Interview mit Thomas Postera

„Ich hatte schon immer den Willen, einer der Besten sein zu wollen“

Mit den Grün-Gold-Tänzern wurde Thomas Postera zweimal Welt- und zweimal Europameister. Im Interview spricht er über das Tanzen, Wasserball und wie es ist in einer Familie mit acht Kindern aufzuwachsen.
28.06.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„Ich hatte schon immer den Willen, einer der Besten sein zu wollen“
Von Olaf Dorow
„Ich hatte schon immer den Willen, einer der Besten sein zu wollen“

Thomas Postera ist ein sportlicher Alleskönner.

Christina Kuhaupt

Wenn man Ihre sportliche Vita anschaut, könnte man Sie dann als Alleskönner bezeichnen?

Thomas Postera: Ja, das könnte man.

Wie kommt‘s?

Ich komme aus einer Familie mit acht Kindern. Also eigentlich . . .

. .. Moment, was heißt eigentlich?

Na ja, ich habe vier Geschwister, darunter einen Zwillingsbruder. Und dazu drei Cousins beziehungsweise Cousinen, mit denen ich zusammen aufgewachsen bin.

Es ging quasi zu wie in einem Kindergarten?

So ungefähr. Und da wir unter diesen acht Kindern gleich sechs Jungs waren, gab es immer Konkurrenzkampf. Es galt das Prinzip Höher-Schneller-Weiter. Schon immer. Und weil ich sportlich recht talentiert war, konnte ich auch als Kleinerer schon früh mit den Größeren mithalten.

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Sie mussten und konnten sich durchsetzen?

Ja, und ich weiß nicht, warum genau das so ist: Aber ich hatte schon immer den Willen, einer der Besten sein zu wollen.

Im Tanzen wurden Sie das als Doppel-Weltmeister. Warum ausgerechnet Tanzen, bei all Ihren Talenten?

Wie bei fast allen Sportarten, die ich mache, bin ich durch meine Geschwister dazu gekommen. Die sind geschwommen, ich bin zum Schwimmen gegangen. Die haben Wasserball gespielt, ich bin zum Wasserball gegangen. Und irgendwann haben die auch getanzt, also sind wir mit der ganzen Kinderschar auch zum Tanzen.

Sie haben alles parallel und durcheinander gemacht?

Genau. Schwimmen, Wasserball, Tanzen, habe ich nebeneinander gemacht. Pro Woche hatte ich, glaube ich, 13 Termine. Ich habe dazu auch noch Klavier gespielt und war in der Schach-AG. In der achten Klasse war ich durchgehend unterwegs.

Waren Sie der King in der Klasse?

Ach, sportlich gesehen vielleicht. Ansonsten: In Mathe und Musik war ich noch halbwegs begabt, aber sprachlich zum Beispiel war ich nicht so bewandert. Also, der King war ich nicht.

Tanzen wurde dann sozusagen der seriöse Sport für Sie?

Es war lange meine Hauptsportart. Ich habe aber immer etwas nebenbei gemacht. Ich war eine Zeitlang beispielsweise auch Schwimmtrainer im Hochschulsport.

Tanzsport und Tanztraining wird stets als sehr zeitaufwendig beschrieben. Das reichte Ihnen trotzdem nicht?

Weil ich so vielfältig unterwegs bin, liebe ich einfach verschiedene Sportarten. Ich liebe die Abwechslung. Selbst im Tanztraining habe ich gern den Fußball genommen und eine Viertelstunde gekickt, bevor es los ging. Heute spiele ich ab und zu noch mal Wasserball in der Oberliga. Oder Badminton. Oder ich gehe klettern. Tanzen wurde damals zu meinem Hauptsport, weil Wasserball wegbrach.

Praktisch aus der Not heraus sind Sie dann mal Tanz-Weltmeister geworden?

Kann man nicht ganz so sagen. Fast zeitgleich hat sich mein Wasserballteam aufgelöst und wurde ich in die B-Mannschaft von Grün-Gold hochgezogen. Ich habe sehr viel Einzel trainiert damals, es fügt sich alles gut zueinander. Trotzdem darf man eines nicht vergessen: Ohne das Vertrauen und die Unterstützung meiner Trainer, sowohl beim Tanzen als auch beim Wasserball, wie auch die volle Unterstützung meiner Eltern, wäre ich nie so weit gekommen.

Im Superteam von Weltmeister-Trainer Roberto Albanese wurden Sie so etwas wie ein Allrounder? Flexibel einsetzbar?

Am Ende war das so. Am Anfang überhaupt nicht. Da war ich 17, sehr unerfahren, auf einer festen Position eingesetzt. Es war schwierig genug, mit der Dame all die Figuren hinzukriegen. Später dann hätte mich der Trainer überall hinschicken können. Wäre kein Problem gewesen.

Wie haben Ihre Wasserballfreunde das aufgenommen? Bewundernd? Oder lästernd? Da kommt der Schön-Tänzer?

Als ich in Magdeburg in der zweiten Liga anfing, war ich mit Abstand der schlechteste. Richtig spielen habe ich erst da gelernt. Bis zu siebenmal die Woche Training. Die haben natürlich erst mal gestaunt, dass ich Tanz-Weltmeister bin. Waren auch ein bisschen stolz drauf, so einen im Team zu haben. Aber ich musste mich erst beweisen, damit die mich auch als Wasserballer akzeptieren.

Was ist da dann der Ritterschlag?

Wenn man es in die Stammformation schafft. Nach anderthalb Jahren hatte ich das geschafft. Mit viel Training, viel Technik üben. Das ist so. Ein Meister ist noch nie vom Himmel gefallen. Ich könnte jetzt nicht eine Sportart anfangen, und am nächsten Tag bin ich Weltmeister. Das geht nicht.

Aber Sie haben extrem davon profitiert, dass Sie als Kind schon so viel ausprobiert haben?

Das kann man auf jeden Fall so sagen, Ich habe fast alles gemacht. Mit drei habe ich Skifahren gelernt. 2009 bin ich dann Skilehrer geworden und habe jahrelang Unterricht für Kinder gegeben. Ich bin auch Paragliding-Pilot und gehe bergsteigen. Ich habe Kindern Turnunterricht gegeben oder als Sportstudent meine eigenen Bewegungen analysiert. Ich hatte Sport-LK im Abi, ich mag eigentlich alle Ballsportarten. Nur Tennis, das ist nicht so meins. Um mal was zu sagen, was ich nicht so drauf habe.

Man wundert sich etwas, dass Sie als sportlich hochtalentierter Bremer Junge nicht Werder-Profi geworden sind.

Insgeheim war das mein Kinderwunsch. Aber, und das meine ich gar nicht böse: Meine Eltern haben mich nicht zum Fußball gelassen. Sie hatten keine Lust, jedes Wochenende Training oder Spiel oder was auch immer zu organisieren. Ich werde allerdings wohl immer davon träumen, mal in einem vollen Stadion gespielt zu haben. Obwohl sich diese Sehnsucht ja irgendwie ausgeglichen hat.

Sie hatten alternative Traumerfüllungen?

Ich hab‘ vor 5000 Leuten getanzt und den WM-Sieg errungen. Hier in Bremen, das war bombastisch. Ich war in verschiedenen Shows in Paris oder Zürich, ich habe in Magdeburg vor bis zu 400 Leuten Wasserball gespielt. Und immerhin spiele ich jetzt in einer Hobby-Liga ein bisschen Fußball.

Suchen Sie bewusst die totalen Gegensätze? Die Zweikampfhärte im Tanzen und Wasserball könnte doch kaum unterschiedlicher sein.

Das ist ein Trugschluss. Ich habe mir nicht nur beim Wasserball mal die Nase gebrochen. Beim Tanzen wurde sie mir auch gebrochen.

Wie das?

Na ja, wenn ein anderer im Weg steht oder dich nicht sieht. Ich war damals zwei Köpfe kleiner, einer fuhr den Arm aus und zog durch. Mein Nasenbein war dann durch.

Aber im Wasserball passiert so etwas doch häufiger, oder?

Ja gut, die Tanzpartnerin, wenn sie nicht gerade sauer ist, haut nicht so zu wie der Wasserball-Gegner.

Wasserball ist in puncto Zweikämpfe die härteste Sportart?

Ich würde behaupten, dass es im Handball noch etwas heftiger zugeht. Da ist es schneller und wird nichts gedämpft durchs Wasser. Und je höher die Liga im Wasserball, umso fairer wird es dort. Ich habe mal im deutschen Pokal gegen hochklassige Wasserballer gespielt. Das war fantastisch, da passierte gar nichts. Ich hab‘ aber auch unterste Liga gespielt. Da haben wir uns geprügelt.

Über Wasser?

Auch. Da ist dann ein Schiedsrichter, der auch nicht alles sieht, und dann passiert es.

Herr Postera, haben Ihnen Erfahrungen aus dem Tanzen im Wasserball geholfen? Oder andersherum?

Das habe ich eigentlich bei allen meinen Sportarten erfahren. Im Sport-LK habe ich gelernt, woher welche Bewegung kommt. Im Tanzen habe ich meinen Körper sehr gut kennengelernt, durch die vielen innerkörperlichen Bewegungen oder das Zusammenspiel von Muskeln. Durchs Schwimmen und Wasserball musste ich im Tanzen nie an meiner Grundkondition arbeiten. Durchs Tanzen hatte ich im Wasserball die Möglichkeit, dass ich quasi meine Muskeln sortieren konnte. So eine Art Symbiose ist auf jeden Fall da.

Auch Ihr beruflicher Weg führte in den Sport. Sie beliefern Sport- und Turnhallen mit Sportgeräten. Das dürfte wohl kein Zufall sein.

Eigentlich ist es doch ein Zufall. Ich hatte mich noch gar nicht beworben nach dem Studium und durch Verkettung von Zufällen den Vorbesitzer von Rosenberg-Sportgeräte kennengelernt. Ich fand das total interessant. So ergab es sich schließlich, dass ich die Firma übernommen habe. Jetzt habe ich eine Arbeit, die mir mehr als Spaß macht. Weil ich genau das mache, was ich gerne machen wollte. Ich habe mit Sport, mit Wirtschaft, mit Ingenieurswesen zu tun.

Und mit Kindern, die die Geräte ausprobieren?

Genau. Mit Kindern, Lehrern, Trainern, Sportvereinen. Ich bin jeden Tag an irgendeiner Sportstätte. Und wie im Sport habe ich ein tolles Team an meiner Seite!

Und Sie sehen oft offene Münder, was Sie alles können an den Geräten?

Ich turn das ja in der Regel nicht vor. Ich erzähle auch nicht jedem sofort, dass ich Weltmeister bin.

Aber Sie könnten es.

Mit 18 hätte ich das vielleicht so gemacht. Aber das ist nicht mehr so. Die Leute sollen mich nicht als Supersportler kennenlernen. Sondern als netten Menschen.

Das Gespräch führte Olaf Dorow.

Info

Zur Person

Thomas Postera (28) wuchs in einer kinderreichen Bremer Familie auf und ein Könner in unzähligen Sportarten aus. Er wurde mit den Grün-Gold-Tänzern zweimal Welt- und zweimal Europameister. In Magdeburg, wo er studierte, spielte er Wasserball in der zweiten Liga. Inzwischen besitzt und führt er in Bremen die Firma „Rosenberg Turn- und Sportgeräte“.

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