas Individuelles formen“, sagt die Künstlerin, die seit zehn Jahren in der Huchtinger Sommerwerkstatt Bildhau Laien zur Steinbearbeitung anleitet – oder treffender berät.

„Es ist immer spannend, was ein Laie aus einer Aufgabenstellung macht“, bekennt Martina Benz. „Manchmal sind es ganz unkonventionelle Lösungen.“ Die Steinbildhauerin aus der Neustadt schätzt die „wunderbare Atmosphäre draußen unter den Linden“ bei der Sommerwerkstatt Bildhau im Bürger- und Sozialzentrum in Huchting und die „gute Organisation“.

Außerdem fällt es Martina Benz leicht, Laien die handwerklichen Handgriffe und künstlerischen Aspekte zu vermitteln, um Natursteine dreidimensional zu gestalten. „Ich verstehe mich als Beraterin“, unterstreicht die Künstlerin, die den mehrtägigen Workshop fast wie Urlaub empfindet, denn „man braucht mal eine Gegenwelt“.

Damit meint die so natürlich wirkende Künstlerin ihren Arbeitsplatz in der Justizvollzugsanstalt in Oslebshausen. Martina Benz gehört inzwischen seit 14 Jahren zum Leitungsteam der dortigen Bildhauerwerkstatt für erwachsene und jugendliche Gefangene und ehemalige Insassen. Das Projekt des Vereins „Mauern öffnen“ sei spannend, , aber ob emotional fordernder Inhaftierter teilweise anstrengend.

Und schon rückt die 1963 in Bad Harzburg geborene Bildhauerin das künstlerische Arbeiten wieder in den Vordergrund: „Das Spannende ist das Kreative, wenn ein Stück Stein abbricht, wie gehe ich damit um? Was kann daraus entstehen? Eine Symbiose aus der ersten Vorstellung und dem, was der Stein vorgibt.“

Diesen emotional-geistigen Prozess wird sie bei der Sommerwerkstatt in Huchting sicher auch begleiten. „Die Form halten“, lautet daher die einzige Vorgabe, die Martina Benz ihren „Schülern“ macht. „Man muss dem Stein sagen, was er tun soll. Bei Stein muss man in eine bestimmte Richtung arbeiten – von außen nach innen.“ Sprich: Ihn zuerst grob zurecht hauen, sich auf Linien und Grundstruktur konzentrieren, danach erst ins Detail gehen und Oberflächen strukturieren. Erst die Dreidimensionalität dieser Werke macht sie räumlich erfahrbar.

Damit das gelingen kann, hat Martina Benz für die Steinwerkstatt-Teilnehmer einen weichen Thüster Kalkstein ausgewählt, der im dortigen südniedersächsischen Steinbruch bei Bielefeld gebrochen wird. Daraus lasse sich mit relativ einfachen Mitteln etwas Individuelles formen, weiß die erfahrene Steinbildhauerin. Es wäre hilfreich, wenn eine Idee oder ein Motiv mitgebracht würden, rät die Neustädterin. Bestenfalls gegenständlich, weil der Austausch darüber leichter falle. Und wer unsicher sei, ob er in der ihm verfügbaren Zeit im Open-Air-Atelier überhaupt zu einem Ergebnis komme, könne einen kleinen Stein auswählen, zu Hause weiterarbeiten oder im kommenden Jahr wieder dabei sein, ermutigt die Steinwerkstattleiterin all jene, die noch zögern.

„Es ist ganz toll, eine Idee zu haben, sie umzusetzen und sichtbar zu machen“, gibt Martina Benz ihre eigene Motivation preis, die sie in ihrem Atelier im Buntentorsteinweg zu vielfältiger schöpferischer Arbeit antreibt. Dort kann sie frei nach ihren Vorstellungen Naturstein formen, der eine hohe Bandbreite an Farben und Oberflächengestaltung aufweist.

Dabei profitiert die Künstlerin, die eine künstlerische Weiterentwicklung anstrebt und sich deshalb zurzeit im Schnitzen kleiner Holzfiguren erprobt, von ihrem handwerklichen Können, weil Benz vor ihrem Bildhau-Studium in Braunschweig in einer Restaurierungswerkstatt in Stadthagen eine klassische Steinmetzlehre absolviert hat. „Ich bin stolz darauf, dass ich das noch gelernt habe“, weiß sie um ihre wertvolle Befähigung, einen bruchrauen Stein aus dem Steinbruch mit traditionellem Geschirr von Hand plastisch formen zu können. Im Steinmetzbereich erledigen das heute größtenteils Maschinen.

Ein Faible für großräumiges Gestalten habe sie schon immer gehabt, erinnert sich die Neustädterin. „Ich bin in den 1970er-Jahren mit groß gemusterten Tapeten groß geworden“, sagt sie lachend. „Zuerst wollte ich Tapetendesignerin werden, später mal Architektur studieren, dann ist es die Steinmetzlehre geworden.“

Ohne handwerkliche Vorkenntnisse sei es anfangs hart in der Restaurierungswerkstatt in Stadthagen gewesen, gesteht die anerkannte Bildhauerin, die zahlreiche Ausstellungen bestückt und an vielen internationalen Symposien teilgenommen hat. „Abends um halb sechs lag ich tot im Bett, das Werkzeug ist sehr schwer“, verhehlt die dynamisch-kraftvoll wirkende Frau die körperliche Anstrengung nicht, von der sie nicht wirklich wusste, ob sie die Belastung dauerhaft aushält. Kurioserweise hat ihr Ausbildungsbetrieb seinerzeit den Bremer Roland restauriert. Das war der erste Berührungspunkt zu der „schönen Stadt“, in der Martina Benz seit 1987 mit ihrem Mann und 19-jährigen Sohn lebt.

Doch nachdem sie den Steinmetz-Gesellenbrief in der Tasche hatte, war Braunschweig die nächste biografische Station der Künstlerin. Denn ihr Lehrbetrieb hatte viele Restaurierungsaufträge in Braunschweiger Kirchen, wo Martina Benz vornehmlich Figuren und Schmuckwerk mit Knüpfel, Fäustel, Spitz-, Zahneisen und anderem Geschirr bearbeitet und dabei Kontakt zu Bildhaustudenten bekommen hat.

Nach zwölf Semestern Freie Kunst bei Johannes Bruns an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig hatte sie 1993 ihr Diplom in der Tasche. Anschließend war Martina Benz zwei Semester Meisterschülerin bei Thomas Vimich, dann stand die Geburt ihres Sohnes bevor. Mit dem 14 Wochen alten Säugling und ihrem Mann nahm die Bildhauerin knapp ein Vierteljahr an einem Symposion in Japan teil, ehe sie aufgrund des Studienwunsches ihres Mannes in Bremen gelandet ist. „Ich habe das nicht bereut“, sagt Benz. „Bremen ist eine schöne Stadt.“

Sie habe rasch eine Bildhauerkollegin kennengelernt, sich mit ihr deren Atelier geteilt und über sie viele Kontakte geknüpft, erinnert sich die Neustädterin. „Als mein Sohn ein Jahr alt war, konnte ich meine künstlerische Produktion wieder aufnehmen“, berichtet sie von der Aufnahme in die Bremer Künstlerförderung. Drei Jahre sei sie in diesen Genuss gekommen. Zum Abschluss hat Martina Benz 2002 die 1,80 Meter hohe Sandsteinskulptur „Der Stuhl“ geschaffen – an der Ecke Pappelstraße / Friedrich-Ebert-Straße.

In Bremen folgten noch 2008 „Die Bremer Stadtmusikanten“ an der Otto-Brenner-Allee in Tenever und diverse aus der Bildhauerwerkstatt der Justizvollzugsanstalt. Das jüngste Projekt sind die am vergangenen Dienstag in Pusdorf eingeweihten Schiffe. Aktuell wartet die Steinbildhauerin darauf, ihr jüngstes Modell „Gegenverkehr“ in der Ortsdurchfahrt von Neuenburg am Rhein realisieren zu können. Doch die Finanzierung für ihre Basaltstein-Skulptur mit aus der Erde kommenden Stapeln von Steinen in verschiedenen Höhen, die sich gegenläufig winden, steht erst zum Teil.„Pflastersteine sind für mich ein Grundprinzip, für das ich mich interessiere. Sie haben mich schon bei meiner Diplomarbeit beschäftigt“, sagt Martina Benz. „Genau wie der Stuhl, das ist ein schönes Symbol.“ Das hat sie zu einer Serie verarbeitet. Auch die geschwungene begehbare „Welle“ aus Pflastersteinen in der Zevener Fußgängerzone fällt der Bildhauerin zu für sie reizvollen Grundstrukturen ein. „Den urbanen Raum fand ich immer spannend, das ist der schönste Ausstellungsraum, den man sich denken kann.“

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